Sollen künftig Corona-Impfungen beim Hausarzt möglich sein? Ein Experte aus Osthessen sieht Schwierigkeiten.
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Sollen künftig Corona-Impfungen beim Hausarzt möglich sein? Ein Experte aus Osthessen sieht Schwierigkeiten. (Symbolfoto)

Pilotprojekt gestartet

Corona-Impfung beim Hausarzt? Experte aus Osthessen sieht Schwierigkeiten bei der Umsetzung

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Immer mehr Politiker und Verbände fordern die Verabreichung der Corona-Schutzimpfung in Hausarztpraxen. Ralph Michael Hönscher, Vorsitzender des Gesundheitsnetz Osthessen (GNO), dämpft aber die Erwartungen.

Fulda - Aktuell verabreichen 411 Impfzentren in Deutschland die Corona-Schutzimpfung. Die Impfaktion geht mangels Impfstoffes nur schleppend voran. Das Misstrauen mancher Bürger wächst. Auch ist das Anmeldeverfahren für ältere Menschen kompliziert, der Weg ins Impfzentrum oft zu weit. Immer mehr Politiker und Verbände fordern daher die Verabreichung der Schutzimpfung in den Hausarztpraxen. Niedergelassene Ärzte haben eine enge Bindung zu ihren Patienten und könnten die Impfaktion für Betroffene transparenter machen.

Nun überschlugen sich die Schlagzeilen in den vergangenen Wochen: In Mecklenburg-Vorpommern führen erste Hausarztpraxen Corona-Impfungen durch. Zunächst handelt es sich um acht Hausärzte, die in einer ersten Testphase ein Pilotprojekt gestartet haben. Die „Berliner Morgenpost“ berichtet, dass spätestens im April mit dem Impfen in Berliner Praxen begonnen wird. Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin berichtet gar, dass Ärzte bis zu 450.000 Impfungen pro Woche durchführen könnten. Die Bundesregierung soll bereits an einem „Distributionskonzept“ des Impfstoffes* arbeiten, berichtet merkur.de.

Fulda: Corona-Impfung beim Hausarzt? Experte sieht Schwierigkeiten

Auch Jürgen Lenders, Landtagsabgeordneter der FDP für Fulda, plädiert dafür, das Impfen möglichst breit aufzustellen. „Das bedeutet, die regionalen Impfzentren zu öffnen, Hausärzte einzubeziehen und die mobilen Teams zu verstärken“, sagt der 54-Jährige.

Ralph Michael Hönscher aber relativiert. „Das Pilotprojekt ist sehr interessant, ich halte es aber für schwer umsetzbar.“ Die Idee der Impfung in Hausarztpraxen begrüßt der Mediziner, die Umsetzung könne aber aufgrund der Logistik zum Problem werden. „Ich halte es für nicht so gut, wenn der Impfstoff in den Praxen gelagert werden sollte.“ Er sollte wie bisher an einem zentralen Ort verwaltet werden. (Lesen Sie hier: Wie Hausarzt-Praxen mit Corona umgehen)

Als weiteren Grund zählt der Vorsitzende des GNO einen möglichen Ansturm auf die Praxen auf. „Jeder möchte von seinem Hausarzt als erstes geimpft werden und bringt dafür die unterschiedlichen Gründe auf.“ Wenn die Hausärzte impfen dürften, fordert der Vorsitzende eine klare Definition, welcher Patient mit welcher Vorerkrankung wann an der Reihe ist. „Hausärzte können nicht für eine Priorisierung zuständig sein“, bekräftigt er. Nicht zuletzt haben sich bei seinen Kollegen und ihm die Anfragen gehäuft, wie Betroffene beim Impfen schneller an der Reihe sind.

Stattdessen begrüßt Hönscher die Impfstrategie in den Impfzentren. „Wir haben dort ein sehr gutes Team mit hoher Fachkompetenz.“ Vielmehr sollte primär die Frage beantwortet werden, wie die fragilen Gruppen schnellstmöglich geimpft werden. So könnten laut Hönscher Hausärzte ihre Patienten, die nicht mehr ins Impfzentrum gelangen, in Form eines Krankenbesuchs impfen.

Video: Corona-Impfung beim Hausarzt? Pilot-Projekt im Berchtesgadener Land

Der 56-jährige Hausarzt Sergej Klimin aus Schlitz würde es begrüßen, wenn der Corona-Impfstoff bald auch in den Hausarztpraxen geimpft werden könnte. „Ich hoffe, dass die Politik uns Hausärzte schnell ans Werk lässt. Dann geht alles viel schneller.“ Problematisch werde es bei mRNA-Impfstoffen wie die Vakzin von Biontech/Pfizer: „Die Einhaltung der Kühlkette bei -70 Grad ist in einer Hausarztpraxis nur schwer umzusetzen.“ Zudem lägen noch keine zuverlässigen Daten zu mittel- oder langfristigen Folgen vor. „Es ist ein neues Verfahren. Daten zur Sicherheit werden erst in fünf bis zehn Jahren bekannt werden.“ Anders sehe es bei Vektor-Impfstoffen aus. Hier gebe es keine erhöhten Ansprüche bei der Kühlkette. „Ein solcher Impfstoff muss nur zugelassen und den Ärzten in großer Menge zur Verfügung gestellt werden. Dann kann ich sofort mit dem Impfen loslegen.“

Der Hausarzt Dr. Willy Herget aus Nüsttal bekräftigt, dass eine schnelle, flächendeckende Impfung über die Hausärzte gelingen kann: „In Deutschland gibt es etwa 100.000 niedergelassene Ärzte in freien Praxen. Wir gehen davon aus, dass jeder der 100.000 Ärzte jeweils nur zehn Corona-Schutzimpfungen pro Tag durchführt. An einem Tag wären somit eine Million Menschen geimpft. In zehn Tagen zehn Millionen und so weiter.“ Gerade ältere Menschen wünschten sich eine Impfung durch den Hausarzt. Sie seien sehr verunsichert, dass sie sich in einem Zentrum impfen lassen und sich per Telefon oder gar über E-Mail anmelden müssen. „Die Überlastung der Systeme ist allen bekannt und führt zu Unsicherheit und teilweise zu Verzweiflung“, erklärt der Arzt. „Die Empfehlung zur Impfung gilt sicherlich uneingeschränkt und nahezu von allen niedergelassenen Ärzten. Jedoch sollte man nicht meinen, dass mit der Impfung alle Probleme zur Eindämmung der Pandemie gelöst werden.“ *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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