Die Corona-Pandemie kann die Psyche belasten.
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Die Corona-Pandemie kann die Psyche belasten. (Symbolfoto)

Interview

Corona-Krise stellt Psyche auf harte Probe - Klinikdirektorin aus Fulda erklärt, wie man sich schützt

  • Lisa Krause
    vonLisa Krause
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Unsere Psyche wird in der Corona-Krise auf eine harte Probe gestellt. Doch wie bewältigen wir schwierige Zeiten? Dr. med. Solveigh Hilliard, Klinikdirektorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, gibt Antworten.

Fulda - Dr. med. Solveigh Hilliard ist Klinikdirektorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Fulda. Im Interview erklärt sie, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Psyche der Menschen hat - und wie man sich schützen kann.

Waren die Menschen früher denn mental stärker?
Zu früheren Zeiten, als es etwa viele kleinere dörfliche Gemeinschaften gab – mit deutlich weniger Informationsaustausch zu anderen Gruppen – gab es einerseits ein Mehr an gegenseitiger praktischer Unterstützung. Andererseits aber auch ein Mehr an sozialem Anpassungsdruck. Und sicherlich mussten die Menschen früher, als es noch keine Sozialversicherungssysteme gab, auch bei großen körperlichen oder psychischen Belastungen „stark“ bleiben und ihrer Arbeit so lange wie irgendwie möglich weiter nachgehen. Dies ist heute zum Glück nicht mehr so.
Wir wissen heute auch, dass Lebenserfahrungen wie zum Beispiel Kriegserlebnisse oder andere traumatische Erfahrungen nicht nur emotionale Prozesse beeinflussen, sondern darüber hinaus sogar zu Veränderungen auf genetischer Ebene führen können. Das hat wiederum Einfluss auf die Fähigkeit, mit belastenden Ereignissen umzugehen.
Ist die Zahl der psychischen Erkrankungen gestiegen?
Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer aus dem Jahr 2018 haben psychische Erkrankungen nicht zugenommen. Demnach erkranken knapp 30 Prozent der erwachsenen Deutschen innerhalb eines Jahres an einer psychischen Erkrankung, also etwa 17 Millionen erwachsene Menschen pro Jahr.
Leider hat die Studie auch ergeben, dass etwa ein Drittel der Psychotherapeuten angegeben habe, dass sie seit Reform der Psychotherapie-Richtlinien durchschnittlich etwa 2,6 Stunden pro Woche weniger behandeln als zuvor. Diese Arbeitszeit wird benötigt, um die von der Psychotherapierichtlinie geforderte Akutbehandlung durchführen zu können. Diese Akutbehandlung geht leider häufiger nicht zeitnah in eine längerfristige Psychotherapie über, auch wenn diese indiziert ist, da hierfür die Plätze fehlen.

Fulda: Corona-Krise stellt Psyche auf eine Probe - Wie man sich schützen kann

Die Nachfrage nach Therapieplätzen steigt und steigt. Woran liegt das?
Das war ebenfalls Teil der Studie. Und diese hat tatsächlich ergeben, dass der Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungen steigt. So seien im Jahr 2011 pro Quartal noch knapp 1,1 Millionen Patienten durch Psychotherapeuten versorgt worden, im Jahr 2017 seien dies 1,4 Millionen Patienten gewesen. Zudem haben Psychotherapeuten im Jahr 2017 im Schnitt etwa drei Anfragen pro Monat mehr erhalten als noch 2011. Zurückgeführt wird dies darauf, dass die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen abgenommen und die Bereitschaft zugenommen hat, sich bei psychischen Erkrankungen professionelle Hilfe zu suchen.
Gleichzeitig hat die Studie ergeben, dass die Wartezeiten auf einen psychotherapeutischen Behandlungsplatz sinken. Dies liege an der Zunahme der Zahl der zugelassenen Psychotherapeuten.
Inwiefern belastet Corona unsere Psyche?
Die Pandemie stellt psychosozial eine extreme Herausforderung dar. Wir hatten und haben es mit einer uns – zumindest anfangs – neuen Erkrankung zu tun, welche wir nicht sicher einschätzen konnten, da uns ausreichend Vorerfahrungen fehlten. Die Informationslage war zudem teils sehr widersprüchlich. Das alles verunsichert uns Menschen, weil wir uns dadurch hilfloser und ausgelieferter fühlen.
Setzt uns das nicht erheblich unter Stress?
Richtig. All solche Gefühle sind ein erheblicher Stressor, denn wir können das vor uns Liegende schlechter ein- und abschätzen. Hinzu kommt die existenzielle Bedrohung vieler Menschen aufgrund von Kurzarbeit, Geschäftsschließungen oder Arbeitslosigkeit. Zum anderen können die Maßnahmen im Rahmen des Infektionsschutzes zu Isolation und sozialer Ausgrenzung führen. Die Pandemie gilt als „Brennglas“ auf die Gesellschaft. Besonders betroffen sind sozial schwächer gestellte Menschen, Menschen in beengten Wohnverhältnissen oder in Pflegeheimen, Kinder und Jugendliche und Menschen, die ihre Berufstätigkeit nicht fortsetzen dürfen.
Erschwert wird die Situation insbesondere noch dadurch, dass ein Ende nicht wirklich in Sicht ist und darüber hinaus die Inzidenzzahlen nur durch strengste Einhaltungen der Hygienemaßnahmen zu erreichen sind. Nur mit geringen Inzidenzzahlen kann das wirtschaftliche und soziale Leben wieder in Gang kommen. (Bleiben Sie mit dem Corona-News-Ticker für Fulda auf dem Laufenden.)
Was bedeutet dies konkret für jeden Einzelnen?
Eine hohe Verantwortungsübernahme sowie die Einhaltung der Regeln, auch im privaten Bereich. Und zudem Durchhaltevermögen. Dies alles kostet Kraft und fordert starke Zuversicht von den Menschen. Aktuell sind die Inzidenzzahlen – in zeitlich engem Zusammenhang mit den verstärkten Einschränkungen – gesunken, sodass wir jetzt eher ein Gefühl haben, auf den Verlauf Einfluss nehmen zu können. Das ist positiv.

Fuldaer Klinikdirektorin erklärt, wie man Psyche in der Corona-Pandemie schützen kann

Hilfe für Betroffene

Im Notfall steht zum Beispiel die Zentrale Notaufnahme des Klinikums Fulda, die 24 Stunden am Tag mit einem Arzt der Psychiatrischen Klinik besetzt ist, zur Verfügung.

Ein weiteres 24-stündiges Angebot ist die Telefonseelsorge, die deutschlandweit kostenlos erreichbar ist (0800/11 10 111, 0800/11 10 222). Die Telefonseelsorge bietet zudem online eine Mailberatung und eine Chatberatung sowie an 27 Standorten in Deutschland eine Vor-Ort-Beratung. Die Beratung ist immer anonym. Darüber hinaus gibt es auch viele Beratungsstellen in der Region, die zum Thema „Psychische Belastungen“ helfen können.

Wie merkt man, ob die Krise einem psychisch mehr zu schaffen macht, als noch normal ist?
Diese Frage muss jeder Mensch für sich selbst beantworten. Zum einen sind es natürlich auch vernunftgemäße Überlegungen, die mir helfen können, mich zu orientieren. Wenn ich überhaupt keinen Besuch von meinen Angehörigen mehr haben kann und auch mit diesen keine oder nur wenige telefonische Kontakte haben kann, ist dies natürlich auf Dauer belastend. Das muss jedem bewusst sein. Genauso wie es extrem belastend ist, wenn ich durch die Pandemie in eine existenzielle Not hineingetrieben werde.
Dies sind Situationen, in denen jeder Mensch sagen würde, dass sie extreme Belastungen darstellen. Vor diesem Hintergrund hat aber jeder Mensch andere Fähigkeiten, mit solchen Belastungen umzugehen. Je größer jedoch die Belastungen, desto mehr Menschen werden überfordert reagieren – auch wenn sie sonst über gute Bewältigungsmöglichkeiten verfügen.
Aber ab wann bin ich überfordert?
Das kann ich an mehreren Faktoren festmachen, etwa anhaltende Schlafstörungen, anhaltende Reizbarkeit, depressive Verstimmungen, vielleicht sogar lebensmüde Gedanken. Auch ein vermehrtes Auftreten von Gewalt, sei sie verbal oder tätlich, kann ein Überforderungssymptom sein.
Häufig merkt man selbst, wenn etwas nicht stimmt. Man möchte es aber nicht wahrhaben, weil man das Gefühl hat, (auch für andere) durchhalten zu müssen oder alleine gelassen zu sein. Deshalb kann es hilfreich sein, mit vertrauten Personen seine Ängste und Sorgen frühzeitig zu besprechen.
Sich also Luft verschaffen?
Genau. Jedoch nicht durch unüberlegte Handlungen, sondern konstruktiv, zum Beispiel durch Gespräche, auch ein Dauerlauf kann erst mal helfen. Und vielleicht geht es anderen ähnlich. Vielleicht findet man gemeinsam eine Idee, die weiterhelfen kann. Vielleicht erhält man aber auf einmal auch die Rückmeldung, dass man sich stärker verändert hat, als man selbst wahrhaben will.

„Wir müssen respektvoll, achtsam und wertschätzend miteinander umgehen“

Der Gang zum Psychiater kommt für viele nicht in Frage. Lieber verharren sie in der schwierigen Situation. Schämen sich sogar. Was raten Sie denen?
Zum Glück hat die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich abgenommen. Trotzdem ist vielen Menschen der Unterschied zwischen einer psychiatrischen und einer psychotherapeutischen oder einer kombinierten Behandlung unklar. Darüber hinaus gibt es vielfache alternative Angebote, wie etwa psychosoziale Beratungsstellen, Suchtberatungsstellen, Jugendberatung und vieles mehr. Auch Selbsthilfegruppen können dabei helfen, sich darüber klar zu werden, ob man eine entsprechende Hilfe in Anspruch nehmen möchte oder dies im Einzelfall sogar dringend empfohlen wird.
Selbstliebe, Achtsamkeit, die Beziehung zu sich selbst. Alles enorm wichtig für unsere Zufriedenheit. Doch das sind Dinge, die gerne belächelt werden. Oder?
Es mag sein, dass der eine oder andere diese Dinge belächelt. Aber: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ein Zuviel an Selbstliebe und Achtsamkeit, ein Zuviel an Beziehung zu sich selbst kann ebenso schädlich sein wie zu wenig. Soziale Lebewesen zeichnen sich dadurch aus, dass sie in Gemeinschaften leben. Dies bedeutet, dass wir in Aktion und Reaktion mit unseren Mitmenschen stehen und dass wir selbst aktiv unseren Beitrag dazu leisten müssen, dass diese Aktionen und Reaktionen gelingen.
Was bedeutet das genau?
Wir müssen respektvoll, achtsam und wertschätzend miteinander umgehen. Das ist sicher nicht immer einfach. Gleiches gilt übrigens genauso für unseren Umgang mit Schwächeren wie Alten, Armen, Kranken, Kindern oder Ausgegrenzten. Und es gilt auch für unseren Umgang mit Umwelt und Natur, wie uns nicht zuletzt auch die Pandemie vor Augen hält.

Video: Psychische Belastung für Kinder - Eltern-Tipps im Corona-Lockdown

Ein positives Lebensgefühl soll ebenfalls helfen. Doch wie bekommen wir das?
Dieses Gefühl haben wir dann, wenn wir uns gesund fühlen, wenn wir das Gefühl haben, dass wir aktiv unsere Wünsche, unsere Vorhaben, unser soziales Miteinander gelingend gestalten können. Dies bedeutet aber nicht, immer den eigenen Kopf durchzusetzen, sondern es bedeutet, im Zusammenleben mit Anderen, sich wertgeschätzt, akzeptiert, vielleicht sogar sich geliebt fühlen zu dürfen. Und auch umgekehrt wertschätzend und im Einzelfall liebevoll mit anderen und mit meiner Umwelt umgehen zu können.
Auch Freude an den kleinen Dingen des Alltags, Sonnenschein mit blauem Himmel, ein Spaziergang, auch die Liebe zu einem Tier kann positives Lebensgefühl vermitteln und uns helfen, mit den täglichen Belastungen, die uns ja nie erspart bleiben werden, besser zurecht zu kommen.
Wie wirksam sind diese Selbstheilungsversuche?
Nicht jede Krise führt in eine Krankheit. Deshalb kann man bei Krisenbewältigung auch nicht generell von Heilung sprechen. Ein positives Lebensgefühl ist natürlich – jedoch nur in bestimmten Grenzen – hilfreich, Krisen zu bewältigen.
Wenn die Belastungen aber zu groß sind oder zu lange anhalten, bedarf es zusätzlicher Unterstützung. Vielfach schaffen wir es, Krisen selbständig oder mithilfe von Angehörigen zu bewältigen. Nicht immer aber schaffen wir es, alleine wieder aus einem Tief heraus. Unterstützung sollte ich mir dann suchen, wenn ich für mich subjektiv das Gefühl habe, überfordert zu sein und nicht mehr weiter zu kommen, oder wenn sich die Situation – trotz meiner Bemühungen – sogar verschärft. Die Unterstützung kann vielgestaltig sein, wie wir schon besprochen haben. Schwere psychiatrische Erkrankungen jedoch bedürfen der ärztlichen Behandlung.

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