Prof. Dr. Peter M. Kern, Direktor der Medizinischen Klinik IV am Klinikum Fulda, sieht in Impfungen die einzige Chance, die Pandemie zu überwinden.
+
Prof. Dr. Peter M. Kern, Direktor der Medizinischen Klinik IV am Klinikum Fulda, sieht in Impfungen die einzige Chance, die Pandemie zu überwinden.

Peter M. Kern im Interview

Corona-Experte aus Fulda verteidigt Impfstoff Astrazeneca: „Impfung ist unsere einzige Chance“

  • Bernd Loskant
    vonBernd Loskant
    schließen

Die Vorbehalte gegen den Corona-Impfstoff Astrazeneca sind weiterhin groß. Bis zu 30 Prozent der Menschen, die den Impfstoff bekommen sollen, sagen ihre Termine ab oder erscheinen nicht. Im Interview erklärt der Immunologe Prof. Dr. Peter Kern, welche Gefahr von der Impfung ausgeht.

Fulda - Prof. Dr. Peter M. Kern ist Direktor der Medizinischen Klinik IV am Klinikum Fulda. Der 60-Jährige ist Klinischer Immunologe, Rheumatologe und Facharzt für Innere Medizin. Im Interview äußert er Verständnis für die Impf-Verunsicherung vieler, sagt aber: Die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu sterben, ist höher.

Herr Professor Kern, Sie sind 60 Jahre alt. Würden Sie sich mit Astrazeneca impfen lassen?
Ein klares Ja. Ich kann es nicht unter Beweis stellen, da ich schon geimpft bin, aber vielleicht ist es überzeugend, wenn ich sage, dass meine 52-jährige Ehefrau – ein Mensch, der mir viel wichtiger ist als ich selbst – mit Astrazeneca geimpft ist. Wir würden beide auch die Zweitimpfung mit Astrazeneca befürworten.
Können Sie denn die Angst, die derzeit viele Menschen vor dem Astrazeneca-Impfstoff haben, ein Stück weit nachvollziehen?
Absolut. Ich habe vollkommenes Verständnis für Menschen, die sich verunsichert fühlen und verwirrt sind. Und ich gebe zu, dass jemand, der nicht wirklich in dem Metier zu Hause ist, nur schwer den Überblick behalten kann. In der ausufernden Diskussion, die wir um die Impfung ganz allgemein und speziell diesen Impfstoff führen, ist leider der Blick für das große Ganze verloren gegangen: Wir haben nur eine einzige Chance, diese Pandemie zu überwinden, und das ist die Impfung. Wenn man das oben anstellt, dann werden alle Vorbehalte in ihrer Dimension viel kleiner. (Bleiben Sie mit dem Corona-News-Ticker für Fulda auf dem Laufenden.)
Aber Hand aufs Herz: Gibt es nicht doch Unterschiede bei den derzeit zugelassenen Impfstoffen?
Das hängt davon ab, wie wir das Ziel der Impfung definieren. Für mich: Wir wollen schwere Krankheitsfälle und Todesfälle verhindern – und wenn wir das zum Maßstab machen, unterscheiden sich die Impfstoffe nicht. Natürlich können wir differenzierter schauen nach der Verträglichkeit, der Langzeitwirkung oder dem Schutz vor weniger schweren Verläufen. Da gibt es kleine Unterschiede, die vor dem Hintergrund des großen Ziels allerdings vollkommen verblassen.

Corona-Experte Peter Kern verteidigt Impfstoff Astrazeneca: „Unsere einzige Chance“

Lassen Sie uns mal auf die Nebenwirkungen schauen: Bei wie vielen Impfungen kommt es zu einer Sinusvenenthrombose, wie sie nach Astrazeneca-Impfungen beobachtet wurde?
Schaut man sich die gesamten vorliegenden Daten aus unterschiedlichen Ländern an, dann liegt die Spanne zwischen einem Fall auf 50.000 Impfungen und einem Fall auf 500.000 Impfungen. Die Wirklichkeit liegt irgendwo dazwischen. Doch nicht alle diese Fälle enden ja tödlich. Ich vermute, dass es bei einer von 250.000 Impfungen zu einer tödlichen Nebenwirkung kommt. Und das muss man dann ins Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit setzen, an Corona zu sterben. (Lesen Sie hier: Corona-Mythen aus den Sozialen Netzwerken im Faktencheck)
Zunächst: Wie hoch ist diese Zahl von 1:250.000 im Vergleich zu anderen Impfungen – da kann es ja auch Komplikationen geben?
Das ist keine Größenordnung, die aus dem Rahmen fällt. Gravierende Nebenwirkungen im Bereich von einem Fall bei 250.000 bis zu einer Million Impfungen sind bekannt – und damit gehen wir um. Allerdings haben wir bei anderen Impfungen natürlich keine so hohe Zahl von Impfpersonen in so kurzer Zeit.
Jetzt zur Frage, was wahrscheinlicher ist – an der Impfung zu sterben oder an Corona?
Schauen wir uns die Zahlen für die besonders gefährdete Gruppe der Älteren an: Bei Menschen, die 60 sind, liegt das Risiko, im Falle einer Corona-Infektion zu sterben, bei 0,5 Prozent, bei 75-Jährigen schon bei 5 Prozent. Das ins Verhältnis zur Infektionswahrscheinlichkeit gesetzt, gilt für Menschen über 60: Jede Woche stirbt einer von 10.000 an oder mit Corona, das ist also eine Wahrscheinlichkeit von 1:10.000 jede Woche. Im Vergleich zu einer einmaligen Wahrscheinlichkeit von 1:250.000, an einer Nebenwirkung der Impfung zu sterben, ist klar, dass die Impfung auf jeden Fall zu empfehlen ist.
Die Verunsicherung kommt vor allem durch das Hickhack der Politik, die den Impfstoff erst nur für Jüngere empfahl, dann ganz stoppte und nun nur Älteren empfiehlt. Was soll man da noch glauben?
In der Tat: Von außen muss einem das wie eine Geisterfahrt vorkommen. Doch in Wahrheit war es vernünftig und verantwortungsvoll, so zu handeln. Oberstes Ziel war je eine möglichst schnelle Zulassung möglichst vieler Impfstoffe. Was ist passiert? In der Zulassungsstudie für Astrazeneca waren nur sehr wenig Menschen über 65, so dass man keinen Beweis der Wirksamkeit bei Älteren hatte und den Impfstoff zunächst für Jüngere empfahl. Als dann die ersten Sinusvenenthrombosen auftraten, wurden die Impfungen zur Sicherheit sofort gestoppt. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass die Nebenwirkung extrem selten ist und vor allem jüngere Frauen betrifft. Zugleich hatten zwischenzeitlich die Beobachtungen gezeigt, dass die Wirksamkeit bei älteren Menschen genauso gut wie bei jüngeren ist. Folgerichtig kam es zur jetzigen Praxis.

Corona-Experte aus Fulda: Wahrscheinlichkeit an Corona zu sterben ist höher als an Impfung

Viele Menschen klagen über Nachwirkungen der Impfung. Wie kann man das von einer Sinusvenenthrombose unterscheiden?
Grundsätzlich ist jede Impfung in der Lage, Reaktionen hervorzurufen. So kann es an der Einstichstelle der Nadel wehtun – oder es kann zu einer allergischen Reaktion kommen. Beides tritt nach wenigen Minuten bis Stunden auf. In 30 bis 40 Prozent der Fälle kommt es in den ersten drei Tagen zur typischen Impfreaktion. Man versucht ja, das Immunsystem zu provozieren, indem man eine Infektion vorgaukelt. Wenn das Immunsystem dann aktiv wird, bekommt man Entzündungserscheinungen, die man spüren kann, zum Beispiel in Form von Kopf- und Gliederschmerzen oder Fieber. Das ist genau das, was wir wollen, denn es zeigt: Das Immunsystem hat seine Lektion gelernt. Und dann gibt es spezielle Risiken wie die Sinusvenenthrombose, die erst nach einigen Tagen auftritt und mit Kopfschmerzen, Schwindel und Seh- und Hörstörungen einhergehen kann. (Lesen Sie hier: FAQ zur Corona-Impfung - Experten aus Fulda beantworten häufig gestellte Fragen)
Nun sollen jüngere Patienten, die den Astra-Impfstoff bereits erhalten haben, bei der zweiten Impfung einen anderen Impfstoff bekommen. Halten Sie das für unbedenklich?
Zu solchen „Crossover“-Impfungen gibt es noch keine Studien, denn es ist ja ein ganz neues Problem. Aber es gibt überhaupt keine immunologischen oder impftheoretisch plausiblen Gründe, die dagegen sprechen. Alle Impfungen sind RNA-Impfungen – und das, was zur Immunisierung führt, ist in allen Fällen identisch. Die Impfstoffe unterscheiden sich nur darin, wie man die RNA in den Menschen hineinbekommt.
Das Land Bayern hat sich schon eine hohe Zahl von Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V gesichert – falls die Zulassung erfolgt. Haben Sie Vorbehalte?
Sputnik V ähnelt den Vektorimpfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson, wo die RNA über ein für den Menschen ungefährliches Adenovirus verabreicht wird. Sputnik verwendet, anders als die anderen beiden, bei Erst- und Zweitimpfung zwei verschiedene Adenoviren. Laut vorliegenden Studien gibt es keine Unterschiede in Sicherheit und Wirksamkeit. Allerdings gibt es in der wissenschaftlichen Welt Kritik und Zweifel, weil die Studiendaten nicht in der Offenheit und Vollständigkeit zur Verfügung gestellt worden sind, wie wir das aus der westlichen Welt kennen.
Es gab diese Woche Meldungen, dass möglicherweise eine dritte Impfdosis notwendig sein wird – und dann eine jährliche Auffrischung. Müssen die, die jetzt geimpft sind, bald wieder zur Impfung?
Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir nicht wissen können, wie lange eine Impfung wirksam ist. Grundsätzlich gibt es immer die Möglichkeit, dass ein durch Impfung aufgebauter Schutz verloren geht. Und dann gibt es Auffrisch-Impfungen, wie wir das auch von anderen Impfungen kennen. Was wir schon wissen: Die Konzentration der Antikörper sinkt mit der Zeit, das ist ein ganz normaler Anpassungsvorgang des Immunsystems. Aber auch das heißt nicht, dass Schutz verloren gegangen ist. Wir machen dazu übrigens gerade eine Studie am Klinikum.

Video: Corona-Impfstoff Astrazeneca in Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern für alle freigegeben

Werden die Mutationen den Impfschutz aushebeln?
Wir haben das große Glück, dass die jetzt dominierende Variante B.1.1.7 vom aktuellen Impfschutz genauso erfasst wird wie das Ursprungsvirus. Doch es könnte auch Mutationen geben, gegen die die Impfung nicht mehr wirksam ist. Das kennen wir ja von der Grippeimpfung. Das ist durchaus zu erwarten.
Es gibt inzwischen Meldungen über neue Ausbrüche in Altenheimen, deren Bewohner alle bereits Impfschutz hatten. Wie erklären Sie sich das?
Das ist nichts, was überrascht: Eine Impfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz. Eine Impfung bedeutet lediglich: Wir haben bereits eine gewisse Immunantwort und sind nicht mehr ganz schutzlos, wenn der Erreger kommt. Doch die Infektion kann trotzdem stattfinden, wird aber nicht mehr so schwer ausfallen. Und das ist der entscheidende Punkt: Wir wollen schwere Verläufe und Todesfälle verhindern. Das gelingt. Es gibt jetzt, ein Jahr nach Beginn der Pandemie, keine zehn Fälle weltweit von tödlichen Verläufen einer Zweitinfektion bei Menschen, die bereits immunisiert waren durch vorangegangene Infektionen oder Impfung.
Beim Impftempo hinkt Deutschland immer noch hinterher. Wie könnte man es beschleunigen?
Müssen wir es beschleunigen? Auch da muss man auf das Ziel schauen. Wir wollen Todesfälle und schwere Verläufe verhindern. Und wer ist davon bedroht? In der Altersgruppe bis 50 gab es im ersten Pandemiejahr 700 Todesfälle – von insgesamt 81.000. Das heißt, dass weit über 80.000 über 50 Jahre alt waren. Das gibt doch ein Bild davon ab, wie entscheidend das Alter für die Gefährlichkeit dieser Krankheit ist. Bei den unter 50-Jährigen verzeichneten wir im ersten Corona-Jahr insgesamt sogar eine Untersterblichkeit von 4 Prozent. 1250 weniger Tote als im Durchschnitt der Vorjahre. Womit ich deutlich sagen will: Die, die wir vorrangig impfen müssen, sind die Älteren ab 60. Das sind 24 Millionen Menschen in Deutschland. Und bei 21 Millionen Erstgeimpften dürften die meisten davon inzwischen geimpft sein. Ich glaube, dass wir in Deutschland gut, klug und richtig vorgehen.
Amerika gilt gerade als das große Vorbild.
Die Amerikaner machen es anders als wir. Da gibt es die Priorisierung wie bei uns nicht, da werden auch Jüngere geimpft – und das bringt nicht so viel, der Gesamteffekt ist lange nicht so gut. Hier haben wir mit weniger Impfdosen sehr viel Effekt. Vielleicht sollten wir bei uns die Priorisierung noch weiter vereinfachen und nur noch nach Alter gehen. Wer jetzt über 60 und ungeimpft ist, sollte schnell drankommen. Wenn wir bei den 50-Jährigen ankommen, ist das Problem aus pandemischer Sicht erst einmal überwunden.
Wie passt das aber zusammen mit den schweren Verläufen bei Jüngeren, die aktuell angeblich zuhauf auf den Intensivstationen behandelt werden?
Schwere Fälle sind derzeit seltener als während der zweiten Welle. Wir sehen viele Infektionen, ja, aber die spielen sich bei Jüngeren ab. Dass die Intensivstationen trotzdem voll sind, ist ganz leicht zu erklären: Ein jüngerer Mensch, der schwer krank wird, kommt immer auf die Intensivstation. Von den sehr alten Menschen, die während der zweiten Welle schwer krank geworden sind, war nur etwa jeder Fünfte auf der Intensivstation. Die anderen waren in Pflegeheimen oder zu Hause, wollten nicht intensivmedizinisch behandelt und beatmet werden. Das ist der Grund, warum die Intensivstationen immer noch voll sind. Da schwerste Verläufe bei den bis 50-Jährigen aber hundert mal seltener sind als bei den über 50-Jährigen, wird die Belastung der Intensivstationen sinken, wenn wir die Impfung schnell vorantreiben und die Zahl der Neuinfektionen nicht explosiv steigt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema