Jeder Verfahrensbeteiligte sitzt im Bonifatiushaus in Fulda an einem eigenen Tisch – und hat damit genug Abstand zu anderen Personen.
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Jeder Verfahrensbeteiligte sitzt im Bonifatiushaus in Fulda an einem eigenen Tisch – und hat damit genug Abstand zu anderen Personen.

Verhandlung im Bonifatiushaus

Entführungs-Prozess vor dem Landgericht Fulda - Wegen Corona musste ein größerer Saal her

  • Sabrina Mehler
    vonSabrina Mehler
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Sechs Angeklagte, sechs Verteidiger, dazu Richter, Schöffen, Staatsanwältin, Nebenkläger, Zeugen, Justizbeamte: Weil es im Saal des Fuldaer Landgerichts angesichts der Vielzahl der Beteiligten coronabedingt zu eng ist, wurde der Prozess um Entführung und Erpressung ins Bonifatiushaus verlegt. 

Fulda - Die Prozessbeteiligten mussten sich warm anziehen: Nicht nur wegen der bohrenden Fragen von Richter und Staatsanwältin, sondern auch, weil immer wieder wegen Corona kräftig durchgelüftet wurde. Die Oberfenster waren permanent gekippt, um das Risiko der Virusübertragung zu minimieren. Aus eben diesem Grund war das Anfang November im Saal des Fuldaer Landgerichts begonnene Verfahren verlegt worden.

Zunächst hatte es allerdings eine zweiwöchige Zwangspause gegeben, weil einer der Angeklagten Kontakt zu einer infizierten Person hatte. Am Montag ging es dann in einem ausreichend großen Tagungssaal im Bonifatiushaus weiter, den das Gericht gemietet hatte. Eigentlich ist das Gebäude Sitz der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum Fulda.

Wegen Corona: Für Beteiligte im Entführungs-Prozess war es im Landgericht Fulda zu eng

Die Verlegung sei nötig gewesen, erklärt Gerichts-Pressesprecher Patrick Krug, der in dem Prozess auch einer der Richter ist. Wegen der Zahl der Beteiligten sei es im Landgericht Fulda zu eng geworden: Die Abstandregeln hätten nicht eingehalten werden können. Im Bonifatiushaus sitzt jeder an einem eigenen Tisch und hat genügend Abstand zur nächsten Person, um auch die Mund-Nasen-Bedeckung abnehmen zu können. Eine Sicherheitsschleuse wie im Gerichtsgebäude Am Rosengarten gibt es nicht, wohl aber wacht ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes am Eingang des Bonifatiushauses. Das sei ausreichend: „Denn hier handelt es sich ja nicht um einen Hochsicherheitsprozess, bei dem es etwa um Mord geht“, sagt Krug.

Vorgeworfen wird den sechs Männern im Alter zwischen 21 und 23 Jahren Freiheitsberaubung und Erpressung: In einem Fall war vor zwei Jahren ein Mann mit einem VW-Bus von der Ochsenwiese in einen Wald nach Niesig verschleppt worden, um ihn dort zu verprügeln und Geld zu fordern. In einem anderen Fall, in dem nur drei der Angeklagten beteiligt gewesen sein sollen, geschah Ähnliches, von dem der 21 Jahre alte Geschädigte am Montag berichtete.

Der Neuhofer hatte sich mit seinem Kumpel vor der örtlichen Kirche aufgehalten, als ein VW-Bus anhielt und er von den Insassen mit deutlichen Worten aufgefordert worden sein soll, einzusteigen. Dem habe er Folge geleistet: „Wir sind dann in einen Wald gefahren. Dort wurde mir angekündigt, dass mich hier keiner schreien hören kann.“ Er habe versucht zu flüchten, das sei ihm nicht gelungen, berichtete der 21-Jährige. „Die haben sehr lange auf mich eingetreten und eingeschlagen.“ Er sei eingeschüchtert worden, einer der Männer habe eine Waffe in der Hand gehalten.

Entführungs-Prozess wegen Corona im Bonifatiushaus in Fulda - Mutter des Geschädigten sagt aus

Der Grund des Vorfalls ist offenbar, dass der Geschädigte der Ex-Freundin eines der beteiligten Männer eine Nachricht geschrieben haben soll. Das bestritt der 21-Jährige jedoch. „Die haben gesagt, dass ich bei ihnen jetzt Schulden habe“, erklärte er. Zunächst habe er 1000 Euro zahlen sollen, dann jedoch sollte er diese Summe abarbeiten, indem er für die Männer Drogen verkauft. Er habe mitgespielt, weil er um sein Leben gefürchtet habe. Verletzungen habe er unter anderem im Gesicht, am Oberschenkel und am Brustkorb erlitten: „Ich habe danach Blut gehustet.“ Zudem habe er auch nach der Tat immer noch „panische Angst“ um sein Leben gehabt.

Auch seine Mutter wurde als Zeugin gehört. Diese hatte, nachdem ihr Sohn ohne Angabe von Gründen von einem Tag auf den anderen aus Neuhof weggezogen war, selbst Recherchen angestellt: Sie schrieb Personen an, mit denen ihr Sohn zuvor Chatnachrichten ausgetauscht hatte. Zweimal sei sie danach bedroht worden: Einmal tauchten abends drei Männer vor ihrem Haus auf: „Die haben nach meinem Sohn gefragt und mir eine Pistole hingehalten.“ Ein anderes Mal sei sie mit einem Baseballschläger auf ihr ohnehin schon geschädigtes Knie geschlagen worden.

Neben einem engen Freund des Geschädigten wurde auch ein Bekannter verhört, mit dem die Mutter wegen der Sache in Kontakt gestanden hatte. Dieser brachte wenig Licht ins Dunkel und gab vor, sich kaum erinnern zu können. Richter Joachim Becker mutmaßte, dass er nicht die Wahrheit sagte. Das schien ihn jedoch nur wenig zu beeindrucken. Die Verhandlung wird an mehreren Tagen in dieser und der nächsten Woche im Bonifatiushaus fortgesetzt.

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