Nur die Hälfte der Mitarbeiter im Klinikum Fulda hat sich bisher für eine Corona-Impfung gemeldet.
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Nur die Hälfte der Mitarbeiter im Klinikum Fulda hat sich bisher für eine Corona-Impfung gemeldet.

Interview mit Thomas Menzel

Corona-Impfungen im Klinikum Fulda: Hälfte der Mitarbeiter meldet sich - Chef: „Spahn hat vieles richtig gemacht“

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Corona-Interview mit dem Chef im Klinikum Fulda: Laut Thomas Menzel ist bisher die Hälfte der Mitarbeiter im Klinikum Fulda bereit zu einer Impfung. Der Klinikum-Chef redet über Impfpflicht, Virusmutationen und die Frage: Wie lange noch?

Fulda - Es ist eine einfache Corona-Rechnung: Wenn sich mehr Menschen mit Sars-CoV-2 anstecken, dann ist der Teil derer, die schwer erkranken, auch höher. Im Interview mit der Fuldaer Zeitung spricht Dr. Thomas Menzel (56), Chef im Klinikum Fulda, über die Situation vor Ort, den Impfstart und wann er glaubt, dass die Pandemie besiegt ist.

Wir haben im Landkreis Fulda einen sehr hohen Sieben-Tages-Inzidenzwert. Wie ist die Situation auf der Intensivstation im Klinikum Fulda?
Auf unseren Intensivstationen – aber auch auf den Normalstationen – behandeln wie nach wie vor zahlreiche Covid-Patienten. Wir sind mehr als ausgelastet. Das ist auch in den anderen Krankenhäusern des Versorgungsgebietes so. Es sind derzeit viele Menschen gleichzeitig an Covid erkrankt, und das Risiko, sich mit dem Sars-CoV-2 zu infizieren, ist dementsprechend hoch. Das merken wir in den Krankenhäusern. 

50-jähriger Corona-Patient stirbt im Klinikum Fulda – Hälfte der Mitarbeiter meldet sich für Impfung

Wie hoch sind die Zahlen?
Rund 40 Covid-Patienten werden auf den Normalstationen behandelt. Es kommt immer mal wieder zu kleineren Ausbrüchen, die sich aber schnell eindämmen lassen. Betroffen sind sowohl Mitarbeiter als auch Patienten. Auf der Intensivstation werden derzeit acht Patienten beatmet. Vor einigen Tagen ist leider ein Patient verstorben, den wir mit der künstlichen Lunge (ECMO) behandelt haben. Er war gerade einmal 50 Jahre alt. Solche Fälle wird es in nächster Zeit wohl häufiger geben.
Wie kommen Sie darauf?
Wir impfen jetzt die Risikogruppen, die dann immun sind. Viele Jüngere sagen dann womöglich: ,Mir tut das Virus nichts und ich lasse mich nicht impfen.‘ Auch befürchte ich, dass die Disziplin nachlässt, was die Schutzmaßnahmen betrifft. Letztlich bleiben dann viele ohne Immunität. Und auch wenn das Risiko schwer zu erkranken für Jüngere niedrig ist, so wird es einzelne dennoch treffen. Das ist kein Horrorszenario, das ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit.
Nimmt das Klinikum noch immer Patienten aus dem Rhein-Main-Gebiet auf?
Nein, seit drei Wochen nicht mehr. Es waren mehr als 60 Patienten, die wir in den Versorgungsgebieten Osthessen und Kassel aus Kliniken in Frankfurt, Offenbach und Darmstadt aufgenommen hatten. 
Die Impfung scheint das Licht am Ende des Tunnels zu sein... 
Davon bin ich fest überzeugt. Absolut. 
Dabei wird aber auch viel kritisiert: zum Beispiel, dass Deutschland zu wenige Dosen bestellt habe. Wie ist die Corona-Impfung in Ihren Augen angelaufen?
Da habe ich eine klare Meinung: Die Kritiker sollten sich jetzt mal zurückhalten, und wir sollten sehen, dass wir die große Impfung gut auf den Weg bringen. Wer jetzt meint, dass er vor einem halben Jahr besser entschieden hätte als Herr Spahn – der auch nicht alles, aber doch vieles richtig gemacht hat – der hätte doch vor einem halben Jahr schon mal was sagen können. Diese Diskussion brauchen wir nicht.
Israel hat bereits 20 Prozent seiner Bürger gegen das Coronavirus geimpft, und wir gerade mal ein Prozent.
Als wir im Sommer die Impfungen bestellt haben, gab es 160 Impfstoff-Kandidaten, die in der Erprobung waren. Inzwischen sind es fast 200. Damals war nicht abzusehen, welcher der erfolgversprechendste Impfstoff war. Es war wie bei einer Wette. Herr Netanjahu bietet Pfizer jetzt einfach das Doppelte. Er ist gerade im Wahlkampf, das muss man auch berücksichtigen. Ist das solidarisch? Nein, ist es nicht. Aus meiner Sicht ist das nicht der Weg, den wir gehen sollten. 
Also nicht „Germany first?“
Genau. Es war gut, dass die Beschaffung auf europäischer Ebene abgelaufen ist. Die ganze Welt ist von der Pandemie befallen. Langfristig können wir uns nur schützen, wenn überall Immunität herrscht, sonst gelangt das Virus immer wieder ins Land. 
Am Dienstag wird das Impfzentrum in der Esperantohalle in Fulda in Betrieb genommen. Sie waren schon Ende 2020 mit einem Corona-Impftrupp im Seniorenheim in Hosenfeld. Wie war das?
Das war eine bereichernde Erfahrung. Ich habe ja lange als Arzt gearbeitet, es hat sich angefühlt wie früher. Ich habe Aufklärungsgespräche geführt und auch Impfungen durchgeführt. Am Abend haben sich die Mitglieder des Teams noch gegenseitig geimpft. Ich bin ein überzeugter Impf-Fan. Morgen ist die zweite Dosis vorgesehen. Ich werde auch wieder nach Hosenfeld fahren, um die Senioren erneut zu impfen.
Sind Ihre Mitarbeiter im Klinikum Fulda ebenfalls geimpft?
Wir haben als koordinierendes Haus von der Landesregierung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Impfdosen erhalten – ausdrücklich als besondere Wertschätzung für unsere Koordinations-Arbeit. Das hat uns sehr gefreut. Wir wissen, dass andere Krankenhäuser in der Region noch keine Impfdosen bekommen haben. Da gibt es auch einen gewissen Unmut, der sehr verständlich ist. Wir gehen davon aus, dass in den anderen Kliniken ab dem 18. Januar geimpft werden kann. 

Zahlen zum Impfen

650 Dosen hat das Klinikum Fulda erhalten. Damit konnten ...

800 Mitarbeiter geimpft werden. 

1500 Mitarbeiter des Klinikums haben sich bisher gemeldet, weil sie eine Impfung erhalten wollen.

Wie viele Kollegen im Klinikum sind jetzt geimpft?
Ab dem 28. Dezember wurde geimpft. Wir haben 650 Dosen erhalten. Relativ schnell haben wir gesehen, dass aus einer Packung etwas mehr als fünf Portionen gewonnen werden konnten, sodass wir letztlich 800 Mitarbeiter impfen konnten. 
Wie war die Bereitschaft? Es gibt ja Nachrichten, dass die Hälfte der Pflegekräfte sich nicht impfen lassen will. Im Klinikum auch?
Die Bereitschaft war sehr, sehr groß. Wir haben vorher abgefragt, wer sich impfen lassen möchte. Da haben sich schon bald die Hälfte der Mitarbeiter gemeldet und viele weitere werden noch folgen.
1500 von rund 3000 Mitarbeitern? Das wäre ja nur jeder zweite?
Ja, es gibt Mitarbeiter, die sich nicht impfen lassen möchten – aus unterschiedlichsten Gründen. Wir bauen da keinen Druck auf. Ich persönlich finde aber, dass man geimpft sein sollte, wenn man im Krankenhaus arbeitet und Patienten sich einem anvertrauen.
Den Vorstoß von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der eine Corona-Impfpflicht für Pflegekräfte in die Diskussion gebracht hat, teilen sie demnach?
Sich impfen zu lassen, sehe ich durchaus als eine Art innere Pflicht. Ich sehe das nicht nur bei Covid so. Das gilt auch bei Keuchhusten, Röteln, Grippe und Masern. Bei Masern haben wir ja schon eine Impfpflicht, was ich begrüße. 
Thomas Menzel ist Vorstandssprecher im Klinikum Fulda.
Als Corona-Impfarzt bekommt man 120 Euro pro Stunde. Ein Stundenlohn, der von Steuergeldern bezahlt wird. Ist das eine angemessene Vergütung?
Nein. Die Stundensätze sind allerdings so hoch angesetzt worden, um auch Ärzten, die eine Praxis betreiben und die wegen ihrer Impftätigkeit schließen, eine angemessene Entschädigung erhalten sollen. Nach meiner Einschätzung ist diese Konstellation aber eher die Ausnahme. Notärzte beispielsweise, die in der Stunde normalerweise 50 Euro bekommen, sagen nun, dass sie für diese Vergütung lieber im Impfzentrum arbeiten. Das könnte problematisch werden. Generell muss man aber sagen, dass es auch viele Ärzte gibt, die die Vergütung für zu hoch halten. Es sind ja schließlich auch unsere Steuergelder, die da ausgegeben werden. Die Kassenärztliche Vereinigung besteht allerdings darauf, dass die 120 Euro gezahlt werden. 
Sie haben sich gegen Corona impfen lassen. Wie haben Sie es vertragen?
Eine Impfung kann immer Nebenwirkungen haben. Ich hatte drei Tage lang Schmerzen im Oberarm – so wie 86 Prozent der Patienten aus der Studie. Ansonsten habe ich gar nichts gemerkt. 
Für wie gefährlich halten Sie die Corona Mutation aus Großbritannien B.1.1.7.?
Momentan gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Mutante die Menschen schwerer krank macht. Hierzu laufen Vergleichsstudien, die noch nicht abgeschlossen sind. Wenn sich der erste Eindruck bestätigen sollte, dann erkranken die Betroffenen zwar nicht schwerer als bei der normalen Variante. Die mutierte Vire scheint aber ansteckender zu sein. 
Wie geht das?
Derzeit geht man davon aus, dass die Mutation in der Variante B.1.1.7. dem Virus hilft, sich besser an die Zelle anzudocken. Man kann sich das wie einen Schlüssel vorstellen. Auch mit einem schlecht sitzenden Schlüssel bekommt man ein Schloss auf. Der Schlüssel der Mutante passt besser, und das Schloss lässt sich leichter öffnen. 
Was bedeutet das?
Jede Virusveränderung, die dazu führt, dass das Virus ansteckender ist, ist eine schlechte Nachricht. Denn das würde bedeuten, dass wir mehr Menschen immunisieren müssen, bevor die Pandemie stoppt. Wir brauchen eine höhere Herdenimmunität
Corona-Mutation auf der einen Seite, Impfung auf der anderen: Ist es ein Wettlauf gegen die Zeit?
Das ist es irgendwie immer. Aber es gibt derzeit keine Hinweise darauf, dass sich das mutierte Virus der Impfantwort entzieht.

Corona in Fulda: Klinikum-Chef hält Lockdown-Maßnahmen für „gut und richtig“

Hat sich bei der Behandlung von Covid-Patienten etwas verändert? Es ist nach wie vor bloß eine Bekämpfung der Symptome, oder? 
Ja, eine kausale Therapie dagegen haben wir noch nicht. Es gibt ein Cortisonpräparat, Dexamethason, das als Medikament in der späten Phase eingesetzt wird. Es dämmt die überschießende Immunantwort des Körpers.
Warum ist das nötig? Man möchte doch schließlich eine Immunantwort haben?
Gerade bei schwer erkrankten Patienten scheint es so zu sein, dass die Immunantwort zu stark ausfällt und daher mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Deshalb gibt man Cortison. Eine weitere Behandlungsmöglichkeit besteht mit Seren von Rekonvaleszenten, also von Menschen, die die Erkrankung durchlebt und Antikörper gebildet haben. Ihnen wird Blut abgenommen und aufgereinigt. Die Antikörper aus dem Blut werden den Erkrankten gespritzt. Das ist dann eine Art passive Impfung
Der Corona-Lockdown soll womöglich noch einmal verschärft werden. Was halten Sie von den aktuellen Maßnahmen?
Sie sind gut und richtig. Sie werden nur nicht eingehalten. Es ist wichtig, dass wir uns alle an die Regeln halten und Kontakte einschränken.
Mitunter gibt es Corona-Verbote, die schwer zu kontrollieren sind. Was sagen Sie zur Einschränkung des Bewegungsradius’ auf 15 Kilometer?
Jede Regel ist nur so gut, wie man sie kontrollieren und einfordern kann. Wenn man hingeht und sagt: „Das darfst du nicht“, es aber keine Kontrollmöglichkeit gibt, dann dauert es nicht lange und die Menschen machen wieder, was sie wollen. Per se ist es eine sinnvolle Überlegung, dass Menschen, die in einem Hotspot wohnen, nicht in Gegenden fahren, wo das Virus nicht so stark auftritt. Es besteht immer die Gefahr, dass man es hat. 

Chef des Klinikums Fulda: Corona-Pandemie könnte im Herbst überwunden sein

Landrat Bernd Woide (CDU) sprach von einem Akzeptanzproblem. Haben wir eins?
Ich kann sagen, dass wir im Klinikum Fulda kein Akzeptanzproblem haben. Die Mitarbeiter achten penibel genau auf die Vorschriften, und ich habe den Eindruck, dass sie diese Einstellung auch im Privatbereich leben. Für die Bevölkerung insgesamt kann ich nur meine Privatmeinung abgeben. Wenn man sich die Flaschencontainer nach Silvester angeschaut hat, dann kann man schon davon ausgehen, dass das nicht alles im privaten Familienkreis getrunken wurde. 
Wir haben jetzt bald ein Jahr lang Corona. Wann hört es endlich auf? Was glauben Sie?
Nach meiner Einschätzung werden wir bis Ende des Sommers mit Einschränkungen rechnen müssen. Die Pandemie endet erst, wenn wir die Herdenimmunität erreichen. Nach jetzigem Stand gehen wir davon aus, dass 60 oder 70 Prozent der Bevölkerung immun sein müssen, bis das erreicht sein wird. 
Sie gehen davon aus, dass wir den Wendepunkt der Corona-Pandemie erreicht haben. Wann war das?
Das war am 27. Dezember, als wir mit den Impfungen begonnen haben. Ich gehe auch davon aus, dass die Zahlen ab April besser werden, wenn es wärmer wird und wir wieder mehr draußen sein können. Ich hoffe, dass die Impfbereitschaft weiter ansteigen wird und die Menschen diese große Chance nutzen. Ich hoffe auch, dass die Produktion der Nachfrage standhält und dass wir dann Ende September sagen können. „Hey, das war’s jetzt mit Corona“. 

Zuletzt hatte sich auch Virologin Sandra Ciesek im NDR-Info-PodcastCoronavirus-Update“ dahingehend geäußert, dass sie denkt, dass die Impfbereitschaft künftig weiter zunehmen wird. Ciesek hat auch die Empfehlung abgegeben, nach einem Corona-Ausbruch in einem Pflegeheim dann dort sofort die noch nicht betroffenen Personen zu impfen. Virologe Hendrik Streeck hatte jüngst erklärt, dass er sowohl den Inzidenzwert als auch die tägliche Zahl der Neuinfektionen als nicht sinnvolle Richtwerte bei der Bekämpfung der Pandemie ansehe.

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