Politiker schlagen vor, den Schulunterricht verstärkt nach draußen zu verlagern. (Symbolfoto)
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Politiker schlagen vor, den Schulunterricht verstärkt nach draußen zu verlagern. (Symbolfoto)

Grünes Klassenzimmer

Mehr Unterricht im Freien wegen Corona? Schulleiter in Fulda reagieren auf Politiker-Vorschlag

  • Manfred Schermer
    vonManfred Schermer
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Unterricht im Freien wird in Corona-Zeiten als mögliche Alternative zum Klassenraum diskutiert. Ist das sinnvoll? Wir haben in der Region Fulda nachgefragt.

Fulda - Mehrere Politiker haben sich wegen des Corona-Infektionsrisikos in Klassenräumen für mehr Unterricht unter freiem Himmel ausgesprochen. „Unterricht im Freien oder die weitere Reduzierung der Lerngruppengrößen sind zu durchdenken, bevor Schulen geschlossen werden“, sagte der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marcus Weinberg, der Bild-Zeitung. Auch die FDP-Politikerin Katja Suding, Bärbel Bas von der SPD sowie der Grünen-Abgeordnete Janosch Dahmen warben dafür.

Der Deutsche Lehrerverband hat die Vorschläge für mehr Unterricht im Freien zurückgewiesen. „Wer tatsächlich meint, man könne Schulen auch bei hohen Inzidenzen weiter offen halten, indem man den Unterricht ins Freie verlagert, hat vom Schulbetrieb und seinen Rahmenbedingungen und organisatorischen Herausforderungen wenig Ahnung, um nicht zu sagen keinen blassen Dunst“, sagte Präsident Heinz-Peter Meidinger der Deutschen Presse-Agentur. (Mit dem Corona-Ticker für Fulda bleiben Sie auf dem Laufenden.)

Corona: Politiker fordern mehr Unterricht im Freien - Schulleiter reagieren

Meidinger sprach von Raumproblemen. Die meisten Pausenhöfe böten bei den geltenden Corona-Abstandsregeln höchstens Platz für ein Drittel der Schüler. Zudem gebe es fast nirgends eine Überdachung. Bei Aprilwetter müssten jede Stunde Hunderte Stühle und Tische rein- und rausgetragen werden. Außerdem müsse dann auf die Nutzung moderner Medien und Digitaltechnik verzichtet werden. Eine Übertragung an Schüler zuhause sei damit ausgeschlossen. Wie sehen das Verantwortliche in der Region Fulda?

Dr. Lothar Jordan, Vorstand Bildungsunternehmen Dr. Jordan: „Unter freiem Himmel zu lernen, löst das Covid-Innenraum-Problem und die frische Luft regt ohne Zweifel Denkprozesse an. Nachteile sehe ich daher überhaupt nicht, nur Einschränkungen. Wir leben hier unter Wetterbedingungen, die dies nur sporadisch zulassen. Unser Spiel- und Freiplatz ist zwar groß, aber mehr als sieben Klassen können das ‚Draußen-Lernen-Privileg‘ nicht genießen. Ich sehe aber im Gegensatz zu einigen Kollegen nicht einen relevanten Grund, Unterricht im Freien zu untersagen. Der Deutsche Lehrerverband hält dies zwar als Alternative zu Schulschließungen ‚für Unsinn‘. Ich gehe es pragmatischer an und finde ‚organisatorische Herausforderungen‘ als eine kleine, schnell lösbare Aufgabe. Der Frühling ist für Schüler und Lehrkräfte wunderbar geeignet, dem lethargischen Pandemie-Zustand etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen!“

Bianka Roth, Kommissarische Schulleiterin der Von-Galen-Schule in Eichenzell: „Auf den ersten Blick sieht Unterricht im Freien wie eine tolle Idee aus. Aber die Sache hat ein paar Haken. Obwohl unsere Schule einen großen Kunstrasenplatz und ein schönes ‚grünes Klassenzimmer‘ hat, können natürlich nicht alle im Freien unterrichtet werden. In etlichen Fächern benötigt man außerdem eine Tafel oder einen Beamer. Zudem müssten Stühle mitgenommen werden. Und dann ist da noch das Wetter: Das kalte und regnerische Frühjahr hätte bislang jede Planbarkeit zunichtegemacht. Als Ergänzung mag Unterricht im Freien interessant sein, als Alternative zu Testen, Lüften und Maske aber nicht.“

Dr. Ulf Brüdigam, Schulleiter der Freiherr-vom-Stein-Schule in Fulda: „Unterricht im Freien gibt es bei uns längst: Unsere Bläserklasse und die Young Band haben draußen gelernt und geprobt – und das sogar im Januar und Februar. Aber man muss so etwas natürlich anlassbezogen machen. In Biologie oder Mathematik wird das mit einigen Elementen möglich sein, ich glaube aber nicht, dass wir den Unterricht massenweise nach draußen verlegen können. Das wäre auch viel zu sehr vom Wetter abhängig.“

Video: Kaum Corona-Infektionsrisiko - Politiker fordern Schulunterricht im Freien

Annette Albrecht, Schulleiterin der Winfriedschule Fulda: „Unterricht im Freien ist für uns keine Option, da unser Schulgelände zu klein dafür ist. Doch selbst wenn dies anders wäre: Für alle Schülerinnen und Schüler wäre es kaum umsetzbar. Und im Wechselunterricht sind die Abstände in den Klassenräumen groß genug. Es gäbe dann also gar keine Notwendigkeit, ins Freie zu gehen.“

Matthias Höhl, Schulleiter der Rabanus-Maurus-Schule Fulda: „Unterricht im Freien gehört zur geübten Praxis an der Rabanus-Maurus-Schule und wurde bereits lange vor der Pandemie genutzt. Wir haben dafür auch geeignete Lernorte wie unser ‚Amphitheater‘, in dem seit mehr als zehn Jahren Unterrichtsstunden und Projekte durchgeführt werden. Auch unsere ‚Erdzeitspirale‘ wird in den Naturwissenschaften oder Erdkunde sehr oft genutzt. Während der Corona-Pandemie wurde bei uns sehr intensiv im Freien unterrichtet – so lange es das Wetter zuließ und die Schule noch offen war. Aber das funktioniert natürlich nicht in allen Fächern und mit jeder Stunde. Im Chemieunterricht zum Beispiel lassen sich die notwendigen Versuche nicht im Freien durchführen.“

Harald Persch, Stellvertretender Leiter des Staatlichen Schulamts für den Landkreis Fulda: „Ohne Frage ist die Aerosolbelastung im Freien geringer. Auch gibt es keine rechtliche Regelung, die Unterricht im Klassenraum vorschreiben würde. Als Problem sehe ich hier allerdings die Umsetzbarkeit, wir sprechen hier immerhin von etwa 27.000 Schülerinnen und Schülern im Schulamtsbezirk Fulda. Diese benötigen die verschiedensten Unterrichtsmaterialien. Entsprechender Platz im Außenbereich muss ebenso vorhanden sein. Bei einem durchgängigen Unterrichtstag im Freien stellt sich auch die Frage, worauf die Schüler sitzen sollen. Wenn also eine Schule zu dem Schluss kommt, einzelne Unterrichtseinheiten außerhalb des Klassenraums durchzuführen, kann sie dies in eigener Zuständigkeit so machen, dies ist allerdings nicht neu, sondern seit vielen Jahren gängige Praxis.“

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