Kaum eine Arztpraxis befürwortet die Pläne der KV Hessen, die Abstände zwischen der ersten und zweiten Corona-Impfung zu verkürzen. (Symbolfoto)
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Kaum eine Arztpraxis befürwortet die Pläne der KV Hessen, die Abstände zwischen der ersten und zweiten Corona-Impfung zu verkürzen. (Symbolfoto)

Corona-Impfung vor Sommerferien?

„Wir sind Ärzte und nicht Urlaubsermöglicher“: Mediziner aus Osthessen laufen Sturm gegen KV-Impfaktion

  • Bernd Loskant
    vonBernd Loskant
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Mit Blick auf die Sommerferien will die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen das Impftempo beschleunigen, um möglichst vielen Menschen eine Urlaubsreise zu ermöglichen. Doch mit der Ankündigung, die Abstände zwischen der ersten und zweiten Corona-Impfung massiv zu verkürzen, geht die KV nach Meinung vieler Ärzte zu weit. Kaum eine Praxis macht das mit.

Fulda - In vielen Hausarztpraxen werden derzeit Sonderschichten gefahren, um die Anfragen nach Corona-Impfungen zu bewältigen. Ärzte führen neben dem normalen Praxisbetrieb Hunderte Impfungen durch, berichten von ungeduldigen, teils unverschämten Anrufern und erschöpftem Personal. Jetzt sorgt eine Ankündigung der KV Hessen für noch mehr Andrang – und Aufruhr: Unter der Überschrift „Geimpft sicher in den Urlaub – wer will, der kann!“ verspricht die KV eine „besondere Impfaktion“ – allerdings nur mit Astrazeneca-Impfstoff, denn das Vakzin erweist sich immer mehr als Ladenhüter und kann von Ärzten nun unbegrenzt beschafft werden.

Was in einer Pressemitteilung der KV, die für die Versorgung der Patienten in Hessen zuständig ist, zu lesen ist, klingt nach unbeschwerten Zeiten, die bevorstehen – auch für die, die beim Impfen eigentlich noch nicht dran sind. Alle Erwachsenen können sich demnach von Pfingsten an mit Astrazeneca impfen lassen – Erst- und Zweitimpfung sollen binnen vier Wochen erfolgen. Auch das ist ungewöhnlich, denn normal waren bislang acht bis 12 Wochen. Nach weiteren zwei Wochen gibt es den digitalen Impfpass, der – wie es heißt – „Interessierten die Reisefreiheit“ bietet, „die sie sich für den Urlaub in Europa in diesem Sommer wünschen.“ Und weiter: „Die Sicherheit, gut gegen eine Infektion mit dem Coronavirus geschützt zu sein, gibt’s inklusive.“ Dafür sei „nicht mehr als ein Anruf bei der teilnehmenden Haus- oder Facharztpraxis und eine Terminvereinbarung nötig.“

Corona: Impftempo vor Sommerferien beschleunigen? - Ärzte laufen Sturm

In der Ärzteschaft sorgt die Aktion, von der viel Mediziner überrumpelt wurden, für Kopfschütteln. Mancher ist entsetzt über so wenig Kenntnis der Situation in den Praxen. Ralph Hönscher, Vorstand des Gesundheitsnetzes Osthessen (GNO), hält die Aktion für „sonderbar und befremdlich“. Er werde selbst nicht teilnehmen und kenne auch keine Praxis, die unter diesen Bedingungen mitmacht, sagt der Hausarzt, der als GNO-Chef für 150 Ärzte aus der Region spricht. (Mit dem Corona-Ticker für Fulda bleiben Sie auf dem Laufenden.)

Vor allem zwei Argumente sprechen nach Ansicht der Ärzte gegen die Aktion. Die Doktoren Miriam und Roland Wagner, die eine Hausarztpraxis in Fulda führen, erklären: „Die Zulassungsstudien für den Astrazeneca-Impfstoff sehen einen längeren Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung als medizinisch sinnvoll an.“ Bei einem Abstand von zwölf Wochen habe man die höchste Wirksamkeit – von bis zu 80 Prozent. Dagegen liege der Schutz nur knapp über 50 Prozent, wenn die Zweitimpfung innerhalb von vier bis acht Wochen erfolge. „Wenn wir nach vier Wochen die Zweitimpfung durchführen, können sich von 100 Menschen noch 50 anstecken“, rechnet GNO-Chef Hönscher vor. Und er wählt einen drastischen Vergleich: „Das ist, als würde man von Fulda nach München fahren – die Hälfte der Strecke angeschnallt, die andere Hälfte nicht.“

Das zweite Argument gegen die Impfaktion: „Wir haben in der Praxis nur limitierte Kapazitäten – das wird völlig außer Acht gelassen“, sagen die Wagners. Nun die Zweitimpfungen vorzuziehen, führe dazu, dass weniger Menschen ihre Erstimpfung bekommen. Und das sei aus medizinischer Sicht nicht zu verantworten.

Für Hönscher, der eine Hausarztpraxis in Petersberg führt, ist die Lage inzwischen dramatisch: „Schwerkranke kommen in den Praxen nicht mehr durch, weil die Telefone mit Impfanfragen total überlastet sind“, sagt der GNO-Chef und betont: „Wir sind Ärzte und nicht Urlaubsermöglicher.“

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Was also bewegt die KV zu einem solchen Schritt, der offenbar mit den Ärzten vor Ort nicht abgestimmt wurde? Hönscher hat zwei Theorien: Man könne auf diese Weise Impfstoff, der möglicherweise bald ablaufe, noch schnell verimpfen. Zum anderen sei das Thema ein Politikum. „Der Deutsche liebt seinen Urlaub auf Mallorca“, sagt Hönscher und spekuliert, dass sich mit der Aktion die Bevölkerung beschwichtigen lasse. „Doch in Wirklichkeit führt das dazu, dass sich Menschen in falscher Sicherheit wiegen.“

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