Die Impfpriorisierung ist seit Montag aufgehoben - wegen fehlenden Impfstoffes könnte es allerdings dauern, bis auch jüngere Menschen geimpft werden.
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Die Impfpriorisierung ist seit Montag aufgehoben - wegen fehlenden Impfstoffes könnte es allerdings dauern, bis auch jüngere Menschen geimpft werden. (Symbolfoto)

120.000 Registrierungen seit Montag

Corona in Hessen: Ansturm auf Impftermine - Ärzte aus Fulda beklagen Impfstoff-Knappheit

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Ab jetzt dürfen alle ab 16: Die Impfpriorisierung nach Alter, Gesundheitszustand oder Berufsgruppe ist seit Montag bundesweit aufgehoben. Die Nachfrage in den Hausarztpraxen und den Impfzentren ist groß: Bis Dienstagmittag (13 Uhr) hatten sich 120.000 Bürger online oder telefonisch beim Land Hessen registriert. 

Fulda/Wiesbaden - Während es zu Beginn der Impfkampagne teilweise Stunden dauerte, bis man sich für eine Corona-Impfung in einem der 28 hessischen Impfzentren registriert hatte, geht es jetzt rasend schnell – sowohl telefonisch, als auch online: Die Impfseite impfterminservice.hessen.de aufrufen, „Impftermin online vereinbaren“ anklicken, Name, Adresse, E-Mail eingeben. „Weiter“ klicken. Keine Minute später bekommt man eine Pin auf seine E-Mail-Adresse, Pin eingeben, Passwort wählen, Impfzentrum auswählen. Fertig. Jetzt heißt es warten, bis man einen Termin zugeteilt bekommt.

Doch das kann etwas dauern. Aktuell warten in Hessen noch rund 486.000 Personen der Priorisierungsgruppe 1 bis 3 auf einen Termin. Wie das hessische Innenministerium mitteilt, erhalten diese Menschen, die sich bis zum 6. Juni, angemeldet haben, zuerst ihre Impfung. Erst danach sind diejenigen dran, die keiner Priorisierungsgruppe angehören. Die Termine werden dann nach dem Zufallsprinzip zugewiesen. „Der Zeitpunkt der Registrierung hat somit keinen unmittelbaren Einfluss“, erklärt Michael Schaich, Pressesprecher des Ministeriums, in einer Mitteilung. (Weitere Neuigkeiten zur Entwicklung des Coronavirus in Hessen finden Sie in unserem Ticker)

Corona in Hessen: Großer Ansturm auf Impftermine - doch der Impfstoff fehlt

Rund 120.000 Impfwillige hatten sich laut des hessischen Innenministeriums bis Dienstagmittag (13 Uhr) registriert. Auch wenn der Impfstoff von Biontech inzwischen europaweit für Mädchen und Jungen ab 12 Jahren zugelassen ist, ist eine Anmeldung bei den 28 Impfzentren des Landes erst für Personen ab 16 Jahren möglich. Der Grund: Die Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut (STIKO) hat noch keine entsprechende Empfehlung für Kinder ausgesprochen.

„Ich werde diese Empfehlung bei meinen Kindern auch abwarten“, erklärt Ralph-Michael Hönscher, Hausarzt und Vorstandsvorsitzender des Gesundheitsnetzes Osthessen (GNO). Hönscher betreibt eine Praxis in Petersberg. Er und sein Team haben bis vergangene Woche 1130 Erst- und Zweitimpfungen durchgeführt. Die Nachfrage nach Impfungen beim Hausarzt sei groß: „Unser Telefon steht nicht still. Die Leute wollen am liebsten sofort ihren Impftermin. Aber man muss klar sagen: Ihr könnt euch eintragen lassen, aber es wird eine Weile dauern.“ Die Impfstoff-Lieferungen seien zu gering, um die Nachfrage zu bedienen. „Das, was wir momentan pro Arzt bestellen können, ist ein Witz. Und den Unmut der Patienten bekommen wir ab. Aber wir können nicht mehr Kuchen verteilen wie wir haben“, so Hönscher.

Arzt aus Fulda zur Impfstoff-Knappheit: „Können nicht mehr Kuchen verteilen, als wir haben“

Dass die Impfpriorisierung aufgehoben worden ist, findet er „ok“, er vermutet aber, dass in diese Entscheidung – jetzt, einige Monate vor der Bundestagswahl – auch politische Interessen mit hineinspielen. Auch in seiner Praxis gibt es Wartelisten. Jedem, der eine Impfung haben möchte, rät er, sich bei mehreren Stellen zu registrieren und die erste Möglichkeit wahrzunehmen.

Video: Große Impfbereitschaft bei jungen Menschen

„Es ist dann aber wichtig, sich bei den anderen abzumelden. Denn wenn man das nicht macht, nimmt man einem anderen den Platz weg und die Praxen müssen dann schauen, wer nachrücken kann.“ Auch Hönschers Kollegen, Dr. Thomas Vietor aus Fulda und Dr. Klaus Freudenberg aus Hünfeld äußern sich zu der Thematik. (Lesen Sie hier: Mit unserem Corona-Ticker für den Landkreis Fulda bleiben Sie immer auf dem Laufenden)

Dr. Thomas Vietor von der Hausarztpraxis Fulda.

Dr. Thomas Vietor (Hausarztpraxis Fulda): Etwa Tausend Namen von Menschen, die eine Impfung erhalten möchten, stehen auf der Liste der Hausarztpraxis Fulda. Dr. Thomas Vietor ist einer der fünf Allgemeinärzte, die dort arbeiten. Eine verstärkte Nachfrage am Montag, dem ersten Tag, an dem die Priorisierung aufgehoben worden ist, hat er nicht festgestellt. Es sei „der übliche Wahnsinn“ gewesen. Denn generell sei die Nachfrage nach Terminen sehr hoch: „Wir haben eine Priorisierungsliste, die noch nicht abgearbeitet ist – Patienten, die zum Beispiel an einer chronischen Krankheit leiden, haben bei uns Vorrang“, erklärt der 65-Jährige. Die Einschätzung, wer eine Impfung am nötigsten hat, sei bei den Hausärzten in den richtigen Händen. Für sein Team sei die Impfkampagne viel Arbeit: „Es ist eine irrsinnige Zusatzbelastung. Wir müssen ja auch den normalen Praxisbetrieb aufrecht erhalten.“ Vietor beklagt ebenfalls, dass es zu wenig Impfstoff gibt: „Wenn wir so viel Impfstoff kriegen würden, wie wir impfen könnten, dann würden wir Gas geben und wären bald durch damit.“

Dr. Klaus Freudenberg vom MVZ Freudenberg in Hünfeld.

Dr. Klaus Freudenberg (MVZ Freudenberg): „Der Andrang war heftig. Es gab viele telefonische Anfragen“, sagt Klaus Freudenberg, Allgemeinmediziner des MVZ Freudenberg in Hünfeld. Es sei gut, dass die Impfpriorisierung am Montag aufgehoben wurde: „Zu überprüfen, wer impfberechtigt ist und wer nicht, das hat uns viel Arbeit gekostet und auch den Praxisablauf enorm gestört.“ Zudem habe es immer mal wieder auch Diskussionen um die Einstufung gegeben. Allerdings hätten die Hausärzte ein großes Problem: „Es steht gar nicht genügend Impfstoff zur Verfügung. In dieser Woche bekomme ich nur sechs Dosen für Erstimpfungen“, erklärt der 66-Jährige. In seiner Praxis gebe es eine Warteliste mit etwa 150 Namen. Wenn eine Impfdosis angebrochen ist, muss sie zeitnah verabreicht werden. Probleme, Impfwillige zu finden, die spontan vor Ort sein können, hatte Freudenberg bisher nicht: „Wir mussten nie eine Impfung wegwerfen.“

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