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Das Coronavirus beherrscht weiterhin die Welt.

„Exil-Osthessen“ berichten

Corona kennt keine Grenzen: So erleben Menschen außerhalb von Deutschland die Pandemie

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    Bernd Loskant
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Weiterhin beherrscht Corona die Welt. Doch die Einschränkungen sind nicht überall gleich. Wir haben „Exil-Osthessen“ befragt, wie sie die Pandemie erleben.

Steffen Zinkhan kommt aus Fulda und lebt seit 2011 in Wellington (Neuseeland). Er arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus:

Steffen Zinkhan, ein Fuldaer in Neuseeland.

„Die Neuseeländer sehnen sich wieder nach Normalität, haben aber gleichzeitig Bedenken vor den finanziellen, persönlichen und Freiheitsrechte einschränkenden Auswirkungen, die die Krise noch nach sich ziehen wird. 

Wie lief es hier bisher? Am 19. März schloss Neuseeland seine Grenzen für Ausländer und führte ein 4-Stufen-Alarmlevel-System ein. Level 4 trat am 25. März in Kraft versetzte das ganze Land in einen „Dornröschenschlaf“. Schulen wurden geschlossen. Man durfte das Haus nur in Laufweite zu Fuß verlassen. Alles außer Apotheken, Krankenhäusern, Supermärkten und Tankstellen wurde geschlossen. Reisen in der Region oder im Land wurden untersagt und regional Polizeisperren errichtet. 

Als Angehöriger eines systemrelevanten Berufs konnte ich weiterhin ins Krankenhaus zur Arbeit und war damit im Vergleich zu vielen anderen zum Glück nicht arbeits- und gehaltslos. Da es kein Fast-Food mehr zu kaufen gab, brachten die Maßnahmen zumindest gesundheitlich einen Vorteil für die Neuseeländer. Am Anfang gab es Panikkäufe, doch Klopapier war immer vorrätig. Mehl und Desinfektionsseife wurden zur Mangelware. Gewisse Produkte wurden rationiert. Warteschlangen vor Supermärkten wie zu DDR-Zeiten, um Sicherheitsabstände einzuhalten, wurden die Norm.

Die Maßnahmen brachten viele selbständige Freunde finanziell dem Ruin nahe. Wir hatten das Glück, Level 4 sehr eng als Familie erleben zu können. In der Freizeit konnte ich nun perfekt das tun, was ich sonst aus Kapazitätsgründen eher vertage, z.B. Heimwerkern, Lehrer sein, Gärtnern und mit Freunden/Familie telefonieren.“

John Schiever kommt aus Fulda und ist Ende 2006 aus beruflichen Gründen nach Älmhult in Schweden gezogen. Er arbeitet im Bereich Supply Chain Development bei IKEA of Sweden:

John Schiever, ein Fuldaer in Schweden.

„Als die Corona-Krise uns Mitte März erreichte, hat uns unser Arbeitgeber sofort angewiesen, von zu Hause aus zu arbeiten. Das heißt für mich und meine Frau Kristin: viele Telefonate und digitale Meetings. Ich arbeite am Esstisch im Wohnzimmer und Kristin im Schlafzimmer, damit wir uns nicht stören. Gelegentlich treffen wir uns in der Küche wenn wir uns einen Kaffee holen.

Während die Schulen in Schweden geöffnet blieben, wurde es uns freigestellt unsere Kinder in die Internationale Schule zu schicken. In den letzten sechs Wochen haben wir sie, wie viele andere Familien, zu Hause behalten. Die Schule hat uns mit Laptops, Lehrplänen und digitalem Unterricht unterstützt. 

Die Herausforderung ist das Arbeitspensum zu schaffen und gleichzeitig unsere Töchter Annalyn (11), Grace (9) und Eva (7) zu unterstützen und bei Laune zu halten. Seit letzter Woche sind unsere Kinder, wie die meisten anderen, zurück in der Schule in der Hoffnung dass wir das Gröbste überstanden haben.

Während wir keine Ausgangsbeschränkungen haben ist Abstand halten und erhöhte Hygiene das Gebot der Stunde. Dies bedeutet wir verlassen das Haus nur wenn unbedingt nötig zum Beispiel zum Einkaufen oder Arztbesuch. Auch den gelegentlichen Besuch in der Pizzeria oder im Thai-Restaurant verkneifen wir uns und bestellen stattdessen Take Out. 

Insgesamt sind wir zwar eingeschränkt, aber nicht so dramatisch wie in Deutschland oder anderen Ländern. Für mich ist es schwer zu sagen, ob und was Schweden oder Deutschland jeweils besser machen. Beide Länder sind schwer zu vergleichen. Im Moment sieht es für mich so aus, dass es Deutschland mit dem Lock Down geschafft hat die Infektionskurve abzuflachen und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, aber einen hohen Preis zahlt. 

Schweden hat sich entschieden, das Leben der Menschen weniger einzuschränken und die Wirtschaft nicht total herunterzufahren und hat auch die Kurve abgeflacht, aber dabei höhere Infektionen und Todesfälle riskiert. Leider ist dies in den Altenheimen eingetreten, weil Hygienemaßnahmen nicht gut genug umgesetzt wurden.“

Sandro Schmidt kommt aus Schlitz, war Leiter des Maritim-Hotels in Fulda und ist nun Direktor eines Melia-Hotels in Zhengzhou in China:  

Sandro Schmidt, ein Schlitzer in China.

„Die chinesischen Menschen schauen nach vorne und nicht zurück. Folglich ist die spezielle Situation mit COVD – 19 nicht mehr das oberste Thema. Zum Schutz und als Vorsorge gegen COVD – 19 gibt es strenge Vorgaben von der zentralen Regierung in Peking. Diese werden durch Verordnungen der Provinzregierung ergänzt. In den öffentlichen Einrichtungen wird am Eingangsbereich – je nach Provinz, Stadt, Stadtteil und entsprechend der Unternehmensrichtlinien – die Körpertemperatur, der Name, Aufenthaltsort und Nationalität erfasst. In den Gebäuden selbst kann man sich dann frei bewegen. Auf der Straße und den öffentlichen Verkehrsmitteln tragen die meisten Menschen weiterhin Mundschutz. Die Schulen haben seit Montag den Unterricht wieder aufgenommen.

Als Ausländer wird man auf Reisen innerhalb des Landes etwas mehr kontrolliert. Es besteht eine gewisse Angst, dass das Virus aus dem Ausland nach China gebracht wird. Da ich bei einem der größten Immobilien-Unternehmen Chinas angestellt bin, ist die wirtschaftliche Situation für mich wieder stabil. Es gibt jedoch viele Unternehmen, welche die letzten Wochen nicht überlebt haben. Dementsprechend ist die Erwerbslosigkeit angestiegen. Mit Förderprogrammen und Gutscheinen versucht die Stadtregierung, die Wirtschaft zu stimulieren. Unternehmen, welche am Jahresende mehr Umsatz als im Vorjahr nachweisen oder im Stadtgebiet die Anzahl der Arbeitsplätze gesteigert haben, erhalten einen finanziellen Bonus von der Stadtverwaltung. Kostenfreie Nutzung von öffentlichen Flächen, reduzierte Eintrittspreise in Musen sowie Schulungen zur Unternehmensgründung im Onlinehandel runden die unterstützenden Maßnahmen ab.

Insgesamt ist das Leben in meinem Umfeld wieder ziemlich normal und weitestgehend ohne Einschränkungen, von Reisen ins Ausland einmal abgesehen. Im Oktober werden wir das Gran Meliá Hotel Zhengzhou voraussichtlich eröffnen.“

Thomas Kropp verließ nach dem Abitur Fulda und lebt seit 2007 in Zürich. Er ist der IT-Leiter einer großen Schweizer Versicherung:

Thomas Kropp, ein Fuldaer in der Schweiz.

„Die Schweiz hatte aufgrund der direkten Grenze zu Norditalien und dem Elsass bereits sehr früh relativ viele Corona-Infizierte. Die entsprechenden Maßnahmen wurden jedoch diszipliniert umgesetzt und seit dem 11.5. haben alle Geschäfte und Restaurants wieder geöffnet. 

Die Kinder sind zurück in Kita, Kindergarten und Primarschule, die grösseren Schüler geniessen noch für ein paar Wochen das relativ gut funktionierende Homeschooling, das bei Teenagern auch als die grossen Corona Ferien bekannt ist. 

Reisen in die Berge und Zweitwohnungen sind mittlerweile wieder erwünscht und die Sommerferien werden die meisten Schweizer zur Abwechslung wohl mal im eigenen Land verbringen. 

Technologisch haben in den letzten zwei Monate zwei Jahre der digitalen Transformation stattgefunden. Der weitgehend komplette Wechsel zum Arbeiten von zuhause hat reibungslos funktioniert und auch der Kontakt zu den Eltern und Grosseltern konnte dank der Technik trotz geschlossener Grenzen aufrechterhalten werden. Viele dieser Errungenschaften werden uns auch nach der Corona erhalten bleiben.

Ich werde diese Woche im Rahmen einer Pilotgruppe meinen freiwilligen Covid 19-Test und einen Antikörpertest durchführen. Damit erhoffen wir grundlegende Daten, die als Steuerungsinstrument zur Wiedereröffnung von Büros genutzt werden können.“

Dr. Klaus-Michael Ochsenkühn kommt aus Fulda und lebt seit über 40 Jahren in Griechenland:

Klaus-Michael Ochsenkühn, ein Fuldaer in Griechenland.

„Erstaunlicher Weise, was auch immer die Gründe sind, halten sich die Griechen, die ansonsten stets protestbereit sind, an die Einschränkungen, mit dem Ergebnis, dass Griechenland bisher mit der Pandemie sehr gut zurechtkam. Große Arbeit haben dabei die Massenmedien geleistet. Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat dabei so objektiv wie moeglich die Logik dieser Einschränkungen erklärt. Bekannte Künstler der griechischen Szene zeigten, wie man sich verhalten sollte und worauf man aufpassen sollte. Es war zwar unangenehm, jedesmal, wenn man aus dem Haus ging, ein Papier auszufüllen und den Grund angeben musste, was man vor hatte (Apotheke oder Einkauf oder Jogging usw.), aber es war nur ein kleines Übel. Im Endeffekt fanden einige Kreise, die ansonsten nach Erfolg und Geld jagten, es sogar ganz gut, eine erzwungene Erholungspause einzulegen. Endlich konnte man sich in Ruhe um Familie und Haus kümmern. Im Supermarkt war es ungewohnt, aber erfreulich, direkt bedient zu werden.

Als große Hürde wurde das Osterfest angesehen – das wichtigste Fest für die orthodoxe Kirche. Man verreist auf die Dörfer und Inseln und feiert mit Freunden bei Magiriza, Lamm am Spieß. Natürlich darf die Musik nicht fehlen und die griechischen Tänze. Dieses mal aber war alles begrenzt, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu behindern. 

Nun, ich sehe der Zukunft positiv entgegen, da die vorsichtige Öffnung Schritt für Schritt und die Analyse der Folgen (positiv oder negativ) der beste Weg ist, aus der Krise zu kommen.“ 

Eva Sippel kommt aus Petersberg und lebt seit 1986 in Los Angeles. Sie arbeitet als Voice-Over-Talent und Schriftstellerin, u.a. fürs Fernsehen:

Eva Sippel, eine Petersbergerin in den USA.

„Hier ist die Situation nicht so dramatisch wie in New York, trotzdem ist in Kalifornien die Zahl der Patienten und Toten hoch. Im Moment haben wir über 3000 Tote und 70.000 Erkrankte. Glücklicherweise nehmen unsere Politiker die Lage ernst und handeln eher vorsichtig (im Gegensatz zu Washington DC und Präsident Trump.)

Meine Familie und ich sind nun in der neunten Woche unserer Selbst-Isolation und folgen ganz brav den Anweisungen, weiterhin zu Hause zu bleiben. Es sieht sogar jetzt danach aus, dass die Stay-at-Home Anweisung noch bis Mitte Juli verlängert werden soll, das heißt Kinos, Kaufhäuser, Friseure, Kosmetiksalons usw. weiter geschlossen bleiben. 

Nach zwei Monaten werden unsere Strände nun wieder geöffnet. Man darf aber nicht zum Baden oder Sonnen gehen, sondern muss ständig in Bewegung sein, Masken tragen und natürlich circa zwei Meter Distanz zueinander halten. Das gleiche gilt beim Golf spielen oder wandern. Los Angeles war wie eine Geisterstadt –der 405- und der 101-Freeway leer, dafür hatten wir gute Luft. LA ohne Smog, erstaunlich und wunderschön.

Mein Mann arbeitet in der Filmindustrie und war fast sechs Wochen lang arbeitslos. Die ganze Unterhaltungsindustrie war wie lahmgelegt. Ein neues Normal baut sich langsam auf, aber die Zukunft der Kinos, Theater, Konzerte, Sportsveranstaltungen steht noch in den Sternen.

Da ich hauptsächlich als Voice-Over-Talent und „TV-Writer“ tätig bin, ist es für mich arbeitsmäßig nicht so anders als vorher. Wir haben zu Hause ein Tonstudio gebaut. Wir haben zwei Kinder, einen 14-jährigen Jungen und eine 9-jährige Tochter, die jetzt beide von zu Hause aus lernen, da die Schulen für den Rest des Schuljahres geschlossen sind.“

Josef „Joe“ Gretsch kommt aus Fulda-Neuenberg und pendelt seit 14 Jahren zwischen seiner Heimat und Südafrika, wo er im Rahmen des Vereins „2 More Smiles“ in der Kapregion Arme mit Malzeiten versorgt:

Josef Gretsch, ein Fuldaer in Südafrika.

„Südafrika ist immer noch im strengen Lockdown. Aber nach Wochen des Wartens habe ich nun endlich eine Genehmigung bekommen, mit dem Projekt „Meals on Wheels“ (Essen auf Rädern) wieder loszulegen. Ohne Genehmigung läuft hier nichts, man hätte mich in den letzten Wochen abschieben oder festsetzen, also auch ins Gefängnis stecken können. Die Zukunft ist ungewiss, aber immerhin konnten wir diese Woche schon wieder 4000 Essen zubereiten und in Boxen an die Ärmsten – darunter viele Kinder – ausliefern. 

Ich bin derzeit nur in der Küche tätig, in den Townships ist es zu gefährlich für mich. Ich bin überzeugt, hier Sterben derzeit mehr Menschen an Hunger als am Coronavirus. Die Menschen dürfen nicht mal auf die Straße zum Betteln. Manche leben in Hütten von 3 mal 4 Metern, bis zu acht Personen müssen darin unterkommen. Die, die jetzt arbeitslos geworden sind, bekommen vom Staat umgerechnet 150 Euro im Monat. Wer nicht gearbeitet hat, bekommt nicht mal 20 Euro. 

Acht Wochen Lockdown sind eine lange Zeit. Acht Wochen, in denen ich mich nur morgens von 6 bis 9 Uhr in einem Radius von 5 Kilometern bewegen durfte. Wenn ich mit dem Auto einkaufen fahre, muss ich die Belege aufheben, um bei einer Kontrolle beweisen zu können, wo ich war. Danke an alle Freunde von „2 More Smiles“ für ihre Spenden auch in diesen Zeiten.“

Klaus Nüchter war Heilpraktiker in Fulda und lebt mit seiner Frau Khing seit 2013 in Kakaskasen, einem Ortsteil von Tomohon auf der indonesischen Insel Sulawesi:  

Klaus Nüchter, ein Fuldaer in Indonesien, mit seiner Frau Khing.

„Auf dem Heimflug von Europa am 15. M��rz haben wir mit Covid-19 erste Erfahrungen gemacht. Sämtliche Flüge mit Mundschutz. Bei jeder Landung: bei jedem Passagier Temperatur messen und in Jakarta und Manado mussten wir schriftlich unsere Gesundheit erklären und unsere Telefonnummern angeben. Seit 14 Tagen sind alle nationalen Flüge gestrichen. Hier darf seit 15. März kein gemeinsames Beten in Kirchen, Moscheen oder Tempeln mehr stattfinden. Viele Geschäfte und Restaurants sind zu. Supermärkte nicht. Seit Ostern keine Schule, aber es gibt Unterricht übers Internet. Im Ort eine komische Ruhe. 60 Prozent der Bewohner sind jetzt ohne Arbeit. Arbeitslosengeld gibt es nicht. Jetzt bewirtschaften sie ihre Felder. Von der Regierung gibt es Hilfe für Arme. Wenn man das Grundstück verlässt: Mundschutz.

Ostern fiel eigentlich aus. Karfreitag fuhr der Pfarrer auf einer Kleinlaster-Ladefläche durch die Pfarrei, um das Kreuz zu zeigen. Echte Engpässe beim Einkaufen gibt es nicht, außer bei richtigen Masken und Desinfektionsmitteln. Ansonsten ist in Tomohon alles da. Auch Toilettenpapier! Uns geht es gut, wir arbeiten viel im Garten, aber leiden etwas unter der Einsamkeit. Keine Kinder oder Nachbarn, die zu Besuch kommen. Tomohon ist seit 8. Mai „Rote Zone“. Ein alter Mann ist gestorben, war Corona-infiziert, Todesursache: Herzversagen. Dadurch 6 Infizierte. In ganz Indonesien gibt es 13 645 Corona-Kranke, 959 Menschen sind gestorben.“

Weitere Berichte von „Exil-Osthessen“ lesen Sie in der gedruckten Samstagausgabe der Fuldaer Zeitung sowie im E-Paper.

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