Klinikum-Mediziner im Interview

Immunologe Peter M. Kern: Corona-Virus hat „Tsunami-Potenzial“ - Lockdown aber „nicht sinnvoll“

  • Christof Völlinger
    vonChristof Völlinger
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Die Sorge vor einem Kontrollverlust im Kampf gegen Corona bewegt Prof. Dr. Peter M. Kern (60). Die aktuelle Lage hält der Immunologe aber nicht vergleichbar mit der Situation im Frühjahr. Das Klinikum Fulda sieht er für eine zweite Erkrankungswelle sehr gut aufgestellt.

  • Im Interview mit der Fuldaer Zeitung spricht Professor Peter M. Kern über das Corona-Infektionsgeschehen
  • Der Immunologe sieht die Gefahr einer „explosiven Entwicklung“
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Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt sprunghaft. Verlieren wir die Kontrolle?
Ich sehe diese Gefahr. Aber ich leite sie nicht allein von der Zahl der 7000 Neuinfektionen am Tag ab. Denn die Lage ist nicht vergleichbar mit der Situation während der ersten Welle. Wir machen heute 1,1 bis 1,2 Millionen Corona-Tests pro Woche. Fast dreimal so viele wie im Frühjahr. Da finden wir natürlich auch mehr Infizierte. Zugleich testen wir viel zielgerichteter, etwa unter den Reiserückkehrern. Beides erhöht die Zahl der Fälle.
Was ist noch anders als im Frühjahr?
Aktuell sind die meisten positiv Getesteten jünger als 35, im April waren viele über 65. Da ergibt sich ein völlig anderes Risikoprofil, was sich auf Erkrankung und Letalität niederschlägt. Deswegen sehen wir noch nicht sehr viele schwere Krankheitsverläufe. Nicht die Zahl der Infektionen bereitet mir Sorge, sondern die Dynamik der Entwicklung, also die Geschwindigkeit des Anstiegs der Fallzahlen.
Was erwarten Sie?
Epidemien entwickeln sich immer exponentiell. Jede Exponentialkurve hat einen flachen Anlauf und geht dann ganz steil nach oben. Leider weiß niemand so genau, wie weit wir von diesem Knick entfernt sind. Die Politik muss daher handeln, auch wenn sie nicht genau weiß, wie weit wir noch vom Abgrund entfernt sind. So hat uns der rechtzeitige radikale Lockdown in der ersten Welle vor dramatischen Entwicklungen wie in Italien bewahrt.
Covid-19-Erkrankungen verlaufen derzeit oft weniger schwer. Hat sich das Virus abgeschwächt?
Es ist noch dasselbe Virus, es ist nicht gefährlicher oder schwächer geworden. Es handelt sich auch nicht um einen Heuschreckenschwarm, der einmal über das Land gezogen und verschwunden ist. Diese Viren werden bei uns bleiben, so lange es die Menschheit gibt. Die aktuell im Vergleich zum Frühjahr geringere Zahl an schwer Erkrankten und Todesopfern liegt alleine im deutlich unterschiedlichen Risikoprofil der Infizierten begründet. Bliebe es bei vor allem jüngeren Infizierten, hätten wir kein Problem mit 7000 Neuinfektionen am Tag.
Nicht die Zahl der Corona-Infektionen macht Experten wie Peter M. Kern Sorge, sondern die Dynamik der Entwicklung.

Corona: Immunologe Peter M. Kern hält generellen Lockdown „nicht für sinnvoll“

Können wir die Dynamik des Infektionsgeschehens noch durchbrechen und damit einen erneuten Lockdown verhindern?
Das ist die entscheidende Frage. Ich halte einen generellen Lockdown nicht für sinnvoll. Wir brauchen abgestufte Maßnahmen, die lokal nach Erfordernis umgesetzt werden, aber rechtzeitig, bevor die Welle uns überrollt. Und wir müssen mit einem gewissen Ausmaß eines Krankheitsschadens durch Covid-19 umzugehen lernen. Das heißt auch, wie bei anderen Krankheiten, eine gewisse Todesrate akzeptieren. Und genau das ist ja stillschweigend in den vergangenen Monaten passiert durch die politische Festlegung der „Inzidenzschwelle“. Ich hätte mir aber eine offene gesellschaftliche Debatte über diese heikle Frage gewünscht.
Die Politik hat eine Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen als Grenze für stärkere Eingrffe in das Alltagsleben definiert. Ist dieser Wert sinnvoll?
Bei dieser „Inzidenzschwelle“ sind wir nahe am Punkt einer explosiven Entwicklung. Er entspricht ca. 7000 Neuinfektionen pro Tag bundesweit, definiert unter den Bedingungen vom Frühjahr. Das ist ein Grenzwert, den unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem verkraften können. Dieser Wert ist also nicht willkürlich gewählt. Aber auch das bedeutet Todsfälle! Es ist klug, das Geschehen regional zu bewerten und rechtzeitig zu agieren, damit es erst gar nicht zu einer großen bundesweiten Welle kommt. Die berechtigte Hoffnung ist, mit gestuften, lokal dosierten Maßnahmen einen generellen zweiten Lockdown zu verhindern.
Sie haben im Frühjahr vor Hunderttausenden Toten gewarnt, wenn wir das Virus nicht in den Griff bekommen. Würden Sie das heute noch genauso tun?
Dieses Virus hat das Potential, wie ein Tsunami die gesamte Bevölkerung in kurzer Zeit zu erfassen. Wenn dies geschieht, ist zweifelhaft, ob die bisher errichteten Schutzwälle, etwa um Pflegeheime, halten. Wenn das Virus in jedem Haus, in jeder Familie ist, wird man auch die Alten nicht mehr schützen können. Die Corona-Verbreitung muss immer unter einer gewissen Schwelle gehalten werden. Das rettet Menschenleben.

Zur Person

Prof. Dr. Peter M. Kern leitet als Direktor seit 2010 die Medizinische Klinik IV am Städtischen Klinikum Fulda. Der 60-Jährige ist Klinischer Immunologe, Rheumatologe und Facharzt für Innere Medizin. Sorge bereitet dem verheirateten Vater dreier erwachsener Kinder die zunehmende Belastung für die Gesellschaft, weil Covid-19 einzelne Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich bedroht. Die Anti-Corona-Maßnahmen beträfen die von Natur aus aktiveren Jugendlichen stärker als ältere Mitmenschen. Gleichwohl seien die Älteren viel stärker durch Covid-19 bedroht. „Da ist ein Balanceakt der Solidarität gefragt“, erklärt Kern.

Auf welche Parameter muss man neben den reinen Fallzahlen besonders schauen, um die Virusausbreitung einzudämmen?
Da gibt es keine griffigen Parameter. Leider ist die Materie zu komplex. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist schon eine gute Richtschnur. Ergänzt werden müsste sie noch mit Informationen darüber, welcher Risikogruppe die Infizierten angehören. Sind die 20 oder 80 Jahre alt? Sind die gesund oder haben sie Vorbelastungen? Das macht einen gewaltigen Unterschied. 7000 infizierte 20-Jährige oder 7000 infizierte Altenheimbewohner belasteten das Gesundheitssystem völlig unterschiedlich, denn es geht letztlich um die Zahl derer, die schwer erkranken. Wenn unsere Intensivkapazitäten erschöpft wären, kämen wir in ein entsetzliches ethisches Dilemma. Dann stünden wir vor der Frage, wen wir noch behandeln.
Wie bewerten Sie das Beherbergungsverbot?
Das Setzen von Warnschwellen ist eine politische Entscheidung. Entsprechend habe ich Verständnis für unterschiedliche Einschätzungen. Ich wünschte mir als Bürger aber eine bundesweit einheitliche Regelung. Und ich glaube auch nicht, dass Beherbergungsverbote das epidemiologisch entscheidende Kriterium sein werden. Überall dort, wo besonders viele Menschen zusammenkommen, ist das Übertragungsrisiko am größten. Das lehren uns die Hotspots. Die Probleme haben wir in dicht besiedelten Großstädten. Größere Feiern sind die Ausbreitungszentren und nicht die Geschäfts- oder Urlaubsreisen. Auch ein Abendessen im Restaurant scheint ja kein Problem darzustellen.

Masken im öffentlichen Raum? Corona-Experte sagt Ja

Eine Sperrstunde wie im Hotspot Frankfurt begrüßen Sie also?
Wenn die Berichte stimmen, dass dort nach 23 Uhr enthemmte junge Leute auf öffentlichen Plätzen feiern, dann ist das der Virusausbreitung förderlich und muss unterbunden werden. Aber auch private Feiern mit mehr als 50 Leuten gehen dann nicht mehr. Da ist staatsbürgerliche Verantwortung gefragt. Wenn die junge Generation zu Recht Verantwortung für das Weltklima einfordert, dann muss sie, um glaubwürdig zu bleiben, auch in der Pandemie Verantwortung übernehmen. Genau das tut sie mehrheitlich!
Was halten Sie von einer erweiterten Maskenpflicht im öffentlichen Raum?
In Experimenten ist die Wirkung von Masken gut nachweisbar. In der komplexen Realität spielt jedoch noch eine Fülle anderer Faktoren eine Rolle. Ob die Maske im Freien vor Übertragung von Corona schützt, werden wir experimentell nicht belegen können. Gruppen klein und Abstände groß halten ist da sicher wichtiger. Da Masken in anderen Zusammenhängen nachweisbar wirksam sind, plädiere ich aber auch für das Tragen von Masken im öffentlichen Raum, wenn das Abstandsgebot nicht ausreicht. Dies ist schließlich ja auch keine große Zumutung.
Machen die Quarantäne-Regeln für Rückkehrer aus Risikogebieten noch Sinn?
Die Quarantäne ist die wirksamste Maßnahme, um Infektionsketten zu unterbrechen. Sie greift aber auch am tiefsten in die Freiheitsrechte ein, weshalb wir uns hier in Deutschland damit auch schwerer tun als etwa die Asiaten, die hier sehr streng durchgreifen.
Masken sind sinnvoll, sagt der Fuldaer Immunologe Peter M. Kern.

Immunologe Kern mit klaren Worten: „Trumps Gebaren ist widerlich“

Teils ist die Massenproduktion von Impfstoffen angelaufen. Kommt die Entwicklung voran?
Es befinden sich mehr als 100 Kandidaten in Zulassungsverfahren. Manche Unternehmen gehen schon in die Produktion, um im Falle einer Zulassung rasch einen Milliardenmarkt zu bedienen. Doch die Testung von Impfstoffen ist langwierig, weil ja nur gesunde Menschen geimpft werden und deswegen keine Nebenwirkungen toleriert werden können. Besonders dringend brauchen wir die Impfung für Hochrisikogruppen, also Alte und Vorerkrankte, an denen die Testverfahren aber erst in der zweiten Linie durchgeführt werden.
Welche Fortschritte gibt es bei Therapien? Ist die schnelle Genesung von Donald Trump ein medizinisches Wunder?
Dass Donald Trump sich so fit wie vor 20 Jahren fühlt, das glaube ich so sehr wie alles andere, was der US-Präsident sagt! „Antikörper-Cocktails“, wie sie bei Trump eingesetzt wurden, sind nichts Neues. Solche von Genesenen gewonnen Antikörper sind aber nur begrenzt verfügbar. Und Trump war wohl nicht schwer erkrankt, weshalb die Antikörper und Remdesivir hilfreich gewesen sein könnten. Das ethische Problem dabei ist, dass Trump eine Behandlung für sich in Anspruch nimmt, die anderen Menschen nie zur Verfügung gestellt werden könnte. Seine Ankündigung, Millionen Amerikaner könnten nun kostenlos mit solchen Antikörpern versorgt werden, ist Humbug. Trumps Gebaren ist widerlich.
Wie ist das Klinikum Fulda auf eine zweite Erkrankungswelle vorbereitet?
Ich sehe das Klinikum Fulda sehr gut aufgestellt. Alle Mitarbeiter haben im vergangenen halben Jahr eine gigantische Einsatzbereitschaft und Flexibilität gezeigt. In manchen Abteilungen blieb kein Stein auf dem anderen. Allein die Zahl der Beatmungsplätze wurde von 30 auf 70 erhöht. Ich bin schon ein wenig stolz darauf, Teil dieses Teams zu sein. Corona führte aber auch zu Einnahmeausfällen, die nicht vollständig kompensiert wurden. Klar ist: Das Klinikum kann aus eigener Kraft unter Corona-Bedingungen nicht wirtschaftlich arbeiten. Da brauchen wir Hilfe. Die Politik konnte und kann sich auf uns verlassen, jetzt müssen auch wir uns auf die Politik verlassen können!

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Klinikum Fulda: Bislang nur drei Infektionen bei 3000 Mitarbeitern

Inwieweit hatten Ärzte und Pfleger selbst mit Corona-Infektionen zu kämpfen?
Dass wir bei 3000 Mitarbeitern bislang nur drei Corona-Infektionen unter dem Personal hatten, zeigt, dass die internen Sicherheitskonzepte perfekt greifen. Bisher wurden am Klinikum 22 000 Corona-Tests an Patienten vorgenommen. 79 Infizierte haben wir dabei herausgefiltert, von denen 57 auch stationär behandelt wurden. Dass wir im Haus keinen einzigen Übertragungsfall hatten, ist eine tolle Leistung. Andere Häuser gleicher Größe hatten Hunderte Corona-Fälle im Personal.
Im April hatten Sie eine Antikörperstudie vorgestellt, die im Gegensatz etwa zur Ischgl-Studie keine nennenswerte Durchseuchung in der Bevölkerung belegte. Wie ist es heute um die Immunität in der Region Fulda bestellt?
Wir haben bei einer ersten Testung mit 1780 Klinikum-Mitarbeitern und Supermarkt-Beschäftigten im April lediglich bei 0,3 Prozent der Teilnehmer eine Immunität gegenüber Sars-CoV-2 nachweisen können. Vier Wochen nach Ende der ersten großen Welle haben wir bei einer zweiten Testreihe mit 1447 Teilnehmern im Juli eine Immunitätsrate von 0,6 Prozent für die Stadtregion Fulda nachgewiesen. Das ist so gut wie nichts. Fulda ist nach wie vor eine Terra Incognita für das Coronavirus. Oder anders ausgedrückt: Es gibt noch ganz viele Opfer für das Virus. Wir sind alle noch zu haben! Wir werden uns aber dagegen wehren!

Das komplette Interview mit Professor Peter M. Kern erscheint in der Samstagausgabe, 17. Oktober, der Fuldaer Zeitung. Online veröffentlichen wir eine gekürzte Fassung. Um das komplette Interview zu lesen, können Sie eine E-Paper-Ausgabe über unsere Fuldaer Zeitung-App kaufen; für Android-Geräte im Google-Play-Store oder für iOS-Geräte im App-Store. Weitere Fragen dazu beantwortet unser Kundenservice unter der Telefonnummer (0661) 280310.

Rubriklistenbild: © Leon Schmitt

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