Treffen von Selbsthilfegruppen fallen derzeit wegen Corona aus. Die Stühle bleiben deshalb leer.
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Treffen von Selbsthilfegruppen fallen derzeit wegen Corona aus. (Symbolfoto)

Treffen fallen wegen Corona aus

Selbsthilfegruppen müssen andere Formen des Kontakts finden

  • Hanna Wiehe
    vonHanna Wiehe
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Regelmäßige Treffen sind bei Selbsthilfegruppen Usus – zumindest war das bis Februar so. Seit den Corona-bedingten Beschränkungen mussten die Gruppen andere Wege finden, um mit ihren Mitgliedern und mit Interessierten in Kontakt zu stehen.

Region - Etwa 30 bis 40 Menschen kommen stets zu den einmal monatlich stattfindenden Treffen der Selbsthilfe Niere Osthessen. Der gemeinnützige Patientenverein berät und unterstützt Nierenkranke. Doch mit Corona liegen diese Treffen verständlicherweise auf Eis. „Wir gehören ja zu einer großen Risikogruppe“, betont der Vorsitzende Otto Gemming.

Er bedauert die abgesagten Treffen und Veranstaltungen, doch der Verein versuche, auf verschiedenen Wegen weiterhin den Kontakt zu seinen Mitgliedern zu halten – zum Beispiel durch Rundschreiben mit Informationen für Nierenkranke, E-Mails und Telefonate. Ein Patientenbegleiter gibt weiterhin in sozialen und rechtlichen Fragen Auskunft. „Wir möchten den Betroffenen das Gefühl geben, dass sie nicht alleine gelassen werden“, betont Gemming.

Persönlicher Kontakt fehlt

Der persönliche Kontakt sei vollkommen weggebrochen. „Noch im Februar gab es Anfragen vom Klinikum“ , wie er berichtet. Auch dort waren Vereinsmitglieder regelmäßig und berieten Neupatienten. „Gespräche, die wir dort haben, sind viel persönlicher als jene, die die Ärzte führen können“, erläutert der Vorsitzende. Das gelte auch für die Präsenz von Vereinsvertretern an Infoständen in der Stadt. „Dort hatten wir immer viel Zulauf und haben zum Beispiel Menschen beraten, die noch beim Hausarzt in Behandlung sind und die noch keine Dialyse benötigen“, sagt Gemming. Auch in Schulen waren die Mitglieder präsent, informierten zum Beispiel über das Thema Organspende.

Welche große Rolle der persönliche Kontakt in einer Selbsthilfegruppe spielt, das weiß auch Michael Möller, Leiter des Selbsthilfebüros Osthessen. „Die Hälfte meiner Arbeit war bislang geprägt von persönlichen Treffen – das ist nun völlig anders“, schildert er, der inzwischen auch im Homeoffice arbeitet.

Die Karwoche war ein Wendepunkt

Ruft nun jemand an, der sich zum Beispiel nach einer bestimmten Gruppe erkundigt, kann Möller zwar Auskunft geben – doch wann sich die Mitglieder wieder treffen, ist offen. „Wir werden den Gruppen zwar zu gegebener Zeit eine Empfehlung geben, aber die richtet sich natürlich danach, was die Behörden sagen“, betont er. Das gelte auch trotz der jetzt beschlossenen Lockerungen: „Viele Selbsthilfegruppen-Mitglieder gehören zu einer Risikogruppe“, betont Möller.

Die Karwoche sei ein Wendepunkt für viele Menschen gewesen, hat er gemerkt: „Drei bis vier Wochen ohne ein Treffen der Gruppe, das haben die Menschen ausgehalten. Doch jetzt wird es schwierig.“ Das gelte besonders für Menschen, die unter psychischen Erkrankungen oder an einer Sucht leiden. Gerade für letztere sei eine Struktur enorm wichtig, zum Beispiel durch regelmäßige Treffen in einer Selbsthilfegruppe. „Ich sehe hier die Gefahr, dass diese Menschen wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen“, warnt er.

Virtueller Stammtisch per Videokonferenz

Möller hält festen Kontakt zu den Selbsthilfegruppen im Landkreis – unter anderem mit einem virtuellen Stammtisch per Videokonferenz, an dem jeder Interessierte teilnehmen kann. Doch er hat auch viele Menschen am Telefon, die wissen möchten, wann sich eine bestimmte Gruppe zum nächsten Mal trifft. Beantworten kann er das nicht, den Anrufern aber zumindest kurzfristig helfen: „Wenn ich merke, dass eine Person akut Hilfe braucht, verweise ich sie an eine Krisenhotline, an die Telefonseelsorge oder an eine Einrichtung, die telefonische Beratungen macht.“

Manche Selbsthilfegruppen behelfen sich nach seinen Angaben mit Video- oder Telefonkonferenzen über die kontaktbeschränkte Zeit. So macht es zum Beispiel die Gruppe „CoDA Fulda – Anonyme Coabhängige Fulda“, deren Mitglieder nach außen hin anonym bleiben möchten. Dort treffen sich Menschen, deren Beziehungen oft konfliktreich sind – zum Beispiel, weil ein Angehöriger an einer psychischen Erkrankung leidet. „Wir sind eine relativ kleine Gruppe von Leuten, die lernt, Verantwortung für sich selbst in allen Formen von Beziehungen mit anderen zu übernehmen“, berichtet die Gruppenleiterin.

Positive Bilanz nach telefonischer Konferenz

Gleich nach dem Lock-Down hätten die Mitglieder beschlossen, das Treffen über eine telefonische Konferenzschaltung weiterlaufen zu lassen. „Bei der ersten Konferenz-Schaltung waren wir alle ziemlich nervös, ob wir uns einwählen können, und alles wie geplant funktionieren würde“, erzählt die Gruppenleiterin und bilanziert: „Es war aber wirklich einfach und alles hat super geklappt. Und auch die Bedenken, dass unser Meeting sich übers Telefon vielleicht unpersönlich oder befremdlich anfühlen könnte, waren gleich nach dem ersten Mal zerstreut.“ Allein die Stimmen der anderen zu hören, habe gut getan und Vertrautheit geschaffen.

Wie der Selbsthilfebüro-Leiter betont, sei diese Form der Kommunikation aber gerade bei Gruppen, deren Mitglieder im Rentenalter seien, oft nicht üblich. „Man kann digital derzeit viel machen. Doch die Gefahr ist da, dass einige wenige, die kein Smartphone besitzen oder dies nicht möchten, nicht mehr erreicht werden können. Die Gruppe sollte aber immer schauen, den Kontakt zu allen Mitgliedern zu halten.“

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