Weil die Restaurants geschlossen sind, fallen die traditionellen Gänseessen aus. Wird deswegen weniger geschlachtet?
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Weil die Restaurants geschlossen sind, fallen die traditionellen Gänseessen aus. Wird deswegen weniger geschlachtet?

Gänseessen fallen aus

Restaurants im Lockdown geschlossen: Rettet Corona den Gänsen das Leben?

  • Norman Zellmer
    vonNorman Zellmer
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  • Marius Scherf
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Eine knusprige Gans mit Rotkohl und Klößen – für viele Menschen gehört das zum Martinstag. Doch das Traditionsessen wird in den Restaurants durch den Corona-Lockdown ausfallen – zumindest im November. Was passiert mit den rund zehn Millionen Tieren, die die Deutschen jährlich verspeisen?

Fulda - Alexandra Bleuel vom gleichnamigen Geflügelhof in Hofbieber bezweifelt, dass Corona den Gänsen, die nicht verspeist werden, auch das Leben rettet. Sie berichtet zwar von einer gesunkenen Nachfrage bei Gastronomen. Doch diese seien auch nicht ihre Hauptkunden.

Restaurants im Lockdown geschlossen: Rettet Corona den Gänsen das Leben?

Weil das Unternehmen vorwiegend über den eigenen Hofladen und auf Frankfurter Wochenmärkten direkt an Endverbraucher verkauft, hat die Schließung der Lokale und Gaststätten auf sie keine direkte Auswirkung.  Für den Advent ist die 53-Jährige „guter Dinge“. In den Vorjahren habe sie zwei, drei Wochen vor Weihnachten keine Bestellungen mehr annehmen können, weil sie ausverkauft gewesen sei.

Bisher sei es noch nie so gewesen, dass sie ihre Gänse nicht los wurde – 2000 Tiere schnattern seit Juni auf den Wiesen in und um Hofbieber. Traditionell werden ab dem Martinstag die Gänse geschlachtet, die zuvor sechs bis neun Monate gemästet wurden, bis sie vier bis fünf Kilo wiegen.

Video: Weihnachtsgans: Das Geheimnis des guten Gänsebratens

Es gibt nur wenige Geflügelzüchter in Fulda und Umgebung, und die verkaufen vor allem an private Kunden oder den Einzelhandel. So auch Fabian Link vom Bio-Hof Link in Langenschwarz. Seine 1600 Tiere sind bereits jetzt zu 90 Prozent vorbestellt. Auch nicht verkaufte Gänse werden geschlachtet, denn: „Gänse sind in den Futterkosten unheimlich teuer.” 

Deshalb hätten auch in konventionellen Betrieben die Tiere in diesem Herbst keine besseren Überlebenschancen als sonst. „Die Betriebe werden ihre Gänse schlachten und einfrieren“, erläutert Link. Da wegen des Teil-Lockdowns nun viele Gänseessen in Restaurants ausfallen, rechnet Link damit, dass im kommenden Jahr der Gänsebraten „zu Schleuderpreisen“ zu haben ist. Es werde zu einem „Gänsestau“ kommen. 

Viele Gastronomen beziehen ihre Gänse von Großbetrieben, denn viele „zahlen nicht die Preise, die ökologisch wirtschaftende Betriebe benötigen“, erläutert Fabian Link. Angeblich seien die Gäste nicht bereit, die dann höheren Preise zu zahlen. 

„Die Gäste achten schon auf den Preis“, bestätigt Stephan Plagemann vom Weikardshof in Ebersburg-Weyhers. Die meisten seiner Gänse stammen daher aus Polen – und diese wurden bereits im Frühherbst geschlachtet. Wie viele andere Gastronomen bietet er in diesem Jahr „Gänse to go“ an – Klöße und Rotkohl inklusive. Klar ist für Plagemann, dass es dieses Jahr nicht so gut laufen wird wie sonst.

Auch Claus Kramer, Küchenchef beim Landgasthof Druschel in Schlüchtern, ist froh, wenn er dieses Jahr seine Gänse, die er im Außerhaus-Verkauf anbietet, los wird. „In normalen Zeiten werden 220 Gänse bei uns verbraten, dieses Jahr wären 150 schon super.“ Er sei aber bei der Abnahme der Gänse von seinem regionalen Zulieferer flexibel, muss also keine bestimmte Anzahl kaufen. 

Gastronom Volker Nüdling aus Hofbieber hatte eigentlich am ersten November-Wochenende eines von zwei großen Gänseessen in seiner Kiesbergquelle geplant. Kürzlich verteilte er noch 2000 Flyer für das Event. Normalerweise kommen die Gäste auch von weiter her. „Eine Seniorengruppe aus dem Rheinland kam seit drei Jahren“, sagt er.

Gänseessen zum Mitnehmen ist für Nüdling keine Alternative, wenngleich er Außer-Haus-Essen anbietet. Es lohne sich kaum, die großen Öfen laufen zu lassen, wenn nur vereinzelt Kunden eine Gans außer Haus bestellen, sagt er. Der Gastronom hofft nun, dass es im Dezember wieder Lockerungen gibt, sodass er das geplante zweite Gänseessen anbieten kann. Trotz der unsicheren Lage gebe es bereits jetzt Reservierungen

Michael Horstmann vom Gersfelder Hof in Gersfeld weist darauf hin, dass durch das „Gans to go“-Angebot „die Küche im Lockdown etwas mehr ausgelastet ist“. Das sei in der jetzigen Situation nicht zu unterschätzen. Er bietet nicht nur einen Abholservice, sondern auch Lieferservice. 

Die Lust auf Gans ist den Osthessen nicht vergangen, auch wenn die Restaurants zu sind. So landen die Vögel eben verstärkt im heimischen Ofen. Darauf deuten die Verkaufszahlen der Supermärkte hin. „In den vergangenen Jahren war der Verkauf von Martinsgänsen rückläufig“, sagt Christin Leuthner, Bereichsleiter im Einkauf Fleisch und Wurstwaren bei Tegut. Nun stiegen die Verkäufe, welche zu 80 Prozent aus Vorbestellungen bestehen, Corona-bedingt sogar um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr an. 

Auch bei Edeka Hahner in Künzell sieht man die Lage entspannt. Viele Kunden hätten ihre Gänse bereits vorbestellt, sagt Chef Dieter Hahner. 300 bis 400 Gänse werde man verkaufen. „Ich sehe bei uns im Handel nicht das Problem“, meint er. „Die heimische Küche wird genauso stattfinden wie sonst auch.“

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