Leerer Fußballplatz
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Wegen der Corona-Pandemie kann in den Sportvereinen im Kreis Fulda aktuell kein Sport getrieben werden.

Wenn die Gemeinschaft pausiert

Vereine aus dem Kreis Fulda in Pandemie-Zeiten: Nachhaltige Veränderung durch die Corona-Krise?

  • Sarah Malkmus
    vonSarah Malkmus
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Gemeinschaft ist ein Begriff, den die Corona-Pandemie mit einer völlig neuen Bedeutung versehen hat. Doch sie ist es, worauf es vor allem im Vereinsleben ankommt. Wie geht es Vereinen nun in Zeiten einer weltweiten Pandemie?

Kreis Fulda - Der Gesangverein singt nicht mehr, der Sportverein treibt keinen Sport mehr, der Rhönklub wandert nicht mehr – die Vereine haben eine Zwangspause eingelegt; Schuld hat die Corona-Pandemie. Wenn die 55-jährige Sylvia Sültz, Vorsitzende des Turnvereins TV 09 Horas, über ihre Vereinsmitgliedschaft dieser Tage nachdenkt, ist sie traurig. „Es findet kein Vereinsleben statt.“ Vor der Krise habe man sich wöchentlich gesehen, eine gemeinsame Leidenschaft geteilt. Dadurch habe man einen Zusammenhalt aufgebaut.

Das Gefühl, das die Corona-Pandemie bei ihr auslöst, unterlag im Laufe der Zeit einer Wandlung: „Anfangs war es wie eine kleine Verschnaufpause“, sagt Sültz, die mehr als 20 Jahre im Verein tätig ist und Kinder trainiert. Das Gefühl, verschnaufen zu können, sei jedoch nicht von langer Dauer gewesen. „Ich wurde schnell traurig, da ich die Kinder nicht mehr sehen konnte.“ Da auch gemeinsame Aktivitäten und Feste weggebrochen seien, habe es keinerlei Möglichkeit gegeben, das Vereinsleben in irgendeiner Form aufrechtzuerhalten.

Corona im Kreis Fulda: Wie wirkt sich die Pandemie auf das Vereinsleben aus?

Dass sich das Vereinsleben dadurch nachhaltig verändern werde, davon geht die 55-Jährige aus. „Ich fürchte, dass uns gerade die älteren Mitglieder wegbrechen werden“, sagt sie. Denn diese hätten während der Corona-Pandemie kaum eine Möglichkeit, sich fit zu halten. Außerdem: Viele könnten mit den digitalen Formaten nicht umgehen, lediglich Jüngere hielten sich via Zoom gemeinsam fit. „Meine Hoffnung ist, dass sich alles wieder so zusammenfindet, wie es einmal war.“ Doch Sültz hat auch etwas Positives zu berichten: Mitglieder hätte der Verein durch die Pandemie nicht verloren.

Karl Sauer ist Vorsitzender des Gesangvereines MGV Bergeslust in Fulda. Über das Vereinsleben derzeit berichtet er ähnliches wie Sültz. „Es sieht trübe aus.“ 2019 feierte der Verein noch sein 125-jähriges Bestehen, im März 2020 fand die letzte Sitzung statt. „Gesangsstunden sind seitdem Fehlanzeige“, sagt der 69-Jährige. Seit Beginn der Pandemie habe er die Vereinsmitglieder lediglich zweimal gesehen. Problem sei vor allem, dass die rund 30 aktiven Mitglieder für digitale Alternativen – etwa Gesangsstunden via Zoom – zu alt seien. Der Altersdurchschnitt liege bei 60 Jahren, berichtet Sauer. Kontakt halte man daher kaum – zum Leidwesen des Gemeinschaftsgefühls.

Die Situation stimmt Sauer traurig, sei das Singen doch stets ein fester Bestandteil seiner Woche gewesen. Finanzielle Schwierigkeiten gebe es im Verein jedoch nicht. Ausgaben fielen derzeit lediglich auf Jubiläen und Geburtstage. Und in Zukunft? „Irgendwann werden wir überaltert sein“, sagt er. Mit dem Nachwuchs – so befürchtet er – sehe es daher schwierig aus.

Der Zusammenhalt fehlt - Diese Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf das Vereinsleben

Werner Schindlauer ist Vorsitzender des Rhönklub Zweigvereins Hilders. Die Bewegung an der frischen Luft sei zwar möglich, doch beim Wandern komme es auch auf die soziale Komponente an: „Es ist nicht nur die Bewegung in der Natur, sondern auch der Kontakt zueinander.“ Um via Whatsapp oder Zoom Kontakt zu halten, sei die Mitgliederzahl von 520 Personen zu hoch. Aus diesem Grund fehle der Zusammenhalt.

„Ich befürchte, dass viele jetzt sehen, dass es ohne Vereine auch geht“, mahnt er. Dennoch: Mitgliederschwund und Nachwuchsprobleme gebe es in Hilders nicht. Seit mehreren Jahren nehme er einen starken Zuspruch an jungen Familien im Verein wahr. „Der Rhönklub wird sich ändern, aber er bleibt bestehen“, ist er sicher.

Video: Sport trotz Corona - Fenster-Gymnastik für Senioren

Wie viele Vereine es in der Stadt Fulda derzeit gibt und ob sich Vereine pandemiebedingt aufgelöst haben, kann weder das Amtsgericht Fulda noch die Stadt Fulda sagen. Ähnliches in Hünfeld: Helmut Käsmann, Pressesprecher der Stadt, ist nicht bekannt, dass sich einer von etwa 180 Vereinen in Hünfeld aufgelöst habe. „Allerdings wird sich noch zeigen, welche Vereine wieder Tritt fassen werden“, sagt er. Von Nachwuchsproblemen und Mitgliederschwund sei auszugehen, „obwohl die Vereine große Anstrengungen unternehmen, alle ,an Bord‘ zu halten“, so Käsmann. Die Kreativität der Vereine sei nicht zu unterschätzen. „Teilweise wurden digitale Formate genutzt oder im Freien getagt.“ (Lesen Sie hier: Unbekannte schwärzen angebliche Corona-Verstöße an: Sportplatz muss gesperrt werden)

Stadt Hünfeld möchte Vereinen Geld erstatten - Bislang keine Vereinsauflösungen in Flieden

Um die Vereine zu unterstützen, habe die Stadt Hünfeld Mittel bereitgestellt, um sogenannte „unnütze Aufwendungen“ zu erstatten, etwa bei vertraglichen Verpflichtungen für Veranstaltungen, die dann nicht stattfinden konnten. Weiterhin habe die Stadt die regelmäßige Vereinsförderung um drei Jahre vorgezogen, um die Liquidität der Vereine abzusichern.

In Flieden berichtet Bürgermeister Christian Henkel (CDU) von knapp 100 Vereinen und Verbänden. Auch ihm liegen keine Informationen zu Auflösungen vor. „Aus Gesprächen mit Verantwortlichen weiß ich jedoch, dass es Sorgen gibt, die Mitglieder wieder zum Vereinsleben zu bewegen.“ Andere – etwa Sport- und Musikbetriebe – hätten sich mit der Situation arrangiert und versuchten sich an Online-Formaten.

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