Umfragen zeigen eine gewisse Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem Impfen gegen das Coronavirus. Ärzte in Osthessen raten hingegen dazu.
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Umfragen zeigen eine gewisse Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem Impfen gegen das Coronavirus. Ärzte in Osthessen raten hingegen dazu.

Ärzte beantworten wichtigste Fragen

Corona-Impfstoff: Skeptische Stimmen aus der Bevölkerung - Das sagen Mediziner aus Osthessen

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
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Umfragen zeigen eine gewisse Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem Impfen. Osthessische Ärzte hingegen sind sich einig: Sie raten nachdrücklich dazu.

Osthessen - Die Weichen für den Impfstart wurden von der Bundesregierung gestellt. Doch nicht jede Person in Deutschland ist von der Impfung gegen das Coronavirus überzeugt, das ergeben Umfragen. Thomas Menzel, Vorstandschef des Klinikums Fulda, Tobias Plücker, Chefarzt für Innere Medizin im Eichhof-Krankenhaus und Dr. Thomas Mitsche, Aufsichtsratsmitglied im Ärzteverbund „Gesundheitsnetz Osthessen“ (GNO) sagen, wie sie zu den Impfungen stehen und beantworten einige Fragen.

Corona-Impfungen: Das sagt Dr. Thomas Menzel, Vorstandschef des Klinikums Fulda

Der neue Impfstoff ist sehr sicher, weil der Botenstoff sicher nach einiger Zeit selbst auflöst. Das erklärt Dr. Thomas Menzel, Vorstandschef des Klinikums Fulda. Er empfiehlt die Corona-Impfung uneingeschränkt und wird sich und seine Familie so bald wie möglich impfen lassen. „Unter den Ärzten gibt es einige, die skeptisch sind, weil mögliche Langzeitfolgen noch nicht bekannt sind. Die vernünftige Entscheidung kann aber nur lauten. Ja, ich lasse mich impfen“, sagt der Vorstandschef.

Zur Corona-Impfung führt Menzel folgendes aus: „Die Art, wie die beiden so genannten mRNA-Impfstoffe wirken, ist neu: Statt - wie etwa bei der Grippeimpfung - das Virus als Ganzes hochzuzüchten, abzutöten und dann zu verimpfen, wird lediglich eine genetische Information, die so genannte mRNA – verpackt in kleine „Fett-Tröpfchen“ – gespritzt.“

Vorstandschef vom Klinikum Fulda: Nebenwirkungen „bewegen sich im Rahmen der Erwartungen“

Außerdem sagte der Vorstandschef des Klinikums Fulda: „Das „Spikeprotein“ (S-Protein) wird nach der Corona-Impfung in unseren Körperzellen rund um die Einstichstelle eine Zeit lang produziert und gelangt dann in Kontakt mit unserem Immunsystem, das daraufhin Antikörper und spezifische Abwehrzellen bildet. Durch dieses Prinzip kann mit sehr wenig Menge an Impfstoff sehr viel erreicht werden, da der Körper selbst den eigentlichen Impfstoff herstellt. Der Impfstoff ist zudem sehr sicher, da der Botenstoff, die mRNA, sich nach einiger Zeit von selbst auflöst. mRNA kann sich auch nicht in die eigentliche Erbsubstanz, in die DNA, einschleichen. Der Weg zurück in den Kern der Zelle, ist für die mRNA nicht möglich.“

Corona-Impfkampagne: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nennt Details

Im Wettlauf gegen eine immer weitere Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland hat die Bundesregierung die Weichen für den Impfstart gestellt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat am Freitag erklärt, dass Personen über 80 und Pflegekräfte ab 27. Dezember zuerst geimpft werden sollen.

Die Corona-Verordnung legt eine Reihenfolge von drei Bevölkerungsgruppen fest, die sich als erstes impfen lassen können. Zuerst die über 80-Jährigen, danach die über 70-Jährigen, gefolgt von den über 60-Jährigen. Zur dritten Gruppe zählen außerdem Bundestag und Bundesregierung, Streitkräfte, Polizei, Zoll, Feuerwehr, Justiz, Katastrophenschutz, Apotheken-Mitarbeiter sowie Menschen, die in Ernährungsbranche, Wasser-, Energie- und Abfallwirtschaft, im Verkehr und der Telekommunikation tätig sind. Auch Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel, Erzieher und Lehrkräfte.

Spahn kündigte „fließende Übergange“ zwischen den Stufen an. Nach sehr starker Priorisierung zu Beginn erwartet er immer zahlreicheren Impfstoff und neue Zulassungen – etwa des Serums der Firma Moderna. Mobile Impftrupps kommen laut Spahn in den Heimen zum Einsatz – aber auch bei Hochbetagten und Pflegebedürftigen zuhause, die nicht in ein Zentrum gehen könnten. (Lesen Sie hier: Das Corona-Impfzentrum in Gelnhausen ist startklar)

„Die Nebenwirkungen, die aus den Studien bekannt geworden sind, bewegen sich im Rahmen der Erwartungen, seltene Nebenwirkungen werden erst im weiteren Verlauf auftreten. Mögliche Langzeitauswirkungen der Impfung kennen wir noch nicht, wohl aber die langfristigen Auswirkungen einer Coronavirus-Erkrankung, die in 10-20 Prozent der Fälle einen chronischen Verlauf nehmen kann“, sagt Dr. Thomas Menzel.

Arzt aus Eichhof-Krankenhaus in Lauterbach: Prinzip des Corona-Impfstoffes „sehr überzeugend“

Manche Patienten fragten nun, ob das neue Wirkprinzip im Kampf gegen das Coronavirus sicher sei und ob nicht die Erbinformation verändert werde. Die Antwort von Tobias Plücker, Chefarzt für Innere Medizin und Leiter der Corona-Taskforce im Eichhof-Krankenhaus in Lauterbach: „Für mich ist das Prinzip dieses Impfstoffes sehr überzeugend. Die Erbinformation liegt im Impfstoff in Form der sogenannten Boten-RNA (mRNA, Ribonukleinsäure) vor.

Diese RNA kann der menschliche Körper nicht in den Zellkern einschleusen und auch nicht in die dort vorliegende DNA „umschreiben“. Damit ist ein Einbau in das eigene Erbgut ausgeschlossen. Die mRNA selbst wird in der Zelle nach kurzer Zeit abgebaut. Das ist ein normaler im Zellstoffwechsel permanent ablaufender Prozess. Damit unterscheidet sich der Impfstoff auch von dem russischen Impfstoff Sputnik V, der nämlich DNA über ein Vektorvirus in die Zelle einbringt.“

Corona-Impfstoff: Welche Fragen noch offen sind - Arzt aus Lauterbach gibt Einblicke

Fragen gebe es auch zur Schnelligkeit des Zulassungsprozesses. Dazu sagt Plücker: „Dass die Zulassung so schnell erfolgt ist, hat mehrere Gründe. Zum einen konnte auf vorliegende Forschungsergebnisse bezüglich des SARS1 zurückgegriffen werden. Zum anderen hat man alle Punkte, die einen Zulassungsprozess normalerweise bremsen, maximal beschleunigt. Dabei wurde aber keiner der Punkte weggelassen oder gekürzt. Der Corona-Impfstoff ist sicher.

Die Nebenwirkungen sind hauptsächlich Schmerzen an der Einstichstelle sowie Reaktionen, wie Müdigkeit und Fieber. Diese Symptome sind in der Regel nach zwei Tagen wieder verschwunden; sie treten bei jüngeren Menschen etwas häufiger und stärker auf. Das ist Ausdruck der Reaktion des Immunsystems und eher ein positives Zeichen. So erscheint die Reaktion des Immunsystems auch deutlich ausgeprägter als bei der eigentlichen Corona-Infektion.“

Video: Corona-Impfstoff: Das sind die häufigsten Nebenwirkungen

Ein paar Fragen bleiben natürlich noch offen, räumt Plücker ein: „Reicht ein Impfzyklus mit zwei Impfungen aus oder müssen wir uns nächstes Jahr erneut impfen lassen? Auch Langzeiterfahrungen liegen naturgemäß noch nicht vor. Aber ich kann aus eigener Anschauung sagen, dass die Langzeitfolgen einer auch mild verlaufenden oder asymptomatischen Corona-Infektion erheblich sind. Auch Menschen mit bekannten schweren allergischen Reaktionen müssen individuell beraten werden.“

Allgemeinmediziner und Aufsichtsratsmitglied vom Ärzteverbund GNO wirbt für Corona-Impfungen

„Ich werbe für die Impfung mit dem Biontec-Impfstoff und den anderen Impfstoffen“, sagt Dr. Thomas Mitsche, Aufsichtsratsmitglied im ÄrzteverbundGesundheitsnetz Osthessen“ (GNO). Unter seinen Ärztekollegen gebe es „Fragen, vor allem zur Langzeitwirkung und -nebenwirkung, aber keine wirkliche Ablehnung“.

„Ich habe volles Vertrauen in die Corona-Impfung. Viele Kollegen sehen es wie ich: Sie sprechen ihre Patienten jetzt auf die Impfung an und werden im Impfzentrum im Kongresszentrum Esperanto mithelfen und Patienten informieren und beraten“, sagt der Allgemeinmediziner. „Die Risiken sind gering – nicht höher als bei einer anderen Impfung. Die Prinzip, auf das die Impfung aufbaut, nämlich die Messenger-RNA-Technologie, ist schon seit Jahren in der Krebstherapie im Einsatz und dort bewährt. Deshalb gingen die Entwicklung des Impfstoffs und auch seine Zulassung so schnell.“

Dr. Thomas Mitsche: „Risiko, nicht geimpft zu werden, ist viel größer, als denkbare Risiken“

Eine Reaktion auf den Eiweißkörper des Corona-Impfstoffs sei möglich. „Gelegentlich kommt es zur Rötung, Schwellung oder Schmerzen. Sind die Substanzen im Blut unterwegs, können Fieber, Erschöpfung, Kopfweh oder Gliederschmerzen auftreten. Aber das kommt selten vor und ist nicht gefährlicher als bei anderen Impfstoffen.“ In der Gruppe, die den Impfstoff bereits testete, seien Nebenwirkungen äußert selten gewesen. „Vor einigen Jahrzehnten gab es wirklich Impfschäden – körperliche Schäden, die durch die Impfung entstanden sind. Aber durch die weitere Entwicklung der Impfstoffe sind die Schäden heute extrem selten“, sagt Mitsche.

Mitsche ist sicher: „Das Risiko, nicht geimpft zu werden, ist viel größer, als denkbare Risiken – insbesondere das Risiko einer allergischen Reaktion bei der Impfung.“ Die Corona-Impfung helfe zudem nicht nur dem Geimpften, sondern der gesamten Gesellschaft.

Online erscheinen die Aussagen der genannten Mediziner in gekürzter Fassung. Den kompletten Artikel mit weiteren Stimmen finden Sie im E-Paper und in der Printausgabe von Samstag, 18. Dezember.

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