Der Top-Virologe Hendrik Streeck kritisiert den pauschalen Corona-Lockdown in Deutschland.
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Der Top-Virologe Hendrik Streeck kritisiert den pauschalen Corona-Lockdown in Deutschland.

Hendrik Streeck und Co.

Harsche Kritik der Experten an Corona-Lockdown: „Können nicht alle vier Wochen das Land runterfahren“

  • Walter Kreuzer
    vonWalter Kreuzer
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Die Verfasser sehen ihr Papier als Diskussionsgrundlage, die Adressaten dürften es eher als Kampfansage verstehen: Eigenverantwortung und Akzeptanz statt ein Herunterfahren des Alltagslebens zur Eindämmung von Corona ist eine der Thesen, mit denen sich Ärzte und Wissenschaftler von Merkels Strategie distanzieren.

+++ 17.14 Uhr: Intensivmediziner aus dem Bereich der Anästhesiologie kritisieren die Aussage der „Kassenärztlichen Bundesvereinigung“ (KBV), wonach ein Lockdown in Teilen nicht das richtige Mittel gegen die Corona-Pandemie sei.

Der Präsident des „Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten“ (BDA), Professor Dr. Götz Geldner, sagt, dass es zu einer deutlichen Einschränkung von Kontakten und damit der Ausbreitungsmöglichkeit der Infektion derzeit keine Alternative gebe. Alle anderen Schritte seien bislang nicht genügend wirksam gewesen. Viel stärker als im Frühjahr gehe es jetzt darum, einen Kollaps der gesamten Intensivmedizin in Deutschland und damit sehr viele Tote zu vermeiden: „Wir können der Lawine, die sich bald lösen könnte, als Gesellschaft und Gesundheitssystem nicht tatenlos zusehen“, sagt Professor Geldner.

Erstmeldung vom 30. Oktober, 11.08 Uhr:

Berlin/Fulda - Mehrere Coronavirus-Experten und Wissenschaftler – darunter die Top-Virologen Hendrik Streeck (Universität Bonn) und Jonas Schmidt-Chanasit (Universität Hamburg) – sowie zahlreiche Ärzteverbände – angeführt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) – halten eine „pauschale Lockdown-Regelung weder für zielführend noch umsetzbar. Wir sehen im Ausland, dass das nicht funktioniert. Wir können nicht alle vier Wochen mal das Land runterfahren – wenn es nach dem zweiten Mal noch etwas runterzufahren gibt.“ So formulierte es der Chef der KBV, Andreas Gassen, in einer Telefon-Pressekonferenz, während der das Positionspapier vorgestellt wurde – wenige Stunden, ehe Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder im Prinzip genau das beschließen sollten.

Corona-Lockdown: Hendrik Streek und Co. kritisieren Angela Merkels Linie

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Man könne nicht ganz Deutschland wegen der Corona-Pandemie „in ein künstliches Koma versetzen“. KBV-Chef Andreas Gassen argumentierte mit „bleibenden Schäden für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft“. Es sei falsch, ständig „apokalyptische Bedrohungsszenarien aufzuzeigen. Wir dürfen dieses Virus aber auch nicht verharmlosen.“

In dem Positionspapier wird auf die Mitarbeit der Bevölkerung vertraut. Daher sollte „auf Gebote und nicht überwiegend auf Verbote“ gesetzt werden. Notwendig seien für die Eindämmung des Coronavirus „gezielte Maßnahmen, die einfach umsetzbar und nachvollziehbar sein“ müssten.

„Es geht nicht darum, das Virus zu verharmlosen oder zu sagen, die Lage sei nicht ernst“, betonte der Top-Virologe Hendrik Streeck. Es werde zwar versucht, Altenheime und Krankenhäuser vor Corona zu schützen, „aber nicht systematisch. Wir müssen einen Schutz für Angehörige von Risikogruppen etablieren, die daheim leben.“ Als Beispiel führte er FFP2-Masken an, etwa für Leute, „die Besuche empfangen oder ihre Enkel sehen wollen“.

Video: Virologe Hendirk Streeck über sein Leben mit Morddrohungen

Alleine auf die Covid-19-Infektionszahlen zu schauen, sei „zu wenig und auf Intensivbetten zu schauen, ist zu spät. Es muss etwas geben, wie wir die Pandemie besser einschätzen können und auch einschätzen können, wie sie sich langfristig verhält.“

Das Problem sei, dass es sich nicht um einen kurzen Sprint handele. Hendrik Streeck: „Das Virus wird Teil unseres Lebens bleiben. Auch wenn ein Impfstoff da ist, werden wir noch Jahre mit dem Virus zu tun haben. Wichtig ist, dass wir uns auf diesen Marathon vorbereiten.“ Dafür müssten etwa „Masken sexy werden und wir müssen ein Leben zulassen, ohne andere dadurch zu gefährden.“ Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau sagte Virologe Hendrik Streeck, dass ein Corona-Impfstoff überschätzt werde*.

Top-Virologe Hendrik Streeck: Coronavirus wird Teil unseres Lebens bleiben

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Im Sommer sei es nicht geschafft worden, durch die Kontaktnachverfolgung die Corona-Pandemie einzudämmen. Das werde im Herbst nicht gelingen. Stattdessen solle eine höhere Priorität auf Fälle mit Bezug zu medizinischen und pflegerischen Einrichtungen oder Veranstaltungen mit vielen Infizierten gelegt werden.

Der stellvertretende KBV-Vorsitzende Stephan Hofmeister hob hervor, dass man „die Menschen gewinnen und überzeugen muss. Wir brauchen Sprachregelungen und klare Bestimmungen, die dauerhaft den Umgang mit dem Virus festlegen.“

„Die Basisregeln sind ausreichend, damit wir diese Pandemie gut durchstehen können. Sie müssen aber auch umgesetzt werden. In den vergangenen Monaten ist es versäumt worden, in jene Zielgruppen zu gehen, die nicht so gut deutsch sprechen. Genau auf diese Bevölkerungsstrukturen und die kulturellen Hintergründe müsste gezielt zugegangen werden“, sagte Professor Jonas Schmidt-Chanasit. *FR.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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