Walter Plassmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH), appelliert auf einer Pressekonferenz an die Bürger.
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Walter Plassmann, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, kritisierte zuletzt die ängstliche Corona-Politik. (Archivbild)

Gastbeitrag für Fuldaer Zeitung

Zu viel Angst und Schrecken? - Ärzte-Chef fordert mehr Gelassenheit in der Corona-Krise

Kritische Worte in der Corona-Krise: Walter Plassmann, Vorsitzender der KV Hamburg, ist der Ansicht, dass der Großteil der Bevölkerung keinem so hohen Risiko ausgesetzt ist, dass massive (Grundrechts-)Einschränkungen gerechtfertigt wären. Das betont er in einem Gastbeitrag für die Fuldaer Zeitung.

Darf man das? Darf man angesichts hoher Zahlen von positiv getesteten Menschen noch immer zu Gelassenheit in Corona-Zeiten raten? Man darf nicht nur, man sollte. Denn viel zu lange haben Politik und Medien die Bevölkerung in Dauerstress gehalten, haben mit – teilweise bewusst überzeichneten – Horrorbildern für Angst und Schrecken gesorgt.

Die Folgen sehen die niedergelassenen Ärzte tagtäglich in ihren Praxen und im Notdienst: verängstigte, verstörte Menschen, die sich schon bei einer leichten Erkältung ernsthaft Sorgen machen, Patienten, bei denen längst überwunden geglaubte psychische Probleme wieder auftauchen, psychosomatische Störungen, die ihren Grund in dem permanenten Alarmzustand haben.

Coronavirus: KV-Vorsitzender Walter Plassmann warnt vor Panik

Lehrerinnen beobachten mit Sorge ehedem lebhafte Schüler, die nun in der Pause apathisch am Platz sitzen bleiben. Die TK hat in einer aktuellen Umfrage herausgefunden, dass jeder Fünfte wegen des erhöhten Stresses niedergeschlagen sei und sich antriebslos fühle.

Es wird immer deutlicher: Die Kollateralschäden der vielen Monate voller Alarmmeldungen und Warnungen gehen nicht spurlos an der Bevölkerung vorüber. „Angst essen Seele auf“ hat Rainer Werner Fassbinder einen seiner Filme genannt. Angst essen aber nicht nur Seele auf, sondern greift auch den Körper an. Permanenter Stress macht anfälliger für Krankheiten.

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Die Politik und ihr nachfolgend die Medien haben die grell ausgemalten Horrorszenarien ganz bewusst eingesetzt. Ein noch heute verfügbares Papier des Bundesinnenministeriums hat dies klar vorgezeichnet. Das mag zu Anfang der Pandemie auch berechtigt gewesen sein, als niemand einschätzen konnte, wie sich die Lage entwickeln wird. Mittlerweile ist es aber höchste Zeit für ein Umdenken.

Wir wissen mittlerweile, dass das Virus vor allem Menschen mit Vorerkrankungen zu schaffen macht und dass das Personal in Pflege- und Medizineinrichtungen besonders geschützt werden muss. Dies heißt aber im Umkehrschluss, dass die übrige Bevölkerung keinem so hohen Risiko ausgesetzt ist, dass massive (Grundrechts-)Einschränkungen gerechtfertigt wären.

Trotzdem wird immer schwarz in schwarz gemalt, unter mehreren Szenarien immer das schlimmste gewählt und mit drakonischen Strafen gedroht. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will Maskenverweigerer bundesweit mit 250 Euro bestrafen – wer ohne Maske mutterseelenallein über den Marienplatz geht, soll also genauso viel bezahlen wie jemand, der mit 120 Stundenkilometern durch die Stadt rast. Da ist jede Verhältnismäßigkeit verlorengegangen.

Corona im Fokus

Im seinem Gastbeitrag für die Fuldaer Zeitung findet der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, klare Worte. Seine Forderungen finden bereits bundesweit Aufmerksamkeit.

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Wir müssen uns lösen von dem völlig fixierten Blick auf die Zahl der positiv getesteten Menschen. Denn „positiv“ heißt nicht automatisch auch „ansteckend“, infiziert heißt nicht krank. Und die Grenze „50 Infizierte auf 100 000 Einwohner“ ist völlig willkürlich.

Deshalb muss es neue Schwellenwerte geben, die auch die Zahl der im Krankenhaus behandelten und die der verstorbenen Patienten mit einschließt. Vergessen wir nicht: Die Lebens- und Grundrechtseinschränkungen sind begründet worden mit der Gefahr einer Überforderung des Gesundheitswesens – die wir noch nie auch nur entfernt erreicht hatten und auch aktuell nicht erreichen.

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Richtiges Einordnen des Geschehens, Benennung aller Alternativen – das muss in die Informationspolitik einfließen: Seid aufmerksam, aber nicht panisch; seid vorsichtig, aber nicht voller Sorgen. Damit kommen wir gelassen durch den Winter – Gelassenheit stärkt die Gesundheit.

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