Radfahrer auf dem Oder-Neiße-Radweg
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Während die Corona-Pandemie für ein kräftiges Plus beim Verkauf von Fahrrädern gesorgt hat, hängt der Radtourismus in der Schwebe.

Pedelecs auf Überholspur

Fahrräder und E-Bikes gefragt wie nie - aber: Corona-Pandemie bremst Radreisen aus

  • Ann-Katrin Hahner
    vonAnn-Katrin Hahner
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Während die Corona-Pandemie für ein kräftiges Plus beim Verkauf von Fahrrädern gesorgt hat, hängt der Radtourismus in der Schwebe. Die große Nachfrage können Veranstalter ohne Übernachtungsmöglichkeit kaum bedienen.

Hessen - Die Corona-Pandemie hat in Deutschland im vergangenen Jahr für einen regelrechten Run auf Fahrräder und Pedelecs gesorgt. Die Branchenverbände ZIV (Industrie) und VDZ (Handel) berichteten zuletzt von einer Umsatzsteigerung um 60,9 Prozent auf 6,44 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr 2019. Vor allem E-Bikes haben es den Deutschen angetan: Nach den Erhebungen hatten von den verkauften 5,04 Millionen Rädern 1,95 Millionen einen E-Antrieb. Die sogenannten Pedelecs bildeten so mit fast 39 Prozent das größte Segment im Verkauf. Mittelfristig rechnet die Branche damit, dass jedes zweite neue Fahrrad einen Motor haben wird.

Bei solchen Zahlen könnte man vermuten, dass auch die Veranstalter, die sich auf Radreisen spezialisiert haben, von dem Trend profitierten. Dies ist allerdings nur bedingt der Fall. „Vor Corona hätte ich gesagt, dass sich der Trend zur Radreise fortsetzt. Bis 2019 hatten wir jährlich eine Steigerung an Buchungen von etwa 20 Prozent zu verzeichnen“, berichtet Marscha Büsing von Rückenwind Reisen. Das Oldenburger Unternehmen veranstaltet Radreisen innerhalb Deutschlands und Europas und bietet auch Reisen an der Fulda an. In den letzten Monaten müssen Büsing und ihre Kollegen jedoch vermehrt Reisen absagen. Insgesamt fiel die Zahl der Reisenden, die auf ihrer Radtour bis zu zwei Übernachtungen gebucht hatten, von 5,4 Millionen (2019) auf 3,5 Millionen (2020) ab. (Lesen Sie hier: Radbrücke „Rosenau“ in Fulda ist fast fertig - Arbeiten sollen bis Mai abgeschlossen sein).

Corona: Pandemie bremst Radreisen aus - Pedelecs auf der Überholspur

„Das Problem der Veranstalter ist, dass die Übernachtungen nicht erlaubt sind und damit mehrtägige Touren ins Wasser fallen“, erklärt Hartmut Reiße, Geschäftsführer vom Hessischen Tourismusverband. „Letztes Jahr hatten wir dank des Fahrradbooms noch eine gute Tourismus-Entwicklung in ländlichen Regionen, weil die Leute wenig Kontakte zu anderen gesucht haben und aufs Rad und auf Ferienwohnungen umgeschwenkt sind.“

Fit für die Radtour

André Jost, vom Eiterfelder Unternehmen Jost Auto, Zweirad und mehr, erklärt, worauf es ankommt, wenn man das Pedelec für eine Spritztour fitmachen möchte. „Höhere Geschwindigkeiten, aber auch größere Kilometerleistungen – ein E-Radler legt im Jahr 1000 bis 1500 Kilometer zurück – erhöhen den Verschleiß am Rad“, sagt der Fachmann. Deshalb sei es umso wichtiger geworden, die Fahrradkette von Sand und Schmutz zu befreien. „Das funktioniert sehr gut mit einem Lappen und zwei alten Zahnbürsten, mit denen man die Kette abreibt.“ Ein wenig Fahrradöl und den Reifendruck zu überprüfen reichen für eine erste Tour nach dem Winterschlaf laut Jost vollkommen aus. Um die Funktionalität des Rads zu überprüfen, empfiehlt Jost allerdings, einmal jährlich eine Vertragswerkstatt aufzusuchen. „Das ist von den Herstellern der E-Bikes auch so vorgesehen.“

In diesem Jahr sehe das Ganze aber anders aus. „Im Jahr 2020 konnten im Mai und Juni bereits wieder Übernachtungen angeboten werden. Da sind wir aktuell schon spät dran und mit dem Infektionsschutzgesetz weiß kein Mensch, wann die Urlaubssaison dieses Jahr überhaupt losgeht“, so Reiße. Campingplätze stellten keine Alternative dar, da auch für sie das Übernachtungsverbot – ausgenommen Dauercamper – gelte.

Video: So groß ist der Fahrradboom in Deutschland wirklich

Norbert Sanden, Geschäftsführer des ADFC Hessen bestätigt: „Die derzeitige Lage ist desaströs für die Unternehmen. Gerade weil Radtouren und ADFC-Projekte wie Bett+Bike von vielen kleineren Hotels, von Pensionen und Jugendherbergen leben. In ländlichen Regionen ist das ein großer Wirtschaftsfaktor.“

Dass die Menschen Gefallen am Radtourismus gefunden haben, steht außer Frage. Die jüngste Radreiseanalyse des ADFC lieferte dazu ein deutliches Ergebnis: 18 Prozent mehr Menschen als im vergangenen Jahr möchten eine Radreise unternehmen. Sollte es allerdings nicht zu entsprechenden Lockerungen kommen, müssen die Radbegeisterten wohl eher auf Kurz- oder Tagestouren umschwenken. Um diese zu planen, verweist Sanden auf die Radfernwege, aber auch der Tourenplaner des ADFC böte einen guten Anhaltspunkt.

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