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Corona-Hilfszahlungen reichen nicht: Gastronomen „am Ende ihrer Kräfte“

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Von: Volker Nies

Fuldas Gastronomen sind nach zwei Jahren Corona-Pandemie am Limit.
Viele Gastronomen sind nach zwei Jahren Corona-Pandemie am Limit. © weyo/stockadobe.com

Die staatlichen Corona-Hilfen sind in der Gastronomie weniger effektiv als in anderen Branchen, dabei ist die Lage oft sehr viel schwieriger. Darauf verweisen führende Vertreter der osthessischen Gastronomie.

Fulda - „Nach einer bundesweiten Umfrage haben 57 Prozent der Gastwirte Existenzängste. Der Wert dürfte in Osthessen nicht anders sein“, sagt Michael Glas (52), Inhaber des Grillrestaurants „Kneshecke“ in Friesenhausen und Vize-Vorsitzender der Wirtevereinigung Rhöner Charme.

„Es ist gut, dass es die Corona-Hilfen gibt. Aber sie kommen spät, die Antragstellung ist bürokratisch und sie reichen nicht aus“, sagt Glas. Der Gastronom und seine Kollegen reagieren auf einen Bericht in unserer Zeitung vom Samstag.

Darin hatte die Industrie- und Handelskammer (IHK) erklärt, aus der Wirtschaft komme insgesamt wenig Kritik an den staatlichen Corona-Hilfen. Glas widerspricht: „Unsere Realität ist eine andere. Viele Kollegen sind am Ende ihrer Kräfte.“

Zwei Jahre Corona-Pandemie - Fuldas Gastronomen „am Ende ihrer Kräfte“

Die Hilfsgelder seien meist zu gering bemessen, sagt Glas. „Die Zuschüsse gibt es nur zu den betrieblichen Kosten. Zur Lebenshaltung – Kosten für private Ausgaben, Mieten oder Versicherungen – gibt es sie nicht.“

Jeder Kollege schieße am Ende des Monats Geld zu – und zwar in jedem Monat. „Wir leben vom Ersparten. Es hilft, dass wir viele Familienbetriebe haben, in denen oft unentgeltlich gearbeitet wird, und die Gastronomen oft im eigenen Eigentum arbeiten und keine Pacht zahlen.“

Am liebsten wäre es den Gastronomen, wenn sie die Hilfen gar nicht bräuchten. „Wir sind Unternehmer und wollen keine Hilfsempfänger sein. Aber die Auflagen lassen uns keine Wahl.“

Politik, Inzidenz, Gäste-Verhalten - Öffnen lohnt sich häufig nicht

Die Rahmenbedingungen seien weiter schwierig, erklärt Glas. Die Gastronomie sei von allen Branchen am längsten geschlossen gewesen. In keiner Branche würden sich staatliche Regeln so schnell ändern. Das mache Planungen schwer und verunsichere die Gäste.

„Wenn wir für die nächsten Tage einkaufen, dann müssen wir parallel drei Entwicklungen beobachten: die Inzidenzen, die Launen der Politik und das Verhalten der Gäste. Realistisches Disponieren ist da unmöglich.“ Die staatlichen Auflagen behinderten die Arbeit so stark, sagt Glas, dass sich Öffnen oft gar nicht lohne. Die „Kneshecke“ öffnet erst am 12. Februar wieder. (Lesen Sie auch: Mehr als 700 Neuinfektionen in Fulda an einem Tag - RKI-Meldefehler bleibt bestehen)

Viele Wirte haben derzeit Probleme mit der Beantragung von Kurzarbeitergeld. Das berichtet Steffen Ackermann (51), Inhaber des „Hotels Wenzel“ in Fulda und Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga).

Kongress- und Tagungs-Tourismus komplett eingestellt

Ackermann erklärt: „Oft argumentieren die Arbeitsagenturen, die Umsatzrückgänge hätten ja nichts mit der Corona-Pandemie zu tun. Darauf muss man erst einmal kommen.“

Gastronomen, die Probleme mit Corona-Hilfen oder staatlichen Anordnungen hätten, wendeten sich meist an den Branchen-Verband Dehoga und nicht an die IHK. Deshalb habe der Dehoga vermutlich einen besseren Einblick in die Probleme der Gastronomie als die Kammer.

Michael Glas, Steffen Ackermann und Stefan Faulsicht äußern sich zu der Situation, in der sich die Gastronomie derzeit befindet.
Michael Glas, Steffen Ackermann und Stefan Faulstich äußern sich zu der Situation, in der sich die Gastronomie derzeit befindet. © privat

Der Lage der gastronomischen Betriebe sei sehr unterschiedlich, sagt Ackermann: Der Tagungs- und Kongress-Tourismus sei komplett zum Erliegen gekommen, die Osthessen gingen seltener essen als früher.

Wer sich hingegen ein gutes Außer-Haus-Geschäft aufgebaut habe, der komme besser durch die Krise. In seinem eigenen Hotel nutzt Ackermann die jetzige Flaute, um die Zimmer nach und nach zu erneuern. Das Hotel ist aber weiter geöffnet. (Lesen Sie hier: 2G und 2G-Plus in Hessen - Wann ist was erfüllt?)

Zwei Jahre Pandemie sorgen für schlechte Stimmung in der Gastro

Dass sich die Lage der Betriebe stark unterscheidet, stellt auch Stefan Faulstich (51) heraus, Inhaber des Landhotels und Restaurants „Rhönblick“ in Petersberg-Steinau und Kreisvorsitzender der Köche-Vereinigung.

Die Betroffenheit der Gastronomen sei unterschiedlich. Für sein Hotel könne er sagen: „Die staatlichen Hilfen haben Mängel, sie kamen zum Teil spät, was für große Unsicherheit sorgte. Aber sie kamen, und im Grunde haben sie geholfen.“ Sein eigenes Hotel ist derzeit dank eines großen Kunden bis Mitte Februar gut gebucht.

Insgesamt sei die Stimmung in der Gastronomie schlecht, berichtet Ackermann. „Nach zwei Jahren Pandemie sind manche Kollegen erschöpft. Aber wir hoffen doch auf einen guten Sommer mit vielen großen Veranstaltungen in Fulda. Allerdings sehen wir den danach folgenden Winter wegen Corona dann doch wieder mit Sorgen.“

Video: Gastronomie in der Corona-Krise: Jeder vierte Job ist weg

Die Unsicherheit beim Blick in die Zukunft sei ein großes Problem – für Chefs, aber auch für die Mitarbeiter, sagt Faulstich. Gaststätten und Hotels, die zwischenzeitlich ganz schließen, hätten das Problem, ihre Mitarbeiter zu halten, denn das Kurzarbeitergeld reiche da nicht.

Auch für den Nachwuchs verliere die Branche an Attraktivität, warnte der Chef der Köche-Vereinigung: „Ich hatte zwei Auszubildende für meinen Betrieb gewonnen. Doch beide sind mittlerweile in Ausbildungsstellen im Handwerk gewechselt. In der Gastronomie sahen sie keine Zukunft mehr.“

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