Zwei Teilnehmer einer Demonstration von Gewerbetreibenden.
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Der Handel hat zu kämpfen: Immer häufiger funken Geschäftsleute in der Corona-Krise S.O.S. (Symbolbild)

„Werden hängenlassen“

Corona-Hilfen in der Kritik: Viele Unternehmen in Fulda haben das Vertrauen in die Politik komplett verloren

  • Bernd Loskant
    vonBernd Loskant
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Mit einer Panzerfaust, der Bazooka, wollte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) viel Geld auf das Coronavirus schießen und Unternehmen mit Hilfszahlungen vor der Insolvenz schützen. Den großen Worten folgten nicht die entsprechenden Taten, wie fünf Beispiele zeigen.

Fulda - Die Corona-Hilfszahlungen tröpfeln, kommen gar nicht oder zu spät an. Viele Unternehmer haben das Vertrauen in Politik verloren. Auch in der Region Fulda. Wir haben nachgefragt bei Katrin Haben (Inhaberin des Brautmodengeschäfts „The One“ in Fulda), Svenja und Michael Glas (Inhaber des Grill-Restaurants Kneshecke in der Rhön), Kristin und Wolfgang Reiter (Inhaber Frisurenstudio Reiter in Fulda) und Reginald Bukel (Inhaber des Modegeschäfts Catwalk im Centhof in Fulda).

Katrin Haben (Inhaberin des Brautmodengeschäfts „The One“ in Fulda) zeigt sich „unfassbar enttäuscht über die Politik“: Eigentlich wäre gerade Hauptsaison im „The One – Bridal Concept Store“ in der Fuldaer Innenstadt, denn mit dem Ende des Winters starten die klassischen Hochzeitsmonate. Doch nun werden viele Eheschließungen, die fürs Frühjahr geplant waren, verschoben. Und die, die sich trauen, haben Probleme, ein dem Anlass angemessenes Outfit zu finden.

Corona-Regel: Brautmodengeschäft bietet „körpernahe Dienstleistungen“ an?

Denn auch die Brautmodengeschäfte sind geschlossen. „Ich bin unfassbar enttäuscht, wie wenig Gedanken sich die Politik macht“, sagt Inhaberin Katrin Haben. „Einzelhändler ist doch nicht gleich Einzelhändler. Wir sind kein Einkaufstempel mit 3000 Quadratmetern. Wir kennen unsere Kunden. Kontaktverfolgung wäre im Fall der Fälle jederzeit möglich. Man vernichtet Existenzen, die keine Gefahr darstellen“, so die Unternehmerin. Ihrem Ärger hat sie in einer achtminütigen Wutrede auf Instagram Luft gemacht.

Auch bei der Ausgestaltung der Corona-Hilfspakete beklagt die Händlerin eine völlige Missachtung der Realitäten im Mittelstand. Die Überbrückungshilfe helfe in ihrem Fall wenig, da sie nur einen Teil der Fixkosten abdecke. „Die Politik vergisst, dass wir auch von irgendetwas leben müssen“, sagt die Mutter zweier Kinder (4 und 7). Die Überbrückungshilfe gehe komplett an kleinen Selbstständigen vorbei. Und die „Starthilfe“ für Solo-Selbstständige, die in Fällen wie ihrem die Not lindern soll? „Die hätte ich bekommen können, wenn ich nicht im letzten Jahr, als der zweite Lockdown weit weg war, nicht noch jemand eingestellt hätte.“

Katrin Haben ist Inhaberin des Brautmodengeschäfts „The One“ in Fulda.

Was im Fall von Katrin Haben die Lage noch schlimmer macht: In den Bundesländern gelten unterschiedliche Corona-Regelungen für Brautmodengeschäfte. In Berlin werde der Bereich als Handwerk betrachtet, da vielen Läden Schneidereien bzw. entsprechende Dienstleistungen angeschlossen seien. Die Geschäfte dürften öffnen und beraten – nur bezahlt werden dürfe im Geschäft kurioserweise nicht.

In Bayern wiederum sehe man in den Dienstleistungen der Brautmodengeschäfte „körpernahe Dienstleistungen“ – und damit gelte ein temporäres Berufsverbot. Doch damit nicht genug der Absurditäten: „In Hessen dürfen wir bei uns im Geschäft nur die Brautkleider abstecken.“ Allerdings werde die Verordnung unterschiedlich ausgelegt. So gebe es in anderen Städten Ausnahmen, während sie ihr Geschäft auf Online-Beratungen reduzieren muss und – nicht ohne Risiko – teure Brautkleider zur Auswahl an Kundinnen schickt.

Im Video: Söder: Bei Corona-Hilfen „Dampf machen

Nun hat Katrin Haben mit mehr als 20 weiteren hessischen Brautmodegeschäften einen Anwalt engagiert, der Corona-Handlungsempfehlungen ausgearbeitet hat, die ihnen erlauben sollen, wieder die Arbeit aufzunehmen. Denn sonst „grassiere der Brauttourismus“, sagt sie. „Uns würde nichts anderes übrigbleiben, als zuzusehen, wie andere den Kuchen aufessen – und wenn wir wieder öffnen dürfen, wären nur noch Krümel übrig.“

Corona-Lockdown: Öffnungsperspektiven sind wichtiger als finanzielle Hilfen

Svenja und Michael Glas (Inhaber des Grill-Restaurants Kneshecke in der Rhön) sagen: „Wir leben gerade von der Substanz.“ Die gute Nachricht: „Alle Rhöner-Charme-Betriebe stehen stabil“, sagt Michael Glas. Doch das führt der Wirt der Kneshecke eher darauf zurück, dass in den Gasthäusern der Region in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet wurde. Auf die Corona-Hilfen der Regierung sei kein Verlass. „Was oben verkündet wird und unten ankommt, ist differenziert zu sehen“, formuliert er es diplomatisch.

Svenja und Michael Glas sind Inhaber des Grill-Restaurants Kneshecke in der Rhön.

Alle Corona-Hilfen kämen – wenn überhaupt – erst mit monatelanger Verspätung an. Schon auf Abschlagszahlungen warte man sechs Wochen. Dass Steuerberater erst Lehrgänge besuchen müssten, um bei den Anträgen durchzusteigen, dass Software nicht an den Start gehen kann, weil man bei der Programmierung US-Dollar und Euro verwechselt habe, all das trage dazu bei, dass „durch die Bank ein kompletter Vertrauensverlust in die Politik“ entstanden sei. 

„Die Anträge sind sehr komplex“, sagt auch Steuerberaterin Bianca Alt. „Unsere Kanzlei arbeitet nun seit fast einem Jahr ununterbrochen auf Höchstleistung.“ Die Partnerin der Kanzlei Alt & Partner Steuerberatungsgesellschaft mbB in Fulda kritisiert unter anderem aus Sicht der Unternehmen auch die fehlende Transparenz zur Lockdown-Aufhebung.

Glas pflichtet in Sachen Kompliziertheit zu. Beim Antrag auf die Überbrückungshilfe I sei die Sache so komplex und kompliziert gewesen, dass er bei einer Fördersumme von 12.000 Euro rund 3500 Euro Steuerberatungskosten hatte. Zudem weist er darauf hin, dass die Hilfszahlungen voll steuerpflichtig seien. „Wer also 100.000 Euro bekommt, sollte gleich mal 30.000 davon zurücklegen“, rät Glas. 

Hintergrund: November- und Dezemberhilfe

Die Novemberhilfe und Dezemberhilfe richtete sich an Unternehmen, Selbstständige, Vereine und Einrichtungen, deren Betrieb aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen wurde, also beispielsweise Gastronomen, Hoteliers und Kulturveranstalter. Versprochene Hilfe: Bis zu 75 Prozent des jeweiligen durchschnittlichen Umsatzes im November und Dezember 2019 oder des durchschnittlichen Monatsumsatzes im Jahre 2019. Zusätzlich können ohne Anrechnung bis zu 25 Prozent des Vergleichsumsatzes erwirtschaftet werden – zum Beispiel durch Außerhaus-Verkauf. Solo-Selbstständige können einen Direktantrag auf 5000 Euro stellen.

Er wolle nicht bestreiten, dass die Ausschüttung der Corona-Hilfen durch die Ämter eine „Riesenkraftanstrengung“ bedeute, so der Wirt. „Aber wer einen Fehler macht, sollte dazu stehen. Mich macht die politische Rhetorik aus Berlin zornig. Wir haben der Aussage ,Wir holen die Bazooka raus‘ vertraut und die Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit geschickt.“ Letztlich musste er es dann doch tun, weil die Corona-Hilfen nicht flossen.

Bei allem Ärger über das Chaos bei den Corona-Hilfen gehe es ihm aber in erster Linie um eine Öffnungsperspektive. Für ihn viel wichtiger als Geld sei: „Wir wollen arbeiten. Ich bin seit 22 Jahren selbstständig. In so einer Situation war ich noch nie“, sagt er. Er rechnet damit, dass die anhaltend schlechte Lage in der Branche nicht nur zu wirtschaftlichen Insolvenzen führen wird, sondern auch zu Burnouts. „Denn immer noch sehen viele kein Licht am Ende des Tunnels.“

Corona-Video: Friseur aus Fulda bemängelt fehlende Reaktion der Politik

Kristin und Wolfgang Reiter (Inhaber Frisurenstudio Reiter in Fulda) fordern: „Kommt endlich in die Pötte!“ Nullkommanull Einkommen seit dem 16. Dezember, aber Zehntausende Euro Kosten – das ist die Corona-Situation bei Kristin und Wolfgang Reiter, die das Frisurenstudio Reiter mit vier Standorten in Fulda führen. Als die Situation immer bedrohlicher wird, richten der 69-Jährige und seine 28-jährige Tochter am 22. Januar einen eindringlichen Appell an die Politik: In einem Youtube-Video weisen sie schonungslos auf die dramatische Lage der Friseure hin.

Kristin und Wolfgang Reiter sind Inhaber des Frisurenstudios Reiter in Fulda.

„Uns wurde unbürokratische Corona-Hilfe versprochen. Kommt endlich in die Pötte!“, fordern sie von den Politikern. Doch erhört fühlen sich die beiden Friseure von den Adressaten nicht. „Der Landtagsabgeordnete Meysner hat immerhin geantwortet, von Wirtschaftsminister Altmaier gab es ein Standardschreiben, aber sonst gibt es auf unsere Post an die Politiker keine Reaktion: nicht von Brand, nicht von Bouffier, nicht von Al-Wazir.“

„Die Politik hat uns hängenlassen“, resümieren sie – und Wolfgang Reiter rechnet vor, wie ein Teil seiner in Jahrzehnten aufgebauten und für die Altersvorsorge gedachten Rücklagen derzeit draufgeht, um in Vorleistung zu gehen und den Betrieb am Leben zu halten. Nicht mal einen Abschlag gab es.

Hintergrund: Überbrückungshilfe I/II

Die Überbrückungshilfe ist ein Zuschuss bei Corona-bedingten Umsatzrückgängen zur Deckung von Fixkosten für die Monate Juni bis August 2020 (Überbrückungshilfe I) und September bis Dezember 2020 (Überbrückungshilfe II). Als Fixkosten gelten insbesondere Mieten, Finanzierungskosten und Abschreibungen.  Versprochene Hilfe: Bis zu 90 Prozent Fixkosten-Erstattung bei mehr als 70 Prozent Umsatzeinbruch im Fördermonat, bis zu 60 Prozent bei Umsatzeinbruch zwischen 50 und 70 Prozent und bis zu 40 Prozent bei Umsatzeinbruch von mehr als 30 Prozent.

Also mussten die 40.000 Euro Fixkosten, die für die vier Salons in zwei Monaten anfallen, anders gestemmt werden – genauso wie das Kurzarbeitergeld, das die Reiters, ebenfalls in Vorleistung, an die rund 50 Angestellten ausgezahlt haben. „Auch das sind immerhin 33.000 Euro“, erklärt Reiter. Zudem sind viele Tausend Euro in Hygienemaßnahmen wie Trennwände geflossen.

„So wie uns geht es vielen Friseuren in und außerhalb Fuldas – und wir wissen, dass vor allem viele junge Kollegen nicht die notwendigen Rücklagen haben, um das zu überstehen“, sagt Reiter. Kristin Reiter sagt: „Wir kämpfen vor allem für unsere Mitarbeiter und Kollegen. An 50 Angestellten hängen schließlich auch 50 Familien, von denen sich bislang nie jemand Sorgen machen musste.“ Immerhin: Die Hoffnung ist da, dass sich die Lage mit der Wiederöffnung am 1. März entspannt – und dass dann auch im Laufe des Monats die Beträge fließen, die die Regierung versprochen hat.

Corona-Hilfen für Unternehmen: Ist der Tüchtige der Dumme?

Reginald Bukel (Inhaber des Modegeschäfts Catwalk im Centhof in Fulda) meint: „Das System der Hilfen ist nicht gerecht.“ „Weil wir versucht haben, das durch die Schließung entstandene Loch mit Online-Verkäufen zu füllen, sind wir bis jetzt leer ausgegangen“, klagt Reginald Bukel, Inhaber des Modegeschäfts Catwalk Fashion im Fuldaer Centhof – und fügt hinzu: „Hätten wir nach der angeordneten Schließung einfach gar nichts gemacht und abgewartet, hätten wir wenigstens etwas bekommen.“

Reginald Bukel ist Inhaber des Modegeschäfts Catwalk im Centhof in Fulda.

Ergo: Der Tüchtige ist der Dumme. Für Bukel ist das System der Corona-Hilfen für Unternehmen nur schwer nachvollziehbar. Weil er im November noch geöffnet hatte, obwohl die Innenstädte schon leer waren und sein Umsatz einbrach, bekommt er – anders als die Gastronomen – keine Novemberhilfe. Die Dezemberhilfe konnte er nur geltend machen für ein paar Tage ab Mitte des Monats. Mit den Zahlungen sei frühestens im März zu rechnen, habe man ihm gesagt.

Hintergrund: Überbrückungshilfe III

Das bislang dickste Corona-Hilfspaket für Unternehmen sowie für Solo-Selbstständige und die Veranstaltungs- und Kulturbranche. Es wurde im Dezember auf den Weg gebracht und gilt für November 2020 bis Juni 2021. Eine Antragstellung ist erst seit 12. Februar möglich. Versprochene Hilfe: Wie bei den Überbrückungshilfen I und II werden bis zu 90 Prozent der Fixkosten erstattet. Zusätzlich werden auch bauliche Maßnahmen zur Umsetzung von Hygienekonzepten gefördert. Für Einzelhändler werden auch Wertverluste saisonaler Ware als erstattungsfähig anerkannt. Solo-Selbstständige können eine einmalige Betriebskostenpauschale bis 7500 Euro beantragen.

Bukel hoffte auf die Corona-Überbrückungshilfe, doch auch die greift bei ihm nicht. Die wirtschaftliche Situation eines Händlers allein am Umsatzeinbruch festzumachen, sei in seinem Fall nicht die adäquate Größe, beklagt er. „Wir haben in den Monaten der Schließung unser Online-Geschäft ausgebaut – und vor allem im November im Hinblick auf die ,Black Friday Week‘ viele Textilien zu Angebotspreisen verkauft.

Der damit erzielte Umsatz, der dazu führte, dass keine Corona-Überbrückungshilfen gewährt werden, spiegele nicht die wahre Situation des Unternehmens wider – zumal den Einnahmen hohe Ausgaben für Porto und Verpackung sowie Retourkosten gegenüberstünden. Nun sitzt er auf immensen Warenbeständen, die womöglich nicht mehr verkäuflich sein werden.

Hintergrund: Die Bazooka

Die Bazooka ist eine Panzerfaust – eine rückstoßfreie Waffe zur Panzerbekämpfung, die der Soldat beim Abschuss auf der Schulter trägt. Das Geschoss neuerer Modelle kann bis zu 70 Zentimeter Panzerstahl durchschlagen. Die Schussweite einer Panzerfaust liegt zwischen 100 und 500 Metern. Die ersten Panzerfäuste wurden im Zweiten Weltkrieg entwickelt und eingesetzt. Der amerikanischen „Bazooka“ (1941) folgten in Deutschland der „Panzerschreck“ und die „Panzerfaust“. Finanzpolitisch wurde der Begriff erstmals in der Staatsschuldenkrise ab 2010 verwendet und bezog sich auf die Europäische Zentralbank, die damals mit quasi „unbegrenzter Feuerkraft“ die Krise eingedämmt hatte.

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