Corona-Lockdown verlängert

„Mut weg“, „Kraft am Ende“: Fuldas Einzelhändler drücken ihre Verzweiflung mit Protest-Aktion aus

  • Volker Nies
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In Fuldas Einzelhandel wächst die Verzweiflung. Die Ersparnisse der Inhaber sind weitgehend aufgebraucht. Doch der Staat hat die Schließung der Läden um weitere drei Wochen verlängert. Dagegen protestieren die Händler mit einer ungewöhnlichen Aktion.

Fulda - Rund 30 Geschäfte im Stadtzentrum von Fulda werden am Sonntag und Montag alle Schaufenster verhängen. Die Beleuchtung wird ausgeschaltet bleiben. „So düster wie unsere Stimmung sollen auch die Schaufenster wirken“, sagt Modehändlerin Marlies Piechotka (59), die die Corona-Aktion mit anderen Händlern organisiert.

„Die Verlängerung des Corona-Lockdowns war für uns wie ein Schlag in die Magengrube. Vor zwei oder drei Wochen habe viele Kollegen noch gesagt, sie schaffen das. Dieser Mut ist jetzt weg“, äußert Nicola Drüschler (34) vom Modegeschäft Nicolissima in Fulda. Die Corona-Hilfszahlungen, die sie bisher erhielt, gingen drauf, um Lieferanten, Mieten und Gehälter zu bezahlen. „Seit März lebe ich allein von Rücklagen. Ich kann mich gerade so über Wasser halten“, sagt Drüschler. Sie versucht, einen Teil ihrer Winterware über Instagram zu verkaufen. „Ich kämpfe mit aller Kraft, 14 bis 16 Stunden, von Montag bis Sonntag, um den Schaden zu begrenzen. Aber jetzt bin ich mit der Kraft am Ende.“

Corona in Fulda: Verzweiflung bei Einzelhändlern - Ungewöhnliche Protest-Aktion

„Mein Erspartes ist jetzt komplett aufgebraucht“, berichtet Rosanna Fiorica (49). Sie führt die zwei impressioni-Modeläden. „Wenn nicht bald Hilfe kommt, bin ich buchstäblich am Ende. Jeder Tag Lockdown-Verlängerung ist eine schwere Last. Und niemand weiß, wie lange der Staat an der Schließung der Läden festhält.“ Sie versteht auch nicht, warum die Politik nicht ein ganz kleines Fenster für inhabergeführte Geschäfte geöffnet hat, nämlich die Möglichkeit, dass der Laden jeweils von einer einzigen Kundin betreten werden darf. „Das Zusammentreffen von zwei Menschen aus zwei Haushalten ist ja privat erlaubt. Warum soll das in einem Laden verboten sein?“, fragt Drüschler.

Beginnen mit dem Zukleben der Schaufenster (von links): die Modehändlerinnen Marlies Piechotka, Nicola Drüschler und Rosanna Fiorica.

Piechotka hat in den vergangenen Tagen Inventur gemacht. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Winterware konnte sie wegen des Corona-Lockdowns nicht verkaufen. Zugleich wird neue Ware angeliefert: Am Freitag kamen zwei große Kartons mit Frühjahrskleidern aus Schweden und Frankreich. „Normalerweise beginnt jetzt das Frühjahrsgeschäft. Aber wir müssen ja geschlossen halten.“ Die Ware aus dem Ausland hat Piechotka schon zur Hälfte bezahlt.

„Wie viel soll ich bestellen?“: Corona-Lockdown stellt Händler in Fulda vor Probleme

Wenn die Modegeschäfte die beim Hersteller bestellte Ware wegen des Corona-Lockdowns jetzt nicht abnehmen, müssen sie so hohe Storno-Gebühren zahlen, dass sich die Abbestellung nicht lohnt. Hinzukommt: Der Handel kann überhaupt nicht planen. Selbst wenn der Lockdown – irgendwann im Frühjahr – endet: Vielleicht gehen im Herbst die Corona-Infektionszahlen wieder hoch?

Mit dieser Unsicherheit ist Rosanna Fiorica am Freitag nach Frankfurt zu einer Messe gefahren, um dort Herbst- und Winterware zu ordern. „Um im Herbst Kundinnen zu begeistern, muss ich dann aktuelle Ware haben. Aber wie viel soll ich bestellen? Ich werde wohl viel, viel weniger ordern als in den Vorjahren.“

Mit der Schaufenster-zu-Aktion wollen Fuldas Händler zeigen: Für viele ihrer Kollegen gehe es jetzt um die Existenz. „Die Aktion soll unsere Kunden und die Verantwortlichen der Politik wachrütteln. Wir wollen demonstrieren, wie die Innenstadt aussieht, wenn der Handel nicht mehr für Leben sorgt. Das kann durchaus schon sehr bald so sein“, sagt Drüschler. Piechotka warnt: „Viele Händler wissen schon jetzt nicht mehr, wie sie weiter machen sollen. Nach dem langen Kampf um die Existenz und immer neuen Verlängerungen des Lockdowns sind sie mit ihrem Geld und ihrer Kraft am Ende.“

Protest wegen Corona-Lockdown-Verlängerung: Drei Stimmen zur Aktion in Fulda

Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU): Ich habe volles Verständnis für die Aktion. Die Bedrohung durch die Corona-Beschränkungen ist existenziell. Durch die Lockdown-Verlängerung sind viele erneut schwer getroffen. Die Stadt wird Fuldas Einzelhandel und die Gastronomie bei der Werbung für Online-, Liefer- und Abholangebote helfen. Ich appelliere an alle Vermieter innerstädtischer Laden- und Gastronomieflächen, leidgeprüften Mietern entgegenzukommen, und bitte alle Fuldaer, lokale Unternehmen zu unterstützen. 

Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der IHK Fulda: Die Lage für die geschlossenen Unternehmen wird von Tag zu Tag dramatischer. Es fehlen wirtschaftliche Perspektiven. Unternehmensexistenzen und Arbeitsplätze sind akut bedroht. Deshalb sind die Proteste der Fuldaer Einzelhändler ein nachvollziehbarer Hilferuf. Wir stehen im steten Austausch mit der Politik, um gezielte Lösungen statt flächendeckendem Lockdown sowie eine Öffnungsstrategie mit klaren, erreichbaren Zielwerten zu erreichen. 

Reginald Bukel, Vorsitzender des City Marketings Fulda: Das Vorgehen der Politik bei den Corona-Maßnahmen ist zunehmend chaotisch – alles auf dem Rücken der Einzelhändler. Erst verlängern Bund und Länder den Lockdown – jede Verlängerung vergrößert die Probleme des Handels. Jetzt sagt der Bundeswirtschaftsminister, Ladenöffnungen seien regional möglich, wenn dort die Inzidenz unter 35 liegt. Wenn ein Landkreis öffnet und der Nachbarkreis nicht, wird das Einkaufstourismus auslösen, den jetzt niemand will. 

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