Hessens Kultusminister Alexander Lorz mit Maske.
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Für Ralph Alexander Lorz soll das Wechselmodell nicht landesweit eingesetzt werden.

Landesweit noch keine Option

Interview: Schulen sind kein Treiber von Corona - Kultusminister Lorz stellt sich gegen ein Wechselmodell

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
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Seit fast sieben Jahren ist Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz (CDU, 55) hessischer Kultusminister. Die Aufgabe, die Schulen auf Kurs zu halten, war vermutlich noch nie so kraftraubend wie in der Corona-Krise.

Fulda - Im Interview spricht der hessische Kultusminister Ralph Alexander Lorz über den Vorrang des Präsenzunterrichts, Kritik von Lehrerverbänden und Briefe von Schülerhand. (Lesen Sie hier: Corona-Fälle am Domgymnasium in Fulda)

Die Corona-Beschlüsse der Ministerpräsidenten zum Vorrang des Präsenzunterrichts vom vergangenen Mittwoch haben Ihre Linie ja bestätigt?
Ja, die Runde hat den hessischen Weg bestätigt: Bund und Länder messen nicht nur im Konsens der Kultusminister, sondern auch auf höchst politischer Ebene dem Präsenzunterricht Priorität bei. Digitaler Unterricht sollte die Ausnahme bleiben.
Sie selbst arbeiten aber jetzt sicher viel digitaler? 
Wir arbeiten natürlich sehr viel mehr digital als vor der Krise. Der Tag besteht fast nur noch aus Telefon- und Videoschaltkonferenzen. Aber ich bin regelmäßig im Ministerium präsent, weil es mir auch wichtig ist, dass ich für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter greifbar bin. 
In den Schulen drängen Sie in Corona-Zeiten auf möglichst viel Präsenzunterricht. Die Lehrerverbände halten das für falsch. Ist der Minister näher an den Schulen als die Lehrer?
Die Stimmung in den Schulen ist gemischt. Hier besteht ein Interessengegensatz: Die Verbände haben sich überwiegend zum Ziel gesetzt, flächendeckend einen Wechselunterricht einzuführen. Das kann ich aus Sicht der Lehrer verstehen. Sie führen sich wohler mit kleineren Lerngruppen. Aber als Kultusminister muss ich auch das Wohl aller Schülerinnen und Schüler im Blick haben. Die vergangenen Monate haben eindrücklich gezeigt, dass insbesondere für kleinere und benachteiligte Kinder der Präsenzunterricht durch nichts zu ersetzen ist.

Corona in Schulen: Kultusminister Lorz (CDU) gegen landesweites Wechselmodell

Sieben Verbände von Schulleitern und Lehrern werfen Ihnen vor, Ihrer Sorgfaltspflicht in der Corona-Pandemie nicht nachzukommen und sich abzuschotten. 
Gerade den letzten Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Mir liegt von keinem der sieben Verbände eine unbeantwortete Gesprächsanfrage vor. Ich habe alle Verbände – nicht nur die sieben – in dieser Woche zu einer Videokonferenz eingeladen. Das war schon länger geplant, ist also keine Reaktion auf die Erklärung. Und inhaltlich haben nun alle 16 Bundesländer den Vorrang des Präsenzunterrichts bestätigt.
Ab welchem Punkt sind Sie für das Umschwenken auf das Wechselmodell? 
Die Ministerpräsidenten haben den Inzidenzwert von 200 als neuen Orientierungswert gegeben. Der Wert setzt keinen Automatismus in Gang, aber dann muss man sich unter anderen über einen Wechselunterricht Gedanken machen. In Hessen wird übrigens in den Kreisen, die über diesem Wert liegen, das Wechselmodell in der einen oder anderen Form schon praktiziert. Das zeigt: Die Entscheidung durch die Gesundheitsbehörden vor Ort funktioniert.
Und was ist mit den Landkreisen, die vom Wert 200 weit entfernt sind? Fulda und Vogelsberg gehören dazu. 
Es gibt kein ausgeprägtes Infektionsgeschehen an Schulen, deshalb gibt es bei allgemein niedrigeren Werten keinen Grund, die Kinder in der Hälfte der Schultage nach Hause zu schicken. Daher sehe ich landesweit für das Wechselmodell bislang keinen Anlass. Wenn wir landesweit sehr hohe Werte wie teilweise im Rhein-Main-Gebiet hätten – was wir nicht hoffen –, dann müssten wir auch landesweit reagieren.

Video: Corona an Schulen - Wechselunterricht bleibt regional

Aber so lange wir diese Werte nicht haben, bleibt es die Entscheidung der Landkreise?
Ja, das ist die sachgerechteste Entscheidung. Die Lage ist in einem Flächenland wie Hessen so unterschiedlich, dass man situationsangemessen nur dann reagieren kann, wenn man es vor Ort tut. 
Was haben Sie aus dem Frühjahr gelernt, als der Unterricht wegen Corona komplett als Fernunterricht stattfand?
Im Frühjahr, als wir die Schulen geschlossen haben, glaubten wir, dass sie ein besonderer Treiber der Pandemie wären – diese Ansicht hat sich glücklicherweise als falsch herausgestellt.
Schulen wurden gar als Virenschleudern bezeichnet.
Das war ja zu Beginn nachvollziehbar, weil wir wussten, dass gerade die kleinen Kinder maßgebliche Überträger von Atemwegserkrankungen sind. Das ist aber bei dem Coronavirus offenbar anders. Deswegen können wir Kindergärten und Grundschulen jetzt relativ bedenkenlos offen lassen. Das hat auch die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten bewogen zu sagen, die Schulen schließen wir – wenn überhaupt – als letztes.
NameRalph Alexander Lorz
Geboren30. November 1965, Nürnberg
ParteiChristlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)
AmtMitglied des Bundesrates seit 2014, Kultusminister von Hessen
AusbildungHarvard Law School (1993–1994), Philipps-Universität Marburg (1992), Johannes Gutenberg-Universität Mainz (1983-1988), Diltheyschule (1983)
Ihre zweite Lehre aus dem Frühjahr?
Wie haben gesehen, was Kindern durch die Schließung der Schulen verloren gegangen ist. Wir haben gesehen, wie wichtig Bildungseinrichtungen für die Kinder sind. Den Präsenzunterricht kann der Distanzunterricht niemals komplett ausgleichen.
Warum sind die Schulen trotz der absehbaren Entwicklung so schlecht auf den Corona-Winter vorbereitet?
Die Schulen sind so gut wie möglich vorbereitet. Man muss auch realistische Erwartungen haben. Wir sind das erste Mal in einer solchen Situation. Wir haben keine Erfahrungen – außen denen, die wir seit Frühjahr gewonnen haben. Deshalb tasten wir uns voran. Das gilt nicht nur für die Schulen. Das gilt auch für alle anderen Bereiche der Gesellschaft.
Trotzdem wird kritisiert, die Schulen seien schlecht vorbereitet gewesen.
Wir haben das neue Schuljahr intensiv mit einer Konzeptgruppe aus Schulpraktikern, Eltern- und Schülervertretern vorbereitet. Was hätten wir noch tun sollen, was dort niemandem eingefallen ist? Auf diese Frage bekomme ich nie eine Antwort. Natürlich kann man Pauschalkritik üben nach dem Motto, warum haben wir im Sommer nicht verhindert haben, dass es jetzt zu einer zweiten Welle gekommen ist. Aber das bringt uns nicht weiter. Zudem: Die Schulen sind nicht schlecht aufgestellt. Sie leisten jeden Tag aufs Neue Beeindruckendes!

Kultusminister Ralph Alexander Lorz: Zusätzliches Corona-Schuljahr „wäre die allerletzte Notmaßnahme“

Welche Mittel aus dem Digitalpakt wurden von den Landkreisen schon abgerufen? 
Die Mittel für die Schüler-Endgeräte wurden ja schon verteilt. Von dem großen Digitalpaket, den 500 Millionen Euro, die für Breitband-Anschlüsse, WLAN, Präsentationstechnik und Ähnliches ausgegeben werden sollen, sind schon mehr als 50 Millionen Euro von uns freigeben, davon 720.000 Euro für die Stadt Fulda, 730.000 Euro für den Vogelsbergkreis und 850.000 Euro für den Main-Kinzig-Kreis. Das ist das, was bisher beantragt und bewilligt wurde – vor allem für die WLAN-Ausstattung. Der Landkreis Fulda hat noch nichts beantragt. Die kommunalen Schulträger sind intensiv damit beschäftigt, weitere Anträge zu stellen. Da wird bald Schwung reinkommen. Und damit der ganze Prozess zukünftig noch schneller abläuft, werden wir den Schulträgern auch nochmal unter die Arme greifen.
Was halten Sie vom Vorstoß des Deutschen Lehrerverbandes, ein zusätzliches Schuljahr einzuführen, da in diesem Schuljahr die Lehrpläne nicht eingehalten werden können? 
Gar nichts. Das ist purer Aktionismus. Es wäre die allerletzte Notmaßnahme. Wenn wir die Schulen noch einmal für ein halbes Jahr schließen müssten, dann wäre so etwas vielleicht eine Option. Aber das werden wir hoffentlich vermeiden können. Auch hier denke ich primär an die Schülerinnen und Schüler: Es geht nicht darum, dass ihnen eine bestimmte Stoffmenge vermittelt wird, bevor sie die Schule verlassen, sondern sie müssen auf das Leben, eine Ausbildung oder das Studium vorbereitet werden. Aber dafür alle eine Extraschleife drehen zu lassen – mal abgesehen davon, welche Verwerfungen das auf dem Arbeitsmarkt zur Folge hätte –, das ist nicht angemessen.
Wissen Sie, wie viele Klassen und wie viele Schulen wegen Quarantänemaßnahmen geschlossen sind?
Ja. Das wird dem Ministerium täglich gemeldet und ist auch auf der Homepage des Kultusministeriums nachzulesen. Und eineinhalb Prozent der Schüler und der Lehrer sind derzeit in Quarantäne. Im Übrigen gehen diese Zahlen seit rund zwei Wochen stetig zurück.

Corona in Schulen - Minister Lorz: Es macht keinen Sinn, in jedem Klassenzimmer ein Lüftungsgerät aufzustellen

Wie viele Lehrkräfte sind vom Unterricht befreit, weil sie einer Risikogruppe angehören?
3,4 Prozent – deutlich weniger als vor den Sommerferien. Das ist ein gutes Zeichen dafür, mit welcher guten Berufsauffassung die Lehrkräfte ihrer Arbeit nachgehen.
Wie viele Schüler sind von der Schulbesuchspflicht befreit, weil sie selbst oder nahe Angehörige zu einer Risikogruppe zählen?
Das waren vor den Ferien vier bis fünf Prozent. Auch dieser Wert ist deutlich niedriger geworden. Jetzt steht er bei 0,3 Prozent.
Wenn Kommunen Lüftungssysteme für Schulen anschaffen, gibt das Land Zuschüsse. Aber Sie lehnen diese Systeme ab. Passt das zusammen?
Wir lehnen Lüftungssysteme keineswegs ab. Allerdings gibt es bei diesem Thema eine falsche Erwartungshaltung. Ich lese in vielen Elternzuschriften: Geben Sie uns doch ein Lüftungsgerät, dann müssen unsere Kinder nicht frieren, weil ständig gelüftet wird. Wir haben zwei Studien in Auftrag gegeben. Die Experten sind sich einig: Die Filter können das Lüften nicht ersetzen. Das Stoßlüften ist nicht schädlich für die Kinder – das sagen die Mediziner auch –, aber es reduziert die gefährlichen Aerosole um ein Vielfaches. Die TH Mittelhessen hat – je nach Raumtyp – eine Reduzierung gemessen, die um den Faktor 10 bis 80 höher liegt als beim Einsatz von Lüftungsgeräten. Das schafft kein Gerät.
Dennoch geben Sie Zuschüsse dafür.
Ja. Vor allem dort, wo es mit dem Stoßlüften nicht funktioniert, können die Geräte ein unterstützendes Element sein. Deshalb geben wir Zuschüsse. Aber es macht keinen Sinn, in jedem Klassenzimmer ein Lüftungsgerät aufzustellen. Die Fenster müssen trotzdem aufgemacht werden.
Vor einigen Jahren hat das Land Vergleichstests eingeführt, bei denen Eltern sehen konnten, wo ihre Schule steht. Zunächst waren die Ergebnisse öffentlich, seit einigen Jahren sind sie geheime Verschlusssache. Warum?
Wir haben festgestellt, dass es einen nicht wünschenswerten Effekt gibt: Schulen, die nicht gut abgeschnitten haben, wurden an den Pranger gestellt. Das wollen wir nicht. Wir gehen schlechten Ergebnissen ja nach, aber nicht in der Öffentlichkeit.
Können sich Schüler mit Anliegen direkt an Sie wenden?
Ja. Alles, was an mich persönlich – nicht in offenen Briefen – gerichtet wird, lese ich selbst. Da bin ich am Tag eine ganze Weile beschäftigt. Zusätzlich ist es mir wichtig, viel in den Schulen vor Ort zu sein. Dass das jetzt nicht mehr so möglich ist, fehlt mir sehr.
Ab 2025 haben Grundschüler einen Anspruch auf eine Ganztagsbetreuung. Ist das eine Aufgabe der Schulen oder der Kommunen?
Im Grundsatz ist das eine Aufgabe der Kommunen, aber wir haben schon seit langem erkannt, dass wir die Kommunen damit nicht allein lassen dürfen. Denn alles, was über Betreuung hinaus geht, ist Bildung und damit Aufgabe des Landes. Das lässt sich gar nicht so leicht trennen. Wir sehen uns da in der Verantwortung. Deshalb haben wir den Pakt für den Ganztag ins Leben gerufen. Dieser Pakt entspricht inhaltlich dem, was die große Koalition in Berlin gerade diskutiert. Wichtig ist uns, dass das Angebot freiwillig bleibt.
Wer zahlt dafür?
Die Kommunen leisten weiter ihren Anteil für die Betreuungsangebote. Wir als Land geben in diesem Jahr mehr als 3000 Lehrerstellen beziehungsweise den Gegenwert dazu. Und es werden jedes Jahr 350 Stellen mehr. Zudem will der Bund ja auch noch Geld im Zuge des Rechtsanspruchs beisteuern. Das ist eine Aufgabe wie die Digitalisierung. Bund, Länder und Kommunen wissen: Das können sie nur gemeinsam hinbekommen.

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