Die Gesundheitsdezernenten Frederik Schmitt, Susanne Simmler und Dr. Jens Mischak äußerten sich zur Corona-Situation in ihren Landkreisen.
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Die Gesundheitsdezernenten Frederik Schmitt, Susanne Simmler und Dr. Jens Mischak äußerten sich zur Corona-Situation in ihren Landkreisen.

Interview mit Schmitt, Simmler und Mischak

Gesundheitsdezernenten in Osthessen beklagen fehlenden Corona-Impfstoff - Lockerungen ab April dennoch möglich?

  • Daniel Krenzer
    vonDaniel Krenzer
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Die Pandemiemüdigkeit ist hoch, doch der Start der Impfungen brachte zuletzt einen Hoffnungsschimmer. Wie schätzen die Gesundheitsdezernenten der Landkreise Fulda, Vogelsberg und Main-Kinzig die Situation ein? 

Fulda - Frederik Schmitt, Gesundheitsdezernent des Landkreises Fulda, Susanne Simmler, Gesundheitsdezernentin des Main-Kinzig-Kreises und Dr. Jens Mischak, Gesundheitsdezernent des Vogelsbergkreises, äußerten sich im Interview mit unserer Zeitung zur Corona-Situation in ihren Landkreisen und dem Corona-Impfstoff.

Im Landkreis Fulda sind die Fallzahlen weiterhin hoch, die Ausgangssperre wird bis zum 14. Februar verlängert. Wie sinnvoll sind solche Maßnahmen?
Schmitt: Sicher wirken manche mehr als andere. Wir haben ja keinen Hehl daraus gemacht, dass wir die 15-Kilometer-Regelung für nicht so sinnvoll gehalten haben. Wir haben das mit dem Thema Parkplatzsperrungen aus unserer Sicht mit milderen Mitteln in den Griff bekommen und freuen uns, dass das Land das inzwischen auch so sieht. Die nächtliche Ausgangssperre ergibt hingegen in manchen Bereichen Sinn, weil einige Personen sich statt in Gaststätten eben privat anderswo treffen. (Lesen Sie hier: Mit dem Corona-Ticker für Fulda bleiben Sie auf dem Laufenden)
Wie kommt es dazu, dass selbst in den benachbarten Kreisen die Pandemie so zeitversetzt verläuft?
Simmler: So eine Pandemie folgt keinen politischen Gesetzen, Vorgaben oder Grenzen. Es gibt oft auch Anhaltspunkte, dass bestimmte Infektionsursprünge – wie zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen – schnell auch viele weitere Infektionen nach sich ziehen, trotz der Einschränkungen. Auch wenn man sehr detailliert Kontakte abfragt, um möglichst genaue Infektionsketten zu erkennen, hat da niemand ein Patentrezept. Ab einem gewissen Infektionsgrad ist es sehr schwierig, einen genauen Überblick zu behalten. Das sind superstressige Momente für alle. (Lesen Sie hier: Mit dem Corona-Ticker für den Main-Kinzig-Kreis bleiben Sie auf dem Laufenden)
Mischak: Ich habe acht Monate lang erklärt, dass wir als ländlich geprägter Landkreis andere Strukturen haben und deshalb eher geringe Corona-Fallzahlen haben – und schwuppdiwupp schnellten die Zahlen in die Höhe. Ein Drittel der Fälle ging etwa auf Altenheime zurück, aber warum es plötzlich so viele Infizierte gab, konnte niemand erklären. Der Chef unseres Gesundheitsamtes erklärt das so: Die Pandemie ist kein gleichmäßiger Sommerregen, sondern es gibt punktuelle Starkregenereignisse.  (Lesen Sie hier: Mit dem Corona-Ticker für den Vogelsberg bleiben Sie auf dem Laufenden)
Schmitt: Die hohen Fallzahlen haben mit Sicherheit mehrere Gründe. Die einzig richtige Erklärung dafür gab es auch im Frühjahr nicht, als die Werte im Deutschlandvergleich schon einmal sehr hoch waren. Wir können keine Verteilungsschwerpunkte im Landkreis ausmachen, das Coronavirus verbreitet sich überall. Wenn es einen Infizierten in einer Familie gibt, dann ist es bei den anderen Familienmitgliedern recht klar, wo sie sich angesteckt haben. Unklar bleibt aber auch oft, wo sich der Erste in der Familie, der sogenannte Indexfall, angesteckt hat.
Sie haben in Rekordzeit Impfzentren aus dem Boden gestampft. Haben Sie nicht Tränen in den Augen, wenn Sie sehen, wie wenig dort bislang geimpft wird? Und wie stehen Sie zum englischen Modell, rund um die Uhr zu impfen?
Mischak: Es ist klar definiert, in welchen Zeiträumen geimpft werden soll, 7 bis 22 Uhr mit 1000 gewährleisteten Corona-Impfungen am Tag. Wenn erst mal genug Impfdosen da sind, bekommen wir das hin. Aber auch das will erst einmal geschultert werden, zumal es zusätzlich mobile Impfteams gibt. Wir wären damit in drei Monaten bei 60 bis 65 Prozent der Bevölkerung.
Schmitt: Wir gehen aktuell davon aus, dass wir etwa 2000 Impfungen am Tag verabreichen könnten. Die Hoffnung ist zudem mit neuen Impfstoffen verbunden, dass wir dezentral impfen können – wie bei Hausärzten. Das wäre aus meiner Sicht die beste Lösung. (Lesen Sie hier: Zoff um den Corona-Impfstoff: Klinikum Fulda und Herz-Jesu über Kreuz)
Simmler: Wir haben uns als Landkreise sehr früh dafür eingesetzt, dass die Impfzentren vor Ort geöffnet werden. Das hat etwas mit der Lebensrealität der Menschen zu tun. Wir sind jetzt froh, dass die Landesregierung die Entscheidung getroffen hat, zum 9. Februar alle Impfzentren zu öffnen. In unseren Impfzentren in Hanau und Gelnhausen können pro Tag 2000 Menschen zwischen 7 und 22 Uhr geimpft werden, dafür sind keine weiteren Nachtschichten notwendig. Unsere Impfzentren können räumlich erweitert werden, wenn genügend Impfstoff vorhanden ist. Unsere mobilen Teams sind von Montag bis Freitag unterwegs und wir gehen davon aus, dass irgendwann dezentral in Arztpraxen geimpft werden kann. 
Gestaltet sich das Impfen für Sie also schwieriger, als Sie sich das vorgestellt haben?
Schmitt: Das Land Hessen hat nicht nur die Terminvergabe organisiert, sondern auch Hard- und Software. Wir haben das Personal, die Räumlichkeiten und die Logistik organisiert. Da war ich anfangs skeptisch, ob am Ende alles zusammen gut funktioniert. Da hat es mich positiv überrascht, dass bis auf kleinere Dinge alles sehr gut geklappt hat. Die Zusammenarbeit mit dem Land und den Kommunen funktioniert gut.
Simmler: Wir fangen ja nicht erst nächste Woche an zu impfen – die Kollegen sind schon seit dem 27. Dezember in den Alten- und Pflegeheimen unterwegs. Das Impfen selbst ist kein Problem, wir haben bei den Einsätzen der mobilen Impfteams in den stationären Einrichtungen bereits Erfahrungen sammeln können und setzen diese nun um. Und wir bereiten intensiv alle Teams auch in den Impfzentren auf die Abläufe vor. Da wir als Landkreis auch Betreiber sind, steuern wir außer der Termingabe von A bis Z alles selbst. 

Video: Das Impfzentrum in Fulda öffnet - Corona-Schutzimpfungen starten

Wenn man es schaffen würde, bis Ende März alle über 65 und die, die es wollen, zu impfen. Könnte man dann großflächig über Lockerungen nachdenken?
Simmler: Wenn wir es schaffen, einen Großteil der Bevölkerung zu impfen, zu der natürlich ältere Menschen und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen gehören, kommen wir der Normalität, wie wir sie kennen, sicher einen deutlichen Schritt näher. Wann das der Fall sein wird, hängt von vielen Faktoren ab. Etwa, wie schnell größere Mengen an Impfstoff zur Verfügung stehen, aber auch, wie groß die Impfbereitschaft ist. Wir hätten alle gern eine Glaskugel, die uns diese Frage beantwortet. Da wir die aber allesamt nicht haben, müssen wir mit dem arbeiten, was wir wissen und was uns zur Verfügung steht. Und hier ist es eben dringend geboten, eine Überlastung unseres Gesundheitssystems zu vermeiden. 
Schmitt: Bei der Frage zeigt es sich, wie schwierig es ist, in die Zukunft zu blicken. Von den Mutationen geht derzeit eine große Ungewissheit aus, da wissen wir einfach nicht, was im März oder April ist. Aber natürlich hoffen wir, dass wir bald viele der Älteren geimpft haben und Lockerungen möglich sind. Aber darauf sollten wir jetzt noch nicht zu viel Energie verschwenden.
Mischak: Die Frage ist ja auch, wo man dann anfängt. Für mich hätten Schulen da ganz klar Priorität. Homeschooling, das geht mal eine Zeit lang, aber stößt bei allen irgendwann an Grenzen. Und je weiter wir mit dem Impfen kommen, desto schwieriger wird es natürlich, Eingriffe in die Grundrechte von Bürgern zu rechtfertigen. Es muss geklärt werden, wer als Überträger noch infrage kommt. Aber am Ende ist das doch eine ganz einfache juristische Frage: Wenn jemand kein Risiko mehr für andere darstellt, kann ich dem dann noch verbieten, bestimme Dinge zu machen? Da geht es ja nicht um Privilegien, sondern darum, ob ich Grundrechte wieder erlauben kann.

Das gesamte Interview mit den drei Gesundheitsdezernenten lesen Sie in der Samstagausgabe der Fuldaer Zeitung und im E-Paper. An dieser Stelle erscheint eine gekürzte Fassung.

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