Die Fuldaer Innenstadt – hier die obere Bahnhofstraße im Jahr 2016 – mit vielen potenziellen Kunden zu füllen, das wurde an verkaufsoffenen Sonntagen regelmäßig geschafft.
+
Die Fuldaer Innenstadt – hier die obere Bahnhofstraße im Jahr 2016 – mit vielen potenziellen Kunden zu füllen, das wurde an verkaufsoffenen Sonntagen regelmäßig geschafft.

Kritik an Corona-Maßnahmen

City Marketing rechnet mit Schließungen in Fulda: „Das Bild der Innenstadt wird sich nachhaltig verändern“

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
    schließen

Die Warnungen der IHK Fulda vor gravierenden Folgen der Schließung für Läden und Lokale in Fuldas Innenstadt stoßen auf große Resonanz. Im Sommer wird es manchen Laden, der vor drei Monaten noch florierte, nicht mehr geben.

Fulda - Dr. Christian Gebhardt und Michael Konow, Präsident und Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda, hatten gegenüber unserer Zeitung Alarm geschlagen: Jeder Tag angeordnete Schließung bringe Firmen dem endgültig Aus näher. Die Stimmung in den betroffenen Branchen sei viel schlechter, als es öffentlich wahrgenommen werde.

Reginald Bukel, Vorsitzender des City Marketing, sieht die Lage ähnlich wie die IHK: „Die Kammer hat nicht übertrieben. Die Krise wird in Fulda tiefe Spuren hinterlassen. Uns stehen schwierige Zeiten bevor. Das Bild der Innenstadt wird sich nachhaltig verändern“, befürchtet Bukel.

Corona-Krise: Ladenbesitzer in Fulda bangen um ihre Zukunft

„Der Handel leidet unter der Schließung, und ihm fehlt die Perspektive: Ob die Läden am 14. Februar öffnen dürfen – wie bislang geplant –, ist ja gar nicht sicher. Und wenn die Läden wieder öffnen dürfen, werden die Kunden vorsichtig sein und nicht sofort zurückkehren“, sagt Bukel. Besonders leide der Modehandel: Modische Winterkleidung lasse sich nicht einfach ins Lager räumen. Denn im nächsten Jahr sei sie nicht mehr im Trend und damit praktisch nicht mehr verkäuflich.

Nicht überall gibt es Zustimmung zu den Äußerungen der IHK. Joachim Weber, Geschäftsführer des Grillfachhändlers Grillfürst in Marbach, wirft der Kammer vor, mit ihrem Hinweis auf die Folgen des Internethandels für die Innenstädte spiele sich „alte und neue Geschäftsmodelle gegeneinander aus“. Weber fordert, die IHK hätte Firmen helfen sollen, neue Technologien zu nutzen, und sie hätte runde Tische von Politik und Wirtschaft organisieren und Aufbruchstimmung verbreiten müssen.

Dem widerspricht Konow. „Wir freuen uns, dass unser Interview zur aktuellen Lage der regionalen Wirtschaft offensichtlich eine öffentliche Debatte angestoßen hat. Dies kann zu wertvollen Impulsen führen, die wir gern aufnehmen und die unsere Region insgesamt voranbringen. Wichtig ist uns ein fairer und freier Wettbewerb zwischen allen Branchen, der nur funktionieren kann, wenn für alle Beteiligten gleiche Rahmenbedingungen herrschen“, so der Hauptgeschäftsführer.

City Marketing Fulda lobt Fünf-Punkte-Programm der Stadt

Als Reaktion auf den Hilferuf der IHK hatte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU) gegenüber unserer Zeitung ein Fünf-Punkte-Programm für die Innenstadt angekündigt: Wingenfeld will weniger Verkaufsflächen, dafür mehr Kultur, mehr Regionalität und mehr überregionale Anziehungskraft. Der OB bittet zudem die Bürger, mit ihrem Einkaufsverhalten die Geschäfte in Fulda zu stärken.

Zu Wingenfelds Vorschlägen signalisiert die Sparkasse Fulda, in der Innenstadt mit mehreren Filialen präsent, Zustimmung: „Wie in anderen Feldern treibt die Corona-Krise auch hier strukturelle Veränderungen voran, die schon vor Jahren eingesetzt haben. Deshalb ist es richtig, für die Zeit nach der Pandemie neue Optionen ins Auge zu fassen und die Kernstadt als Einzelhandelsstandort und Raum für Wohnen und Erleben zu entwickeln“, sagt Sprecher Richard Hartwig.

Auch City-Marketing-Vorsitzender Reginald Bukel lobt Wingenfelds Vorschläge: „Verkaufsflächen zu reduzieren, ist ein Vorschlag, den wir unterstützen. Es wird nach der Pandemie schon schwer genug sein, die bestehenden Ladenflächen wieder zu füllen. Auch der runde Tisch zur Innenstadt ist richtig: Wenn wir die Innenstadt wieder flott machen wollen, dann geht das nur mit gebündelter Kraft.“

Stimmen aus dem Fuldaer Handel

„Offenbar sind es die Folgen der Corona-Pandemie, die dazu geführt haben, dass die Probleme des Innenstadt-Handels bei der Stadt angekommen sind. Diesen Eindruck hatte ich vor einigen Jahren nämlich noch nicht“, äußert Christian Adolph (48), Inhaber von Juwelier Bott. „Es sind Handel und Gastronomie, die mit ihren Mietzahlungen die Innenstadt überhaupt am Leben erhalten. Die Läden, die jetzt noch offen haben dürfen in der City – so wie wir –, haben kaum Freude an der Öffnung, weil die Laufkundschaft vollkommen fehlt.“

„Die Lage ist furchtbar“, warnt Marlies Piechotka (59), Inhaberin des Bekleidungsgeschäft Crea Time. „Die Winterware liegt noch in den Regalen, und schon kommt die Frühjahrsware, die ich vor einem Jahr geordert habe. Zum Glück ist meine Mode zeitlos, sodass ich hoffe, dass sie nicht so schnell an Wert verliert, wenn ich sie nicht verkaufen kann. Ich versuche, über Social Media etwas zu verkaufen, aber das macht nur ein paar Päckchen pro Woche aus.“

„So wie der gesamte Textilhandel sitzen wir auf einem Riesenberg Winterware. Diese Mode lässt sich nur noch mit großen Abschlägen verkaufen – wenn überhaupt“, berichtet Reginald Bukel (47), Geschäftsführer im Modegeschäft Catwalk im Centhof. Jetzt werde bereits die Frühjahrsmode angeliefert. „Wir müssen ja unsere Abnahmeverpflichtungen einhalten. Wir müssen auch schon für spätere Saisons ordern, ohne überhaupt zu wissen, ob und wie wir öffnen dürfen, und mit welcher Frequenz wir rechnen können.“

„Uns geht es wie vielen Modehändlern: Ohne Verschulden stehen wir mit dem Rücken an der Wand. Bislang lebten wir von Ersparnissen. Aber das Gesparte ist jetzt aufgebraucht“, sagt Rosanna Fiorica (48), Inhaberin von Impressioni in der Friedrichstraße. Dazu gehören eine Boutique für Abendmode und eine für Damenmode. „Abendmode läuft gar nicht mehr. Die Damenmode verkaufen wir über Social Media unter dem Einkaufspreis, damit wir sie überhaupt losbekommen.“

„Wenn man jetzt durch die Innenstadt geht, ist das Bild gespenstisch“, berichtet Hermann-J. Trabert (61), Inhaber von Brillen-Trabert. „Wir haben Glück, dass unser Brillengeschäft offenbleiben darf. Kollegen, die ihr bisher gut gehendes Geschäft schlagartig von hundert auf null herunterfahren mussten, sind verzweifelt, weil ihr Unternehmen jetzt vor dem Aus steht. Ich finde es gut, dass sich IHK und Oberbürgermeister so stark für die Innenstadt einsetzen. Denn eine Stadt lebt ganz stark von einer lebendigen Innenstadt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema