An Beerdigungen dürfen nun wieder mehr Personen teilnehmen - allerdings nur unter Einhaltung der Abstandsregeln.
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An kirchlichen Beerdigungen dürfen mehr als 30 Personen teilnehmen - allerdings nur unter Einhaltung der Abstandsregeln.

Privileg für Religionsausübung

Trotz Corona-Notbremse: Bei kirchlicher Beerdigung mehr als 30 Personen erlaubt - bei Tröster nicht

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Ab einer Inzidenz von 100 sind nur 30 Personen bei Trauerfeiern zugelassen – so sieht es die Bundes-Notbremse vor. Allerdings heißt es in dem Gesetz auch, dass Zusammenkünfte, die der Religionsausübung dienen, von der Regel ausgenommen sind. Das Bistum Fulda betont daher: kirchliche Beerdigungen sind von der 30-Personen-Regel nicht betroffen.

Fulda - Claudia Krieglstein aus Ebersburg hat am Sonntag ihren Vater Günter Barth verloren. Am Freitag soll der 69-Jährige im Gersfelder Ortsteil Hettenhausen beerdigt werden. Als sie gestern unsere Zeitung las, war sie geschockt: Im Artikel zum Thema „Sterben in der Pandemie“ war die Rede davon, dass ab einer Corona-Inzidenz über dem Schwellenwert von 100 lediglich 30 Trauergäste anwesend sein dürfen. „Das hat mir erstmal das Herz gebrochen. Allein unsere Familie sind schon über 30 Leute. Mein Vater war jahrzehntelang im Vorstand des Rhönklubs, er würde sich wünschen, dass die Vereinskollegen kommen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben“, sagt die 37-Jährige. Darüber hinaus habe sie vom Ordnungsamt Gersfeld, dem Pfarrer und dem Bestatter auch eine andere Information erhalten: Weil es sich um eine kirchliche Bestattung handelt, gilt die Beschränkung der Personenzahl nicht.

Corona-Notbremse: Bei kirchlicher Beerdigung mehr Personen erlaubt - bei Tröster nicht

In der Tat: Recht weit unten im Infektionsschutzgesetz heißt es unter Punkt 4: „Versammlungen im Sinne des Artikels 8 des Grundgesetzes sowie Zusammenkünfte, die der Religionsausübung im Sinne des Artikels 4 des Grundgesetzes dienen, unterfallen nicht den Beschränkungen nach Absatz 1.“ Das Ordnungsamt Gersfeld erklärt auf Nachfrage: „Dementsprechend gilt die Personenobergrenze aus unserer Sicht nicht für die Trauergottesdienste und die kirchliche Bestattung sowie sämtliche Zeremonieformen, an denen ein Geistlicher beteiligt ist. Trauerfeiern, die nicht im Zusammenhang mit der Religionsausübung stehen, Leichenschmaus, Tröster, Bestattungen weltlicher Art mit einem freien Redner etc. fallen nicht unter die Privilegierung.“

Auch das Bistum Fulda betont: Die Begrenzung auf 30 Personen bei Todesfällen gilt nicht für Requiems in der Kirche und kirchliche Bestattungen auf dem Friedhof. Generalvikar Christof Steinert formuliert in einem Schreiben: Sofern die Bestattungen nach kirchlichem Ritus durch einen Amtsträger der katholischen Kirche durchgeführt werde, gelte die Begrenzung im Zuge der Corona-Pandemie nicht. „Ordnet eine politische Gemeinde Beschränkungen an, weil sie sich aufgrund der Bundes-Notbremse dazu gezwungen sieht, so könne auf Gespräche mit dem Generalvikariat verwiesen werden.“

Die Frage wurde vor Kurzem auch beim Verwaltungsgericht Stuttgart behandelt, das genau zu dem Ergebnis kam: Die Teilnehmerbeschränkung gilt nicht für kirchliche Beerdigungen (siehe Kasten).

Beschluss des Verwaltungsgerichts

In Baden-Württemberg wurde jetzt sogar gerichtlich entschieden, dass die im Bundesinfektionsschutzgesetz vorgesehene Teilnehmerbeschränkung für Treffen im öffentlichen Raum auf höchstens 30 Personen nicht für kirchliche Beerdigungen gilt. So steht es in einem Beschluss des Verwaltungsgerichts Stuttgart. Das Kultusministerium setzte die Entscheidung um und informierte die Kirchen. Geklagt hatte zuvor die evangelische Landeskirche Württemberg.

Hintergrund des Rechtsstreits waren unklare Formulierungen im am 22. April geänderten Bundesinfektionsschutzgesetz. Darin heißt es, dass ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 höchstens 30 Personen bei „privaten Zusammenkünften“ im Rahmen von „Veranstaltungen bei Todesfällen“ erlaubt sind. Zugleich hält das Gesetz fest, dass Versammlungen, die der Religionsausübung dienen, nicht beschränkt seien.

Der Landkreis Fulda handhabt es ebenfalls so: „Kirchliche Beerdigungen gehören zur Religionsausübung. Auch bei Gottesdiensten gilt diese Beschränkung auf 30 Personen ja nicht, wenn es die Kapazität der Kirche zulässt“, erklärt Lisa Laibach, Pressesprecherin beim Landkreis Fulda. Allerdings müssten die Teilnehmer ihre Anschrift hinterlassen, damit im Falle einer Corona-Infektion eine Kontaktverfolgung möglich ist.

Video: Innehalten für die Corona-Toten

Im §28b des Infektionsschutzgesetzes, der sich mit den Regeln bei Corona-Inzidenzen über 100 beschäftigt, wird das Thema Trauerfeier und Bestattungen nur an einer Stelle angeführt: ganz am Anfang, wenn es um die Kontaktbeschränkungen geht. Da heißt es, dass private Zusammenkünfte unter anderem nur „im Rahmen von Veranstaltungen bis 30 Personen bei Todesfällen stattfinden“ dürfen. Auf der Internetseite des Bundesministeriums für Gesundheit wird die Beschränkung der Teilnehmerzahl bei Beerdigungen beziehungsweise Trauerfeiern auf 30 Personen extra angefügt. Allerdings wird dabei nicht zwischen kirchlichen Bestattungen und Bestattungen mit freien Rednern unterschieden.

„Das ist alles sehr verwirrend, und Angehörigen, die gerade trauern, kostet es viel Kraft. Eine Beerdigung ist der letzte Gang, so etwas kann man nicht nachholen. Und es ist auch für die Trauerarbeit wichtig, dass man sich verabschieden kann“, sagt Krieglstein. Dass die Beerdigung ihres Vaters ohne eine Begrenzung auf 30 Personen stattfinden kann, darüber ist sie froh. Sie sagt aber auch: „Die Ausnahme gilt nur für kirchliche Bestattungen, das ist eigentlich nicht in Ordnung. Es sollte für jedes Begräbnis gelten.“

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