Am Freitagnachmittag herrscht im Impfzentrum in Fulda gähnende Leere.
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Am Freitagnachmittag herrscht im Impfzentrum in Fulda gähnende Leere.

„Das wirft uns fatal zurück“

Leere Stühle im Corona-Impfzentrum: Fuldaer Arzt warnt vor erneutem Inzidenz-Anstieg

  • Sabrina Mehler
    VonSabrina Mehler
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Frühjahr 2021: Lange Schlangen vor dem Corona-Impfzentrum in Fulda. Sommer 2021: Viele leere Stühle in der Waideshalle. Das Bild hat sich schnell gewandelt, die Impfbereitschaft sinkt. Deshalb werden für Impfwillige jetzt die Hürden gesenkt.

Fulda - Seit Montag ist bundesweit kein Termin mehr nötig, der im Internet oder per Hotline vereinbart werden muss: Wer geimpft werden möchte, kann sich direkt in die Corona-Impfzentren begeben. Solche „offenen Angebote“ hatte es in Fulda schon vorher gegeben.

Und sie zeigen offenbar Wirkung: Lag die Anzahl dieser offenen Impfungen im Juli bei etwa 50 pro Tag, verzeichnet der Kreis seit Anfang der Woche eine steigende Nachfrage. Von Montag bis Mittwoch erhielten mehr als 350 Personen im Rahmen des offenen Angebots einen Piks in den Oberarm, teilt Landkreis-Sprecherin Lisa Laibach mit. (Mit dem Corona-Ticker für den Landkreis Fulda bleiben Sie auf dem Laufenden.)

Corona-Impfzentrum Fulda: Täglich zwischen 300 und 600 Impfungen

Insgesamt werden zurzeit täglich zwischen 300 und 600 Menschen zum ersten oder zweiten Mal geimpft. Die Zahl schwankt stark. Zum Vergleich: Zu den Hochzeiten im Frühjahr, als allerdings auch der Impfstoff noch knapp war, warteten rund 1300 Impfwillige auf die Immunisierung mit Biontech oder Astrazeneca. Das heißt: Im Impfzentrum bleiben jetzt viele Stühle leer. Weggeworfen wurde bisher aber noch kein Impfstoff, sagt der Kreis.

Gegenwärtig sind gemeinsam mit der Stadt Fulda weitere „niedrigschwellige Impfangebote“ in verschiedenen Stadtteilen geplant. Schon in den vergangenen Wochen hatte es Aktionen etwa in Bürgerzentren und Kirchen gegeben. Ob Prämien und Geschenke wie etwa eine kostenlose Bratwurst zum Piks mehr Menschen überzeugen? Der Landkreis ist skeptisch: „Materielle Impfanreize bewerten wir aktuell als nicht zielführend und der Thematik nicht angemessen.“ Menschen sollten sich aus der Überzeugung heraus impfen lassen, um sich selbst und die Gesellschaft zu schützen. „Wir appellieren: Nehmen Sie das offene Angebot im Impfzentrum wahr und lassen Sie sich impfen.“ (Lesen Sie auch: Brinkhaus macht klare Ansage an Impfgegner)

Corona in Fulda: Impfzentrum schließt Ende September

Dafür besteht noch bis Ende September die Möglichkeit. Dann schließt das Impfzentrum. Danach sind für anstehende Auffrischungsimpfungen mobile Aktionen geplant. Wie diese konkret aussehen könnten, steht noch nicht fest. Möglich wären beispielsweise Impfungen in Seniorenheimen, auch in Abstimmung mit den Hausärzten.

Nach den Ferien ist außerdem vorgesehen, Schülerinnen und Schülern „gebündelt Impfmöglichkeiten bereitzustellen“. Die Impfbereitschaft bei den jungen Leuten gestaltet sich aber schon jetzt erfreulich: Bisher haben laut Auskunft des Landkreises im Impfzentrum 2730 Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren ihre erste Impfung erhalten, 1313 die zweite – von insgesamt 21.962 Personen in dieser Altersklasse.

Auch Ralph-Michael Hönscher, Vorstandsvorsitzender des Gesundheitsnetzes Osthessen, berichtet: „Die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen, ist hoch.“ Die meisten würden sich nach ausführlichen Aufklärungsgesprächen in den Hausarztpraxen dafür entscheiden. Er selbst hält die Impfung für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren für „vertretbar“: „Kinder, die mehr als ein Jahr lang mehr schlecht als recht durch die Pandemie gekommen sind, erhalten die Option, wieder ein Stück Normalität mit einem normalen Schulunterricht zu bekommen.“

Video: Das Impfzentrum in Fulda öffnet - Corona-Schutzimpfungen starten

Hönscher bestätigt aber die Impfmüdigkeit bei den Erwachsenen: „Diejenigen, die sich impfen lassen wollten, sind jetzt durchgeimpft. Viele Menschen bleiben allerdings weiterhin skeptisch. Das wirft uns fatal zurück und kann dazu führen, dass die Inzidenz wieder steigt.“

Hinzu komme, dass viele Menschen das falsche Gefühl hätten, dass die Pandemie vorbei ist. „Das Thema wird nicht mehr ernst genommen.“ Deutlich werde das zum Beispiel an den Menschenmassen im Fuldaer „Bermudadreieck“ an den Wochenenden. Wie Impfskeptiker überzeugt werden könnten? „Ich bin kein Freund davon, Geschenke und Prämien zu verteilen und diese Frage auf dem finanziellen Rücken der anderen auszutragen“, sagt der Allgemeinmediziner und unterstreicht: „Es ist richtig, dass der Staat sagt: Wer geimpft ist, der erhält gewisse Privilegien.“

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