Die Impfpriorisierung ist seit Montag aufgehoben - wegen fehlenden Impfstoffes könnte es allerdings dauern, bis auch jüngere Menschen geimpft werden.
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Nebenwirkungen nach der Corona-Impfung sind meist harmlos. Doch Geimpfte sollten einen gewissen Zeitraum nach der Spritze auf mögliche Impfkomplikationen achten, empfehlen Experten (Symbolbild).

Arzt gibt Tipps

Corona: Schwere Impfreaktionen sind selten, kommen aber vor - Betroffene berichten

  • Daniela Petersen
    VonDaniela Petersen
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„Und, wie hast du sie vertragen?“ Diese Frage beschreibt zu gut, was die Menschen 2021 bewegte: die Corona-Impfung. Nicht selten lautete die Antwort: „Naja, es hat mich schon aus den Schuhen gehauen.“ Wie heftig die Nebenwirkungen teilweise ausfielen, berichten Betroffene.

Fulda - Müdigkeit, Kopfweh, Schmerzen an der Impfstelle: Meist sind die Beschwerden, die nach einer Corona-Impfung auftreten, eher ungefährlich. Doch was Liane Klein aus Fulda vier Tage nach ihrer ersten Immunisierung erlebt hat, war alles andere als harmlos: „Es hat sich angefühlt wie ein Herzinfarkt. Ich hatte ein Ziehen im Arm und Druck auf der Brust. Reden hat mich angestrengt, und mein Kopf kam mir vor, als hätte ich einen zu engen Helm an“, erinnert sich die 46-Jährige.

Sie sei kaum die Treppe hochgekommen – ein Zustand, den die sportliche Frau, die in Fulda die Tanzschule Holodeck betreibt, nicht von sich kennt. Normalerweise sei sie kerngesund. „Ich hatte tatsächlich Angst und bin dann direkt ins Krankenhaus, um mich untersuchen zu lassen.“

Corona-Impfung: Starke Nebenwirkungen - So ging es den Betroffenen

Herzinfarkt, Schlaganfall, Thrombose – das alles konnte ausgeschlossen werden. Fast zwei Monate dauerte es, bis die Tanzpädagogin wieder Sport machen konnte. Ob letztlich die Impfung der Auslöser für ihre Beschwerden war, konnten die Mediziner nicht feststellen. Klein geht davon aus, dass es eine Kombination aus der Impfung, körperlicher Anstrengung und Stress war. „Ich habe direkt am Tag nach der Impfung wieder Kurse gegeben. Das und der Stress haben mich ausgehebelt“, sagt sie.

Liane Klein und Michael Franz hatten nach der Corona-Impfung mit schweren Nebenwirkungen zu kämpfen.

Damals, als das im Mai passierte, sei ihr nicht klar gewesen, dass sie sich nach der Impfung länger hätte schonen müssen. „Mir wurde das so gesagt: Am Impftag selbst soll ich mich schonen, aber danach könne ich alles weitermachen wie bisher. Meiner Meinung nach ist man nicht ausreichend aufgeklärt worden. Nur zu sagen, der eine reagiert darauf, der andere nicht, finde ich zu wenig.“

Mit Krankheitssymptomen auf die Impfung reagiert hat auch Michael Franz aus Eichenzell. Der Physiotherapeut fühlte sich zwei Wochen lang krank. Stationär behandelt wurde er nicht. „Ich hatte mal Fieber, mal Halsschmerzen, Gliederschmerzen und auch Schnupfen. Nicht alles gleichzeitig, aber immer nacheinander“, sagt der 45-Jährige. Auch einige seiner Mitarbeiter hätten Impfreaktionen gezeigt und konnten zum Teil danach nicht arbeiten.

Wie Liane Klein hat auch er Biontech bekommen. Doch unerwünschte Reaktionen auf die Impfung gibt es bei allen Vakzinen. Das geht aus einem Bericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) hervor, das einzelne Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Komplikationen, die im Zusammenhang mit der Corona-Impfung stehen, auswertet. (Mit unserem Corona-Ticker für Fulda bleiben Sie immer auf dem Laufenden)

Seit Beginn der Impfkampagne zwischen dem 27. Dezember 2020 und dem 31. August 2021 wurden bisher 156.360 solche Verdachtsfälle gemeldet. Den Großteil beurteilt das Bundesinstitut als leichte Reaktionen. Doch in 15.122 Fällen ist auch die Rede von schwerwiegenden Verdachtsfällen. Dazu zählen etwa Thrombosen, Herzmuskelentzündungen oder eine Entzündung des peripheren Nervensystems.

Gab es Komplikationen in den Impfzentren der Region?

Fulda: Über Komplikationen im Zusammenhang mit Impfungen liegen dem Landkreis Fulda keine Informationen vor, wie die Pressestelle auf Nachfrage erklärt. In den neun Monaten des Betriebs des Impfzentrums habe es drei Einsätze des Rettungsdienstes geben. Einmal sei eine Person gestürzt, die beiden anderen Male seien Notfälle vor beziehungsweise nach der Impfung gewesen. Inwieweit diese Fälle im Zusammenhang mit der Impfung stehen, sei dem Kreis nicht bekannt. 

Main-Kinzig-Kreis: Das Impfzentrum in Hanau hat bis Mitte September 148.000 Impfdosen verabreicht. „Und musste erfreulicherweise nur bei rund 100 Personen vor Ort Impfreaktionen behandeln“, erklärt die Pressestelle des Main-Kinzig-Kreises. In drei Viertel der Fälle seien ein zu niedriger Blutdruck und Schwindel die Beschwerden gewesen. Im Impfzentrum in Gelnhausen seien die Zahlen ähnlich gewesen. „Die registrierten Impfreaktionen waren zu keiner Zeit so heftig, dass jemand unmittelbar ins Krankenhaus hätte eingewiesen werden müssen“, erklärt Frank Walzer.

Vogelsbergkreis: Im Impfzentrum in Alsfeld gab es eine „ernsthafte Komplikation“, wie Pressesprecherin Sabine Galle-Schäfer erklärt. Die Person musste mehrere Tage intensivmedizinisch behandelt werden. „Weitere vier Personen wurden sicherheitshalber stationär behandelt.“

Im Sicherheitsbericht vom 20. September 2021 schreibt das PEI von 1450 Verdachtsfallmeldungen, bei denen über einen tödlichen Ausgang in unterschiedlichem zeitlichem Abstand zur Impfung berichtet wird. „Eine Analyse der Daten ergibt keine wesentliche Änderung zur Auswertung der vorherigen Sicherheitsberichte“, heißt es da.

Wer also wissen möchte, in wie vielen Fällen das PEI davon ausgeht, dass die Impfung für den Tod eines Menschen ursächlich ist, der muss sich den vorherigen Bericht vom August heranziehen. Da heißt es: „In 48 Fällen hält das Paul-Ehrlich-Institut einen ursächlichen Zusammenhang mit der jeweiligen Covid-19-Impfung für möglich oder wahrscheinlich.“

Video: Dritte Impfung: Diese Nebenwirkungen kann sie verursachen

Bei all den Zahlen sind zwei jedoch noch wichtig, um das Ganze etwas einzuordnen: Im Zeitraum bis Ende August sind insgesamt fast 102 Millionen Impfungen in Deutschland verabreicht worden. An oder mit Corona starben laut Robert-Koch-Institut fast 95.000 Menschen. „Corona-Impfungen sind eine effektive Maßnahme, die Pandemie einzudämmen und sich selbst vor Covid-19 zu schützen“, betont das PEI.

Das sehen auch Liane Klein und Michael Franz so. Franz habe einige Bekannte, die an Long-Covid leiden. „Im Vergleich dazu, wie es einem ergehen kann, wenn man Corona hat oder hatte, waren die Beschwerden nach der Impfung bei mir nichts dagegen.“ (Lesen Sie hier: Long-Covid-Patient Gundolf Hofmann über die Angst vor dem Ersticken)

Auch Klein hat sich trotz ihrer Erfahrung bei der ersten Impfung die zweite abgeholt: „Ich war skeptisch, ob ich das nochmal machen soll. Anfang September habe ich mich aber doch dazu durchgerungen, weil ich ja auch viel Kontakt mit Menschen habe. Anders als beim ersten Mal, fuhr ich den Stresspegel runter und habe mich danach ausgeruht. Das hat geholfen. Nach der zweiten Impfung hatte ich keine Beschwerden“, sagt sie.

Corona-Impfung: Arzt gibt Tipps

Das bestätigt auch ein Sportarzt aus der Region. Prof. Dr. Dr. Dr. Christof Raschka hat in seiner Praxis in Hünfeld etwa 2500 Impfungen durchgeführt. Seine Patienten haben im Anschluss meist von eher harmlosen Nebenwirkungen berichtet. Eine Komplikation melden musste er nicht. Er als Sportarzt betont, wie wichtig es ist, sich nach der Impfung zu schonen: „Man sollte am besten eine Woche Pause machen und auf starke körperliche Betätigung verzichten, das kann auch die Gartenarbeit betreffen.“ Wer Symptome hat solle so lange warten, bis diese weg sind: „Das gilt eigentlich für jede Impfung“, sagt Raschka.

Beides, sowohl die Impfung als auch der Sport, würden das Immunsystem in Anspruch nehmen. „Der Körper ist dann gezwungen, einen Zweifrontenkrieg zu führen. Zwei Schlachten durch ein Heer, da kann man nur verlieren“, erklärt Raschka. Ebenso sei es, wenn der Patient gerade mit einem Infekt kämpfe: „Auch in so einem Fall sollte die Impfung besser verschoben werden.“

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