Die Einsamkeit vieler Menschen in der Coronakrise: Das hat der Bischof von Fulda, Michael Gerber, im Festgottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag zum Thema seiner Predigt gemacht.
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Die Einsamkeit vieler Menschen in der Coronakrise: Das hat der Bischof von Fulda, Michael Gerber, im Festgottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag zum Thema seiner Predigt gemacht.

„Kein echtes Gegenüber“

Die Corona-Krise und die Einsamkeit: Die Weihnachtspredigt von Bischof Michael Gerber im Wortlaut

Die Einsamkeit vieler Menschen in der Coronakrise: Das hat der Bischof von Fulda, Michael Gerber, hat Festgottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag zum Thema seiner Weihnachtspredigt gemacht. Lesen Sie seine Predigt im Wortlaut:

Liebe Schwestern und Brüder hier im Dom und zuhause mit uns verbunden!

Vor vier Jahren war ich mit jungen Erwachsenen im Heiligen Land gewesen. Natürlich stand auch der Besuch in Bethlehem auf dem Programm. Meine Mitreisenden, die zum ersten Mal im Heiligen Land waren, freuten sich darauf, endlich einmal an der Stelle zu stehen, an der einst die Krippe Jesu stand. Erwartungsvoll schlüpfte die Gruppe durch die sehr niedrige Eingangstür in die Geburtskirche. Dort allerdings sah es nicht sehr weihnachtlich aus. Ein guter Teil des Kirchenschiffs war eingerüstet, Staub und Baulärm prägten deutlich die Atmosphäre. Etwas verloren stapfte die Gruppe durch die Kirche. Schließlich sammelten wir uns, um gemeinsam eine Treppe hinabzusteigen in die eigentliche Geburtsgrotte. Diese liegt eine Etage unterhalb des Kirchenschiffs.

Doch vor unswartete eine lange Menschenschlange auf Einlass. So kamen wir nur langsam die Treppe hinunter. Schon konnten wir die Geburtsgrotte erspähen. Doch auch hier war die Stimmung wenig weihnachtlich. Angesichts der vielen Pilger verschafften sich Angestellte der Kirche durch klare Anweisungen Gehör, man solle bitte schnell auf der Route weitergehen und nur ganz kurz bei der Grotte stehen bleiben. „Und das soll jetzt unser Besuch bei der Krippe sein?“ So fragten mich die jungen Pilger aus meiner Reisegruppe.

Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes. Vor uns war eine spanischsprechende Reisegruppe. Sie waren unmittelbar vor der eigentlichen Grotte von der Route, auf der die Pilger durchgeschleust wurden, in einen Raum ausgewichen, von dem man auch auf die Grotte sehen kann, jedoch längere Zeit verweilen kann. Diese Gruppe begann nun auf Spanisch das Lied zu singen, das wir im Deutschen als „Nun freut Euch Ihr Christen...“ kennen. Als die spanische Gruppe zwei oder drei Strophen gesungen hatte, stimmten wir als Gruppe ein und sangen ein, zwei deutsche Strophen des Liedes. Dann antwortete ohne dass das je abgesprochen war, die spanischsprachige Gruppe mit zwei weiteren Strophen und so setzte sich das fort. Inzwischen hatten sie sich noch etwas zusammengedrängt, so dassauch wir in ihrem Raum Platz fanden. Wir setzten diesen Wechselgesang dann noch mit „Stille Nacht“ fort, ebenfalls in den verschiedenen Sprachen, bei diesem Lied schalteten sich dann noch englischsprachige Pilger ein. 

An diesem Weihnachtsfest, an dem wiraußer zuhause keine Weihnachtslieder singen können und das ja auch sehr vermissen, erinnere ich mich immer wieder an diese Szene in der Geburtsgrotte. Für mich war und ist das eine Erfahrung, die sehr viel mit dem Geheimnis von Weihnachten zu tun hat. In einem Moment, in dem uns eigentlich durch Baustellenlärm und das Drängen zur Eile das genommen war, was wir ersehnten, die Einstimmung auf Weihnachten, in diesem Moment wurde uns das vielstimmig und ganz anders geschenkt. Später habe ich mich gefragt, was genau hat uns denn in diesem Moment so berührt. Natürlich war es die bewegende Erfahrung, die Weihnachtslieder genau an dem Ort zu singen, von dem die Texte sprechen. Aber –es war noch mehr. Unsere Lieder hatten eine Resonanz gefunden, ein Gegenüber in dieser anderen Gruppe. Es war die Erfahrung, über die Grenzen von Kulturen und Sprachen hinweg schwingen wir –ohne dass das vorher geplant war und ohne dass wir uns vorher begegnet sind –ein in denselben Ton. Es war mehr, als nur der Gleichklang einer Melodie, es war in diesem Moment der Gleichklang des Membrans unserer Seele. Tief im Innersten hat uns das berührt.

Das ist die tiefe Sehnsucht, die gerade an Weihnachten an die Oberfläche kommt. Wo findet die tiefe Schwingung meiner Seele eine Resonanz in einem Gegenüber. Es ist ein Grundbedürfnis, wesentlich für unser Leben. Diese Sehnsucht, ein Gegenüber zu haben, das auf meine Empfindungen reagiert, zeigt sich gerade an diesem Weihnachten 2020. Und dasnicht selten schmerzhaft, weil nämlich viel an Begegnung, was wir eigentlich mit diesen Tagen verbinden, nicht möglich ist.

Doch für nicht wenige ist das auch die Ahnung oder auch die Einsicht: Auch dann wenn die Besuche möglich wären, auch dann würde ich mich einsam fühlen. Einsamkeit ist mehr als einfach alleine zu sein, als keinen Menschen besuchen zu können. Ich kenne eine ganze Zahl von Menschen, die Weihnachten bewusst allein feiern. Einige sind jetzt über Livestream mit uns verbunden. Sie sind allein aber nicht unbedingt einsam. Einsam bin ich da, wo ich die Erfahrung mache: Was mich tief in meinem Innersten umtreibt, findet keine Resonanz bei einem Gegenüber. Ich fühle mich damit allein gelassen. 

In den letzten Wochen häufen sich auch hierzulande die Umfragen, wie viele Menschen sich einsam fühlen. Imenglischsprachigen Raum findet sich inzwischen eine ganze Literatur unter dem Stichwort „Pandemie der Einsamkeit“. Wir sollten vorsichtig sein, wofür wir den Ausdruck „Pandemie“ benutzen, ihn nicht inflationär benutzen, auch um Verharmlosungen zu vermeiden. Aber es muss uns nachdenklich machen, wenn offenbar diese Erfahrung um sich greift, die mehr und mehr Menschen machen: Eigentlich habe ich kein echtes Gegenüber. Wen ich in dem, was existenziell zu mir gehört, nicht verstanden werde, kein Gegenüber finde, dann erfahre ich das als Einsamkeit. Gegen Covid gibt es inzwischen einen Impfstoff –doch wie sieht es mit der Einsamkeit aus?

„Und das Wort ist Fleisch geworden“ –so hören wir es heute im Evangelium. Was bedeutet das für Weihnachten 2020 –was bedeutet das für unsere Sehnsucht nach Resonanz? Schauen wir auf Maria, in der –in der Sprache des heutigen Johannesevangeliums ausgedrückt -dieses Wort Fleisch wird. Was in ihrem Herzen geschieht und was –wie wir bei einer Schwangerschaft sagen –was unterihrem Herzen geschieht, wie es zu dem Kind kam, dafür hat sie selbst kaum Worte. Sie kann es kaum jemandem anderen erklären.Selbst Josef scheint das nur ansatzweise zu verstehen. Viele von uns kennen diese Erfahrung: Was in mir vorgeht, kann ich kaum in Worte ausdrücken. Manchmal habe ich den Eindruck, ich verstehe mich selbst kaum. Wie soll mich dann ein Gegenüber verstehen? 

„Und das Wort ist Fleisch geworden“. Was die Worte angeht, macht Maria eine ganz eigene Erfahrung mit diesem fleischgewordenen Wort, mit Jesus. Es ist die Erfahrung, die jede Mutter macht. Ihre Worte, ihre ganz alltäglichen Worte finden beim heranwachsenden Jesus Resonanz. Wie jedes Kind greift auch er die Worte auf, spricht sie nach, übernimmt den Tonfall. Mariens Sprache wird seine Muttersprache, die Muttersprache Jesu. Das ist ihre Erfahrung: in diesem fleischgewordenen Wort, in Jesus finden unsere Worte, besonders unsere Sehnsuchtsworte eine tiefe Resonanz. Später sind es mit Maria sehr viele Menschen, die diese Erfahrung machen, etwa die Bettler die am Straßenrand sitzen und „Hab Erbarmen mit mir, Jesus“ rufen.

Zurück zu jenem Erleben in der Geburtsgrotte. Ich glaube, wir haben da etwas sehr Weihnachtliches erlebt, genau wie Maria und Josef und wie die Hirten damals: Unser Wort hat Resonanz gefunden. Wenn wir heute Weihnachten feiern, dann in der Überzeugung, dass das ewige Wort auch in uns Fleisch werden will. Dieses sein Wort will uns formen, wie es Maria geformt hat. Gerade ungewöhnliche Situationen wie die aktuelle haben das Potential, dass sie Menschen formen können. Das kann positiv wie negativ sein, traumatisierend wie heilend. Wie ich eine Krisensituation durchlebe, ob tiefbleibende Verletzungen vorherrschend sind oder Heilungsprozesse angeregt werden, hat viel damit zu tun, ob das, was ich empfinde, bei einem Gegenüber Resonanz findet.

Möge dieses Weihnachtsfest, an dem die vertrauten Weihnachtslieder in unseren Kirchen nicht erklingen, auf ganz andere Weise zu einem Resonanzraum werden. Bleiben wir aufmerksam: Wo möchte Jesus unsere Seele zum Schwingen bringen in der Art und Weise, wie ich mein Gegenüber in mich aufnehme und darauf reagiere.

Fangen wir einfach an. Vielleicht so ähnlich, wie wir damals in der Geburtsgrotte – warum nicht am Abend vom Balkon die vertrauten Lieder singen und zu schauen, wer in der Nachbarschaft darauf wie reagiert. Fangen wir an –und sind wir gespannt, was Gott mit uns an diesem Weihnachtsfest 2020 beginnen möchte. Amen.

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