Fuldas Stadtmitte von oben.
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Fuldas Mitte von oben: Die MIT sieht große Probleme auf die Innenstadt nach dem Lockdown zukommen.

MIT-Vorstände im Interview

„Mit regionalem Wir-Gefühl zu Perspektiven“: MIT-Vorstände sehen trotz Corona-Pandemie Anlass zum Optimismus

Grüne Lichter für die Öffnung in der Gastronomie, rote Kleidung als Hilferuf des Einzelhandels: Osthessens Wirtschaft wünscht sich eine Perspektive in der Corona-Pandemie. Dafür plädieren auch Hans-Dieter Alt, Jürgen Diener und Edwin Balzter von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion Fulda (MIT).

Fulda - Die Vorstände der Mittelstands- und Wirtschaftsunion Fulda blicken im Interview mit der Fuldaer Zeitung auf die Zukunft der Fuldaer Innenstadt. Die Corona-Pandemie wird negative Auswirkungen haben. Sie machen aber auch deutlich: Für die Region Osthessen besteht durchaus Optimismus. Zudem sie fordern mehr Eigenverantwortung vor Ort. (Lesen Sie hier: Immunologe Timo Ulrichs aus Fulda hält Osterurlaub für unsicher - „Kein Selbstläufer“)

Es gibt zahlreiche Horrorszenarien, wie die Innenstädte nach Corona aussehen werden. Wie wird es in unserer Region sein?
Hans-Dieter Alt: Ich bin hoffnungsloser Optimist. Aber es wird Veränderungen geben – nicht nur zum Besseren. Der stationäre Handel wird Probleme haben, weil der Internethandel bewiesen hat, dass er eine Versorgung leisten kann. Aber unsere mittelständische Wirtschaft gerade in der Region Fulda ist sehr widerstandsfähig, weil Unternehmer nicht nur ökonomisch denken, sondern mit Herzblut an ihrem Betrieb hängen.
Jürgen Diener: Es gibt zweifellos negative Einflüsse durch die Pandemie. Ich glaube aber, dass in unserer Region der Handel stabil agiert, dass Gastronomie und Hotellerie einen finanziellen Background haben. Solche Betriebe werden Konzepte entwickeln, wie man die Zukunft gestalten kann. In der Mittelstandsvereinigung beschäftigen wir uns intensiv mit der regionalen Entwicklung. Um etwas für die Attraktivität zu tun, braucht es Ideen und Mut. Leider sind wir aber oft überreglementiert, und es fehlt der Esprit zu sagen: „Wir könnten dies und jenes.“ Außerdem müssen wir stärker erklären, welches Potenzial Fulda hat und wie interessant die Stadt und die Region sind.
Edwin Balzter: In Fulda sehe ich eine große positive „Verbrauchswelle“ auf uns zukommen, nicht nur im Handel. Die Menschen werden Urlaub suchen – egal wie, egal wo. Wenn wir die Stadt und die Rhön zusammenbinden, haben wir genau dafür ein unvergleichbar schönes Angebot. Darauf sollten wir uns einrichten und uns beispielsweise stärker als Fahrrad-Region profilieren.

MIT-Vorstände im Interview: Trotz Corona-Pandemie besteht Anlass zum Optimismus

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Wird die Arbeitslosigkeit steigen? 
Alt: Ich gehe davon aus, dass die Arbeitslosigkeit leicht steigen wird, aber dass wir in dieser mittelständisch geprägten Region auch in der Lage sind, viele unserer Mitarbeiter zu halten und ihnen weiterhin Perspektiven zu bieten. Übrigens: Gerade im Hotel- und Gaststättengewerbe gibt es derzeit viele Abwanderungen von Mitarbeitern, die in den Einzelhandel oder in das Lebensmittel-Handwerk gewechselt sind. Die werden nicht mehr zurückgehen, weil sie sich jetzt auch an Arbeitszeiten gewöhnt haben, die sie so in der Gastronomie nicht finden. Da sehe ich negative Auswirkungen, die dauerhaft sind.
Herr Diener, Sie beklagen überbordende Reglementierungen – wo genau?
Diener: Die Vielzahl an Gesetzen und Verordnungen bremsen das Denken nach vorne aus, von dem der Mittelstand lebt. Wenn wir Perspektiven entwickeln, ist gleich eine Grenze da – ob nun naturschutzrechtlich oder gestalterisch oder bei Öffnungszeiten.
Alt: Bei der Corona-Pandemie ist das ähnlich: Wir sind natürlich gebunden an Vorgaben von Bund und Land. Aber warum kann man nicht regionale Öffnungsszenarien besprechen und versuchen, damit der regionalen Wirtschaft Lockerungen zu ermöglichen? Wir haben Abstands- und Hygieneregeln und inzwischen mit Schnelltests auch Möglichkeiten, andere Wege zu gehen, als auf eine Inzidenz von 35 zu warten.
Edwin Balzter ist Geschäftsführer der Mittelstands- und Wirtschaftsunion Fulda.
Herr Alt, da sprechen Sie einen interessanten Punkt an. Wären denn Stadt und Kreis bereit für ein regionales Öffnungsszenario? 
Alt: Wir sprechen laufend mit dem Oberbürgermeister und dem Landrat darüber. Aber Lockdown heißt Schließung. Das ist eine Bundesanweisung.
Aber man kann doch an Stellschrauben drehen. Es gibt den „Tübinger Weg“, den „Rostocker Weg“ – aber den „Fuldaer Weg“ mit zum Beispiel einer eigenen Teststrategie gibt es bisher nicht.
Alt: Es gibt hier zum Beispiel eine ja auch von der Fuldaer Zeitung unterstützte Initiative der Händler, die auf breiter Front auf Liefer- und Abholmöglichkeiten hinweisen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich gemeinsam mit Handel, Gastronomie und Hotellerie eine gemeinsame Öffnungsinitiative realisieren ließe, zum Beispiel durch eine Kombination aus Schnelltests und Hygieneregeln. Aber das müssen die überregionalen Regeln natürlich zulassen.

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Höhen und Tiefen erlebt MIT-Vorsitzender Jürgen Diener während der Corona-Pandemie.

MIT-Vorstände im Interview: Kann es ein regionales Öffnungszenario geben?

Bis es zu Massenschnelltests kommt, dürfte es noch etwas dauern. Wie sehen Sie das „Click and Meet“-Konzept, das nach dem Willen von Ministerpräsident Bouffier auch in Hessen Händlern erlaubt, wenigstens für einzelne Kunden zu einem vorher ausgemachten Termin zu öffnen?
Diener: Das bringt der Wirtschaft nicht die notwendigen Umsätze. Schauen Sie: Wir reden seit Wochen über die Luca-App und über Transponder. Wir stellen jedoch Datenschutz vor Gesundheitsschutz und verhindern somit die Lösungen. Und in der Konsequenz bleiben die Läden weiter zu. Es kann doch nicht sein, dass das so lange dauert und wir eine Corona-App haben, die nur teilweise wirksam ist, weil keine Verpflichtung besteht, dass wirklich positiv Getestete sich eintragen. Wir müssen lernen, intelligent mit Corona umzugehen. Insofern ist die Kombination aus Hygieneregeln, Testen und digitalem Erfassen von Bewegungen der richtige Weg. Außerdem brauchen wir eine flexiblere Gesetzgebung. Zu Beginn der Pandemie hat die MIT ein Moratorium gefordert, um die ganze Gesetzgebung auf den Prüfstand zu stellen, damit wir in Zukunft wieder Weltmarktführer werden können in verschiedenen Branchen. Das haben auch diverse CDU-Politiker gefordert, aber ich höre davon nichts mehr.
Wenn Sie mit ihren Forderungen nicht durchdringen, könnte man die MIT als zahnlosen Tiger bezeichnen.
Diener: Nein. Wir haben von Fulda aus intensiv auf die Politik in Berlin eingewirkt. Der Abgeordnete Michael Brand zum Beispiel hat die Anliegen und Ideen direkt zu Wirtschaftsminister Peter Altmaier und zu Helge Braun ins Kanzleramt gebracht. Wir positionieren uns zudem zu vielen Gesetzgebungen, zum Beispiel zum Lieferkettengesetz. Damit reglementieren wir unsere Unternehmen in noch nie dagewesener Weise. Dieses Gesetz ist für den Mittelstand nur schwer nachvollzieh- und umsetzbar, und es produziert Arbeitslosigkeit und Armut woanders auf der Welt.

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MIT-Schatzmeister Hans-Dieter Alt wünscht sich mehr Eigenverantwortung statt „staatlichen Dirigismus.
Herr Diener, Sie haben kürzlich vorgerechnet, dass Sie mit ihrem Unternehmen in der Pandemie jeden Tag 15.000 Euro verlieren. Wie geht es Ihnen dabei?
Diener: Ich bin 60 Jahre alt, mein Unternehmen ist 60 Jahre alt. Ich kenne nichts anderes. Im März vergangenen Jahres wurden wir gezwungen, den Betrieb runterzufahren in einer Art und Weise, die ich mir vorher nie vorstellen konnte. Wir waren zuvor Jahrzehnte auf Wachstumskurs unterwegs und haben investiert. Und jetzt schau ich vor lauter Langeweile zum Fenster raus. Ich erlebe Höhen und Tiefen in einer Größenordnung, die kann ich gar nicht ausdrücken. Wir haben einen riesigen Schaden erlitten. Sicherlich haben wir auch Hilfen erhalten, aber das ist alles langwierig. Wir mussten die Unterstützung in Form von Beihilfen wie ein Bittsteller beantragen, das war aus meiner Sicht nicht der richtige Weg. Die Hilfen hätten als Rechtsanspruch auf der Schadenersatz-Ebene definiert werden müssen, dann wäre alles viel einfacher zu regeln gewesen.

Video: Große Mehrheit für Lockerung des Corona-Lockdowns

MIT-Vorstände im Interview: „Ein Wir-Gefühl kann in einer Region viel bewirken“

Wie kann man in dieser Situation das Gefühl „Wir packen das!“ vermitteln?
Alt: Wir dürfen nicht nur reden, wir müssen handeln. Ich habe die Menschen in der Region zum Beispiel immer wieder aufgefordert, Essen in den Restaurants zu holen oder Geschenke vor Ort zu kaufen und nicht alles im Internet zu bestellen. Das rettet niemanden, wenn das Einzelne tun. Aber es ist ein Zeichen, dass man die Leute nicht alleine lässt. Ein Wir-Gefühl kann in einer Region viel bewirken. 
Sind Sie sich dabei der Unterstützung der Kommunen sicher?
Balzter: Unsere Kommunen haben ein positives Zeichen gesetzt: Sie haben ihre Investitionen nicht zurückgefahren. Davon profitiert die Wirtschaft. Das schafft Stabilität.
Alt: Wir haben in Fulda unser Investitionsvolumen in der Pandemie eher ausgeweitet. Wir haben im Haushalt 120 Millionen Euro für 2021 stehen, die wir ausgeben können. Das werden wir wahrscheinlich gar nicht schaffen, weil es administrativ nicht umzusetzen ist. Aber finanziell kann die Stadt Fulda das stemmen. Und wir haben zusammen mit dem Landkreis sofort das Klinikum gestützt. Wir hatten zwar in Fulda zeitweise mit die höchste Inzidenz in Deutschland, aber nie ein Problem mit der intensivmedizinischen Versorgung. Auch das spricht dafür, in der Pandemie mehr lokal zu organisieren als in Berlin.

Die Fragen stellten Sabrina Mehler, Michael Tillmann, Bernd Loskant und Haldun Tuncay. Der Autor ist Andreas Ungermann.

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