Auch ohne eine Pandemie ist der Start in eine Beziehung gar nicht so einfach.
+
Auch ohne eine Pandemie ist der Start in eine Beziehung gar nicht so einfach.

Kennenlernen hat sich verändert

Chance oder Belastung in der Krise? Psychologin Christine Backhaus über Beziehungsstarts in Zeiten von Corona

  • Ann-Katrin Hahner
    vonAnn-Katrin Hahner
    schließen

Auch ohne eine Pandemie ist der Start in eine Beziehung gar nicht so einfach. Diplom-Psychologin Christine Backhaus (57) erklärt, wie sich das Kennenlernen durch Corona verändert hat.  

Frankfurt - Psychologin Christine Backhaus spricht im Interview mit der Fuldaer Zeitung über Beziehungsstarts in Zeiten von Corona.

Frau Backhaus, wie ist die Situation von Singles in der Corona-Pandemie einzuschätzen?
Pauschal kann man das natürlich nicht sagen, aber es gibt viele Singles, die vor Corona nicht auf Partnersuche waren, die jetzt aber feststellen, dass ein Partner an der Seite in einer Krise mit solchen existenziellen Bedrohungen vielleicht doch schön wäre. Sie reflektieren ihr Partnerschaftsbedürfnis noch mal neu, denn die Vorzüge ihres Single-Lebens, wie beispielsweise abends ganz ungebunden auszugehen, sind durch die Pandemie praktisch auf Null heruntergefahren. Bei vielen Menschen sind das Feiern und Tanzen gehen wunderschöne Strategien, um gar nicht spüren zu müssen, dass man vielleicht doch jemanden braucht. Durch Corona sind diese Kompensationstrategien jedoch weggefallen, und das hat einige Menschen in ein Loch gestürzt, weil sie plötzlich ganz allein mit sich und ihren Bedürfnissen waren.

Corona: Psychologin Christine Backhaus über Beziehungsstarts in der Krise

Wie beeinflusst Corona das Dating?
Einige Singles gehen jetzt ernsthafter an die Sache heran, und Online-Dating und Partnervermittlungen verzeichnen viele Neuanmeldungen – auch von Leuten, die dem Ganzen früher skeptisch gegenüberstanden. Von Menschen, die viel im Online-Dating unterwegs sind, habe ich mitbekommen, dass sie sich jetzt intensiver mit den Profilen der anderen Nutzer beschäftigen und weniger oberflächlich an die Sache herangehen. Die Kommunikation mit dem Gesprächspartner dauert länger an und geht über das erste Hoch, was man am Anfang empfindet, hinaus. Für andere sind Online-Portale aber auch nur eine Möglichkeit, einmal kurz in Kontakt zu kommen – ähnlich wie ein Hallo oder Lächeln beim Bäcker. (Lesen Sie hier: Corona und Übergewicht - Das raten Experten aus Fulda)
Wie wirken sich die Treffen unter Corona-Bedingungen auf die sich anbahnende Beziehung aus?
Manche Leute treffen sich an der frischen Luft. Oft ist natürlich die Maske mit dabei. Und da ist die Kommunikation eine ganz andere. Man sieht nur die Augen des anderen, und da ist es manchmal schwierig, das Gesagte zu deuten. Hinzu kommt, dass man bei Spaziergängen eher parallel läuft, statt einander gegenüber zu sein. Insgesamt findet alles deutlich eingeschränkter statt, als wenn ich mich unter normalen Umständen treffe. Der Realitätscheck, bei dem ich herausfinde, ob mir der Mensch auch in Wirklichkeit gefällt, bleibt so etwas auf der Strecke.
Diplom-Psychologin Christine Backhaus.
Wie gelingt es, trotz Distanz Nähe aufzubauen?
Es ist wichtig, sich zu offenbaren und etwas von sich zu zeigen. Also nicht das klassische Single-Pokerface aufzusetzen, mit dem man signalisieren will ‚Bei mir ist alles toll, ich habe mein Leben im Griff‘. Man kann ruhig mal sagen, wo es einem schwer fällt und auch, dass man sich gerade einsam fühlt. Corona kann da durchaus eine Chance für Begegnung und echte Bindung sein. Durch die Pandemie sollte man sich beim Aufbau der Beziehung zwar in Geduld üben, aber irgendwann sollte man sich auf jeden Fall einmal persönlich treffen, denn ansonsten ist es unnatürlich und eine Art Laborsituation für beide. So kann man dann feststellen, ob man nicht nur schriftlich übereinstimmt, sondern auch in der Realität.
Gehen die Leute in der Corona-Krise denn bereitwilliger eine Beziehung ein, oder sind sie zögerlicher?
Meiner Einschätzung nach ist das Gros achtsamer mit sich und eben auch vorsichtiger, was eine sich anbahnende Beziehung betrifft. Es gibt aber auch die, die jetzt im Lockdown direkt zusammengezogen sind, und praktisch symbiotisch in den letzten Monaten zusammen gelebt haben. Bei diesen Paaren hat sich recht schnell die Frage gestellt, wie die Beziehung nach dem Lockdown aussieht und ob sie dann noch weiter bestehen wird.
Sind diese Beziehungen denn besonders gefestigt? Immerhin kamen sie ja in einer schweren Zeit zustande.
Nicht unbedingt, denn das Zusammenleben in Zeiten der Pandemie hat ja nicht viel mit unserem normalen Alltag zu tun. Allerdings hat diese Art von Paaren zumindest bewiesen, dass sie sehr viel Nähe auf engstem Raum aushalten können. Das fällt den meisten Paaren zu Beginn einer Beziehung aber ohnehin nicht schwer, da noch alles neu und aufregend ist. Eine Beziehung wird sich daran messen lassen müssen, wie sie funktioniert, wenn Corona einmal vorbei ist.

Christine Backhaus

Christine Backhaus ist seit mehr als 20 Jahren Diplom-Psychologin und als Beziehungs-Coach in Frankfurt tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Individualberatung für Singles mit Beziehungswunsch. Dazu bietet sie unter anderem Single-Coaching für Dating und Online-Dating sowie Beratung bei Bindungs- und Beziehungsangst an.

Kann eine Beziehung denn förderlich sein, um durch die Corona-Krise zu kommen?
Absolut. Wenn die Beziehung so läuft, wie ich sie mir vorstelle, dann kann sie mir über diese fordernde Zeit jetzt hinweghelfen. Schwierig wird es nur, wenn ein Ungleichgewicht besteht. Also einer der beiden Partner beispielsweise mehr Kontakt will als der andere. In solchen Fällen kann eine Beziehung zu einer zusätzlichen Belastung in der Krise werden. Und nicht wenige hängen aktuell in unglücklichen Beziehungen fest, weil sie genau wissen, dass in der jetzigen Situation auch nicht gerade an jeder Ecke ein neuer Partner auf sie wartet.
Was raten Sie Menschen, die sich aktuell auf Partnersuche befinden?
Wenn ich ein gutes Gefühl bei jemandem habe, sollte ich klare Signale aussenden, dem Ganzen wegen der besonderen Situation aber auch mehr Zeit geben. Für ein gutes Gespräch sollte man immer dankbar sein. Man kann dem anderen zeigen, dass man an ihn denkt, indem man eine nette SMS oder WhatsApp-Nachricht verschickt. Das ist förderlich, denn Partnerschaft braucht ja gerade am Anfang viel Beziehungsaufbau.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema