Für Kinder und Jugendliche sind Corona-Impfungen nun wohl bald verfügbar.
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Für Kinder und Jugendliche sind Corona-Impfungen nun wohl bald verfügbar.

Kampf gegen die Pandemie

Zwischen Skepsis und Fürsorge: Sollten Eltern ihre Kinder gegen Corona impfen lassen?

Für Kinder und Jugendliche sind Corona-Impfungen nun wohl bald verfügbar. Viele Experten sehen die Impfung der Jüngeren als Chance im Kampf gegen Corona. Es gibt jedoch auch kritische Stimmen. Sie warnen davor und bezeichnen die Impfung als eine Gefahr für die Gesundheit von Kindern. 

Fulda - Das Impftempo in Deutschland zog zuletzt deutlich an – und bald soll es auch für die Jüngsten ganz schnell gehen mit der Impfung gegen das Coronavirus. Auch weil die Infektionzahlen bei Kindern deutlich zunehmen. Wohl noch im Mai will die europäische Arzneimittelbehörde EMA über die Empfehlung zur Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer ab zwölf Jahren entscheiden. Bislang gibt es in der EU für das Vakzin eine Zulassung erst ab 16, für jüngere Minderjährige gibt es noch keinen Covid-19-Impfstoff.

Corona: Sollten Kinder gegen Corona geimpft werden? - Zwischen Skepsis und Fürsorge

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich optimistisch: Die Über-12-Jährigen könnten, die Zulassung vorausgesetzt, schon im Sommer geimpft werden. Jüngere Kinder könnten bald folgen. Experten sagen: Im Kampf gegen Corona kann das ein großer Schritt sein. Viele Eltern hingegen sind skeptisch und stehen vor der Frage: Soll ich mein Kind tatsächlich impfen lassen, sollte es eine Impfzulassung geben? Die Angst vor möglichen schweren Nebenwirkungen und Risiken ist zum Teil groß. So wurden schon mehrere Petitionen gegen eine Impfpflicht für Kinder ins Leben gerufen. In diesen wird darauf hingewiesen, dass eine Risiko-Nutzen-Relation der Covid-Impfung für Kinder generell unklar sei, da es sich um eine neue Impfung handle und naturgemäß keine Langzeitstudien zur Verfügung stünden.

Das Corona-Erkrankungsrisiko sei für Kinder extrem gering, man müsse daher die Risikoanalyse der Impfung besonders genau und umfassend durchführen, um mögliche Impfschäden und Spätfolgen zu erfassen. „Auf Basis der aktuell mangelhaften Datenlage verbindliche Impf-Empfehlungen für Kinder abzugeben ist fragwürdig und für ungeimpfte Kinder auch nur die kleinsten Einschränkungen einzuführen, ist nicht zu tolerieren“, heißt es teils in den Petitionen. (Lesen Sie hier: „Wir sind Ärzte und nicht Urlaubsermöglicher“: Mediziner aus Osthessen laufen Sturm gegen KV-Impfaktion).

Doch wie läuft das Verfahren für die Zulassung nun ab? Impfstoffe für Erwachsene und Kinder unterscheiden sich hauptsächlich in der Dosis. Doch weniger Körpervolumen bedeutet nicht unbedingt eine geringere Menge Impfstoff. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – so kann man zum Beispiel nicht einfach die Dosis halbieren, wenn ein Kind geimpft werden soll“, informiert das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das in Deutschland zuständig ist für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Ein gutes Beispiel ist die Grundimmunisierung bei Diphtherie und Tetanus. Hier wird Säuglingen und Kleinkindern sogar eine höhere Menge an Antigenen verabreicht als bei der späteren Auffrischung im Erwachsenenalter, so das PEI. Die Präparate müssen – ähnlich wie bei Impfstoffen für Erwachsene – ein eigenes klinisches Prüfungsprogramm durchlaufen, bis sie zunächst von der Europäischen Arzneimittelbehörde zugelassen und in der Folge durch die EU-Kommission bestätigt werden können.

Keine Impfung in Testzentren 

Kinder und Jugendliche sollten nach Auffassung von hessischen Ärztevereinigungen in Arztpraxen und nicht in Impfzentren gegen das Corona-Virus geimpft werden. Viel mehr als bei Erwachsenen sei bei ihnen eine individuelle Abwägung und eine Beratung notwendig, dies könne von den Impfzentren nicht geleistet werden, teilten die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen sowie der hessische Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte mit. Kinder hätten ein sehr geringes Risiko, ernsthaft an Covid-19 zu erkranken und seien keine Superspreader.

Sollte es zu einer Impfzulassung kommen, steht zudem noch in den Sternen, ob genügend Impftstoff vorhanden sein wird. Experten weisen darauf hin, es gebe noch mehr als genug ältere Risikopatienten. Diese dürften im Sommer nicht ohne Impfstoff dastehen. Aber um langfristig aus der Pandemie zu kommen, seien auch die unter 18-Jährigen wichtig. Die zwei Fuldaer Mediziner Reinald Repp, Klinikdirektor der Kinderklinik am Klinikum Fulda sowie Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, und Dr. Cornelia Langner, Kinderärztin in Fulda, haben sich ebenfalls zu der Thematik geäußert:

Reinald Repp: „Es ist auf jeden Fall richtig, darüber zu diskutieren, ob, wann und wie Kinder sowie Jugendliche ebenfalls gegen das Corona-Virus geimpft werden sollen. Klar dafür aussprechen möchte ich mich allerdings noch nicht. Das wäre vermessen. Weder von der ständigen Impfkommission noch von der europäischen Arzneimittel-Agentur gibt es bisher eine Impfempfehlung für diese Altersgruppe. Eine genaue Prüfung ist jedoch wichtig. Darauf kommt es an. Wir sprechen derzeit also mehr oder weniger über ungelegte Eier.

Video: Nicht nur Hausarzt: Diese Fachärzte dürfen gegen Corona impfen

Der Blick nach Kanada und in die USA zeigt allerdings, dass es gut funktioniert. Dort wurde die Impfung von Kindern und Jugendlichen mit dem Biontech-Impfstoff bereits zugelassen. Und meiner Einschätzung nach wird es auch bei uns zu keiner anderen Entscheidung bezüglich einer Impfzulassung kommen. Die Sorgen und die Skepsis vieler Eltern kann ich jedoch nachvollziehen. Sie müssen dringend ernstgenommen werden. Leider ist es so, dass man gerade im Internet viel Unwahres zu diesem Thema findet. Das verunsichert zusätzlich.

Es steht außer Frage, dass eine fundierte Entscheidung vonnöten ist, ein Kind impfen zu lassen. Das trifft auf alle Impfungen zu. Wie sieht es mit Nebenwirkungen aus? Wie reagiert ein Kind auf den Impfstoff? Auch eventuelle Langzeitfolgen darf man bei der Risikobewertung nicht aus dem Blick verlieren. Ein Impfangebot sollte jedoch jedes Kind bekommen. Letztendlich stehen Kinder unter einem besonderen Schutz. Es gilt immer, neben der Statiska auch den ethischen Aspekt zu beachten.“

Klinikdirektor Reinald Repp: Ein Impfangebot sollte jedes Kind bekommen

Cornelia Langner: „Ich bin ganz klar für eine Impfung bei Kindern und Jugendlichen. Sie machen etwa 15 Prozent unserer Bevölkerung aus. Würden wir diese Gruppe auslassen, wäre eine Herdenimmunität kaum möglich. Das ist jedoch wichtig, um langfristig zu einem normalen Leben zurückkehren zu können. In den USA sowie Kanada wird Biontech Pfizer bereits an die Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen verimpft. Und ich verweise auch auf die dort laufende KidCOVE-Studie. Biontech/Pfizer meldete, dass die Studien eine hohe Wirksamkeit und gute Verträglichkeit des Impfstoffs gezeigt hätten. Das sind vertrauenswürdige Zahlen, die bereits vorliegen und an welchen wir uns orientieren können. Ich vermute, dass die hier stattfindenden Studien ebenfalls zu solchen Ergebnissen kommen werden.

Das Risiko, dass es bei der Impfung – neben den normalen Reaktionen wie etwa Schwellungen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen oder einem Gefühl des ‚Schlappseins‘ zu ernsten Folgen kommen könnte, schätze ich als äußerst gering ein. Ob es zu Langzeitfolgen kommen kann, lässt sich mangels Erfahrungswerten noch nicht sicher sagen. Das betrifft allerdings auch die Impfungen für Erwachsene. All das sollte jedoch kein Grund sein, nicht zu impfen.

Kinderärztin Cornelia Langner: Ich bin ganz klar für eine Impfung bei Kindern und Jugendlichen

In unserer Praxis hängen mittlerweile Listen aus, auf denen man sich bei Interesse an einer Impfung eintragen kann. Darauf sind bereits viele 12-Jährige vermerkt. Das Interesse ist da. Auch, weil gerade diese junge Gruppe endlich wieder Normalität braucht. Es ist kein Wunder, dass die Psychiatrien derzeit Alarm schlagen. Wir werden täglich mit dem Thema Depressionen konfrontiert: Viele Kinder und Jugendliche leiden aufgrund mangelnder Kontakte unter Schlafstörungen, Essstörungen oder einem äußerst kritischen Medienverhalten. Es fehlt dringend der Kontakt zu Gleichaltrigen, ein normaler Alltag.“

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