Immer mehr Menschen steigen aufs Fahrrad – diese Gruppe entdeckte unser Fotograf gestern bei Margretenhaun.
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Immer mehr Menschen steigen aufs Fahrrad – diese Gruppe entdeckte unser Fotograf gestern bei Margretenhaun.

Auf zwei Rädern durch die Krise

Fahrradhändler verzeichnen aktuell extrem hohe Nachfrage

Immer mehr Menschen nutzen das Rad: Die Corona-Pandemie beschert Fahrradhändlern einen ungeahnten Boom. Die Branche könnte nach einem vermiesten Saisonstart gestärkt aus der Krise hervorgehen.

  • Radfahren wird in der Corona-Pandemie immer beliebter.
  • Die Corona-Krise hat den Saisonstart vermiest.
  • Erst lagen die Umsatzeinbußen bei 30 bis 60 Prozent, nun verzeichnet man eine Aufholjagd.

Berlin - Für die Branche sind der März und April die wichtigsten Monate, vergleichbar mit dem Weihnachtsgeschäft im übrigen Handel. Dieses Jahr aber verdarb die Corona-Krise den Saisonstart: Die unmittelbaren Auswirkungen durch gestörte Lieferketten und geschlossene Läden während des Shutdown seien auch in der Radbranche heftig gewesen, erklärt der Verband des Deutschen Zweiradhandels. Die Umsatzeinbußen lagen demnach coronabedingt bei 30 bis 60 Prozent. Nun sei überall eine Aufholjagd zu beobachten.

Fahrradfahren in der Corona-Krise: „Enormer Run auf die Fahrradläden“

„Wir sehen derzeit einen enormen Run auf die Fahrradläden. Ohne von einem Gewinner der Krise reden zu wollen, muss man festhalten, dass das Fahrrad gerade einen besonderen Moment erlebt“, bestätigt David Eisenberger, Leiter Marketing und Kommunikation beim Zweirad-Industrie-Verband, der etwa 100 Unternehmen der Fahrradindustrie vertritt. Neben denen, die ohnehin eine Neuanschaffung geplant hätten, gebe es auch viele Kunden, die das Rad für sich wieder entdeckten. Das zeige nicht zuletzt die gestiegene Nachfrage im Einsteigersegment ab 300 Euro.

Die Branche ist schon länger im Aufwind. Im vergangenen Jahr erzielte sie mit Fahrrädern und vor allem dem immer beliebteren E-Bikes gut 4,2 Milliarden Euro Umsatz – 34 Prozent mehr als im Vorjahr. Zudem tendierten die Verbraucher zu hochwertigeren Rädern, so Eisenberger. Der Durchschnittspreis lag 2019 über alle Vertriebskanäle bei 982 Euro und damit rund ein Drittel höher als 2018. Bundesweit arbeiten rund 280.000 Menschen in der Fahrradwirtschaft.

Wegen Coronavirus: Schmerzhafte Einbußen zum Saisonstart

Inwiefern die Hersteller den teilweisen Stillstand der Produktion über einen Zeitraum von bis zu acht Wochen ausgleichen könnten, sei nicht absehbar. Trotz der schmerzhaften Einbußen zum Saisonstart sei man inzwischen optimistisch, mit einem „blauen Auge“ davonzukommen. Ein Risiko bleibe jedoch eine zweite Infektionswelle und damit ein neuerlicher Shutdown für Produktion und Handel.

Beim Traditionshersteller Diamant im sächsischen Hartmannsdorf läuft die Fertigung unter Einhaltung von Mindestabständen und zahlreichen weiteren Hygienemaßnahmen. Man habe die Produktion in dem Werk mit 500 Mitarbeitern nicht komplett aussetzen müssen, wohl aber Kurzarbeit angemeldet. „Wir haben den Output reduziert und waren natürlich auch über gestörte Zulieferketten aus Asien betroffen“, berichtet Manager Thomas Eichentopf. Er sieht den Trend zum Zweirad durch Corona verstärkt: „Wir erleben gerade einen Mini-Fahrradboom.“ Das Unternehmen, das seit 135 Jahren am Markt ist, habe noch nie so viele Suchanfragen auf der Webseite gezählt wie im April.

Fahrradfahren in der Corona-Krise: Elektrofahrrad hat viele Vorteile

Angesichts der Vorschriften im öffentlichen Nahverkehr – Stichwort Maskenpflicht – habe insbesondere das Fahrrad mit elektrischem Rückenwind viele Vorteile. Selbst der Autofahrerclub ADAC geht davon aus, dass das Fahrrad neben dem Auto an Bedeutung für den Individualverkehr gewinnen wird. Ob es aber am Ende tatsächlich als Krisengewinner da steht, hängt vor allem von der Infrastruktur ab, meint der Verbund Service und Fahrrad, der ebenfalls den Fachhandel vertritt. „Infrastruktur ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Geschäftsführer Albert Herresthal. Schnelle Lösungen wie die „Pop-up-Bike-Lanes“ in Berlin müssten bestehen bleiben.

Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) lobt die Idee, quasi über Nacht Radwege einzurichten. Auch Düsseldorf wolle nun nachziehen, sagt ADFC-Sprecherin Stephanie Krone. Der wichtigste Verbraucherverband der Radfahrer befürchtet nach dem Ende der Kontaktbeschränkungen „eine ungeahnte Flut von Autoverkehr“, wenn viele Menschen aufgrund der Einschränkungen im ÖPNV lieber wieder aufs Auto setzen. Demnach haben die Bundesbürger 2019 rund 32 Millionen Fahrten mit Bus, Tram oder Bahn zurückgelegt. Pro Tag wohlgemerkt. Wenn nur ein Bruchteil dessen wieder mit dem Auto gefahren werde, drohe ein Super-Stau. Statt jetzt mit einer Autoprämie das falsche Signal zu senden, müsse der Autoverkehr endlich dem Fahrrad Platz machen und wenn überhaupt eine Mobilitätsprämie für alle auf den Weg gebracht werden – da sind sich die befragten Verbände einig.

Immer mehr Menschen steigen aufs Fahrrad.

Das sagen die Händler aus Fulda und der Region

Donnecker: „Wir verkaufen bis auf wenige Ausnahmen E-Bikes und können eine verstärkte Nachfrage verzeichnen“, berichtet Laura Donnecker von Zweirad Donnecker in Salmünster. „Unsere Vermutung ist, dass die Kunden aufgrund von Kurzarbeit und Homeoffice mehr Zeit haben. Einige Bekannte von uns arbeiten in Frankfurt, durch das Homeoffice fällt der weite Arbeitsweg weg“, erklärt sich Donnecker dies. Außerdem sei Radfahren eine Freizeitaktivität, die durch Corona nicht eingeschränkt ist.

„Wir mussten während des Lockdowns nur unser Ladengeschäft schließen, unsere Werkstatt durfte die ganze Zeit geöffnet bleiben. Beim Fahrradverkauf haben wir keine Ausfälle, während des Lockdowns haben wir die Fahrräder an unsere Kunden ausgeliefert.“ Jedoch gebe es Engpässe bei der Ersatzteillieferung, das beeinflusse die Arbeit in der Werkstatt.

Hahner: „Vor Corona war die Nachfrage stark, jetzt ist sie durch die Decke geschossen“, berichtet Peter Hahner von Zweiradtechnik Hahner in Fulda. „Ich glaube, dass durch die fehlenden Veranstaltungen die Menschen selbst etwas unternehmen, was bedeutet: gehen, laufen, Rad fahren in verschiedensten Formen. Ich habe noch nie so viele Radfahrer mit allen Gattungen von Rädern in der Rhön gesehen, was mich sehr freut“, führt der in der Region als ehemaliger Radrennfahrer und Trainer wohlbekannte Hahner.

Verkauft würden im Laden hauptsächlich E-Bikes, Jugendräder und Rennräder. „Der Großteil unserer Kunden hält sich an die Regeln, wartet, bis er bedient wird und diskutiert nicht über die neuen Vorgaben. Die Disziplin der Kunden erleichtert uns sehr die Arbeit“, freut sich Hahner und stellt fest: „Wir sind, wenn man es so ausdrücken darf, Corona-Gewinner.“

Seng: „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Fahrräder und E-Bikes das neue Klopapier sind“, berichtet Marion Trapp von der Fahrradwelt Seng in Petersberg-Stöckels. Weil sowohl für den Fahrradkauf als auch für Reparaturen die Nachfrage derart groß sei, habe man online ein Terminsystem eingeführt, um lange Wartezeiten zu vermeiden.

Viele Kunden würden ihr sonst für den Urlaub verplante Geld nun in ein Fahrrad investieren. „Einige vermissen ihr Fitnessstudio sehr und wollen sich übers Rad nun an der frischen Luft fit halten“, sagt Trapp. Die Fahrradbranche könne im Moment den Lockdown ganz gut aufholen. „Einziges Problem: Auch die Radhersteller sind bereits durch die extreme Nachfrage für die Saison 2020 komplett ausverkauft. Sprich: Was man nicht auf Lager hat, bekommt man auch nicht mehr.“

2rad-galerie: Von einer extrem gestiegenen Nachfrage berichtet auch Sascha Hohmann von der 2Rad-Galerie in Hünfeld. Teilweise hätten Kunden anderthalb Stunden vor der Türe in der Schlange gewartet. „ Die Leute fahren nicht in den Urlaub, haben Geld übrig und investieren es in ein Fahrrad“, weiß auch Hohmann zu berichten. Allerdings gebe es – wie bei den anderen Händlern auch – mitunter Schwierigkeiten bei den Lieferzeiten.

„Die Hersteller sind von den Zulieferern abhängig. Da braucht nur eine bestimme Schraube zu fehlen, schon kann das Rad nicht gebaut werden.“ Während des Lockdowns habe sich der Betrieb gut mit Reparaturen über Wasser gehalten, nun gebe es im Verkauf mächtig viel zu tun. „Trotzdem bemühen wir uns, Reparaturen innerhalb von zwei Tagen zu erledigen. Da sind auch mal Überstunden angesagt“, sagt Hohmann, der froh ist, sein Team kürzlich um eine Person aufgestockt zu haben.

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