Nach der Impfung an Corona zu erkranken sei nicht verwunderlich, sagen die Fachleute. Meist sind die Covid-19-Symptome aber mild. (Symbolbild)
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Nach der Impfung an Corona zu erkranken sei nicht verwunderlich, sagen die Fachleute. Meist sind die Covid-19-Symptome aber mild. (Symbolbild)

Das sagen Fachleute

Infiziert trotz Impfung: Corona-Fälle steigen wieder - Wie groß ist die Gefahr aktuell?

Geimpft und doch an Corona erkrankt: Das kommt vor und könnte in den nächsten Monaten häufiger passieren. Meist sind die Covid-19-Symptome aber mild.

Fulda - Trotz Corona-Impfung zu erkranken, also Impfdurchbrüche, seien nicht verwunderlich, sagen Fachleute. Manche sehen Grund zum Handeln, um die Infektionslage wieder einzudämmen.

Schutz vor schwerem Verlauf
„Man muss wissen: Der Schutz vor einer Infektion ist ein halbes Jahr nach der Impfung nicht mehr so gut gegeben“, sagt der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Der Impfstoffforscher Leif Sander von der Charité in Berlin erklärt: Am besten geschützt sei man ein bis zwei Wochen nach der Zweitimpfung, danach nehme der Schutz vor einer Ansteckung langsam ab. Allerdings blieben Geimpfte deutlich besser geschützt als Ungeimpfte.

Unerwartet kommt der nachlassende Effekt nicht. Virologe Christian Drosten sprach schon im April darüber, dass Geimpfte nach einigen Monaten wieder zur Weitergabe des Virus beitragen könnten. Viel wichtiger als der Schutz vor Infektion sei aber der Schutz vor einem schweren Verlauf – der bleibe weiter erhalten, betont Streeck. Wer sich trotz Impfung infiziert, dürfte Fachleuten zufolge in der Regel mild erkranken oder nichts bemerken. Generell kommen Impfdurchbrüche auch bei Impfungen gegen andere Krankheiten vor. (Lesen Sie auch: Hendrik Streeck rät: Hühnersuppe und ausgiebiges Küssen für ein starkes Immunsystem)

Corona-Infektion trotz Impfung: Wie groß ist Gefahr in diesem Winter?

Wenn sich Geimpfte infizieren
Das Risiko, das von geimpften und ungeimpften Infizierten ausgeht, unterscheidet sich: „Wenn sich Geimpfte infizieren, haben sie laut einer Studie zwar kurzzeitig eine so hohe Viruslast wie Ungeimpfte“, erläuterte Vorologe Hendrick Streeck. „Diese fällt aber sehr viel schneller ab. Damit verkürzt die Impfung die Zeitspanne, in der das Virus weitergegeben werden kann.“ Und was ist nach einem Impfdurchbruch? Aus Sicht des Impfstoffforschers Leif Sander ist dann voraussichtlich keine Auffrischung nötig. „Bei Geimpften wirkt die Infektion wahrscheinlich wie ein Booster.“ Ausreichend Daten dazu lägen aber noch nicht vor.

Wie groß ist die Gefahr?
Heikel kann ein Impfdurchbruch insbesondere bei Menschen höheren Alters oder mit Vorerkrankungen werden. Die Immunantwort fällt etwa bei Älteren nach Impfungen geringer aus, sie können dann auch schwerer erkranken. Unter den insgesamt 1076 gestorbenen Covid-19-Fällen mit Impfdurchbrüchen, die von Anfang Februar bis 22. Oktober erfasst wurden, waren laut Robert Koch-Institut 782 mindestens 80 Jahre alt. Das spiegele das generell höhere Sterberisiko – unabhängig von der Wirksamkeit der Impfstoffe – für diese Altersgruppe wider.

Der Anteil der Impfdurchbrüche an allen Covid-19-Fällen zeige, „dass nur ein geringer Anteil der hospitalisierten, auf Intensivstation betreuten bzw. verstorbenen Covid-19-Fälle als Impfdurchbruch zu bewerten ist“. Das RKI nennt die Zunahme von Durchbruchinfektionen im Laufe der Zeit „erwartbar“: Immer mehr Menschen seien geimpft, das Virus breite sich wieder vermehrt aus. „Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen.“

Video: Hendrik Streeck: „Impfdurchbrüche sind kein Grund zur Sorge“

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat ihre Empfehlung zu Auffrischimpfungen ausgeweitet. Sie richtet sich an Menschen ab 70, Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Bewohner von Pflegeheimen, Pflegepersonal und medizinisches Personal mit Kontakt zu Patienten. Auch Menschen, die den Impfstoff von Johnson & Johnson bekommen haben, können ihren Schutz mit einer Dosis mRNA-Impfstoff verbessern. Die Impfverordnung sieht die Möglichkeit zur Auffrischung aber grundsätzlich für alle vor, für die es zugelassene Impfstoffe gibt.

Mit Halsschmerzen nicht ins Büro
Befürchtet wird, dass Menschen in Herbst und Winter wieder mehr Atemwegserkrankungen bekommen. Als Geimpfter sorglos mit Halsschmerzen ins Büro gehen? Keine gute Idee. „Wer im Herbst und Winter Erkältungssymptome hat, sollte sich mittels PCR testen lassen“, so der Top-Virologe Hendrik Streeck. „Auch Geimpfte sollten in solchen Fällen Corona in Betracht ziehen – es ist ein Irrtum zu glauben, dass man es überhaupt nicht bekommen kann.“

Charité-Wissenschaftler empfiehlt dritte Corona-Impfung

Auffrischung für alle Impfbereiten?
Für Charité-Wissenschaftler Leif Sander würde eine Ausweitung der „Booster“-Impfungen angesichts der Corona-Entwicklung Sinn ergeben: „Allen impfbereiten Menschen eine dritte Impfung ein halbes Jahr nach der Zweitimpfung anzubieten, hätte auch einen dämpfenden Effekt auf die Virusverbreitung in der Bevölkerung.“ Die Drittimpfung könne die Immunität wieder deutlich verbessern. „Wir bräuchten jetzt sechs bis acht Wochen lang eine große Kampagne wie zu Beginn des Jahres, mit Impfzentren und mobilen Impfteams.“ Sander berief sich auch auf Erfahrungen Israels, wo man sich aus der vergangenen Welle „herausgeboostert“ habe.

Gegner einer Ausweitung von Auffrischimpfungen, zu denen auch der Virologe Hendrik Streeck zählt, argumentieren etwa mit der weltweiten Knappheit an Impfstoffen. Andere Länder benötigten die Dosen dringender. Hinzu komme: Das Gesundheitssystem würde eher entlastet, wenn Impflücken bei Menschen über 60 geschlossen werden – und weniger mit Drittimpfungen bei Mittzwanzigern. (dpa)

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