Statistikerin Katharina Schüller kritisiert die Fokussierung auf die Inzidenz in der Corona-Pandemie.
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Statistikerin Katharina Schüller kritisiert die Fokussierung auf die Inzidenz in der Corona-Pandemie.

„Inzidenz nur schwer vergleichbar“

Expertin Katharina Schüller kritisiert Corona-Statistik - „Daten dürfen nicht politisch missbraucht werden“

  • Daniel Krenzer
    vonDaniel Krenzer
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Täglich schweift der Blick über die Zahlen zur Corona-Pandemie. Wie aussagekräftig Werte wie die Inzidenz sind und welche Daten für einen besseren Überblick über die Lage nötig wären, darüber haben wir uns mit der Münchner Diplom-Statistikerin Katharina Schüller (44) unterhalten.

Fulda/München - Katharina Schüller hat in Dresden und München Psychologie und Statistik studiert sowie ein Management-Studium an der Bayerischen Elite-Akademie absolviert. Seit 2003 ist sie als Gründerin Geschäftsführerin von STAT-UP, ein Anbieter für Unternehmensberatung bei Fragestellungen rund um Statistik und Daten.

Durch die Pandemie gibt es in Deutschland eine starke Zahlenfixiertheit. Freut Sie dieses Interesse an Statistik – oder gibt es da auch negative Seiten?
Es ist gut, dass der Wert von Statistik für große Fragestellungen mittlerweile erkannt wird. Zu Beginn der Corona-Pandemie war das noch nicht so, inzwischen werden aber Statistiker wie Virologen regelmäßig in Beratungen mit einbezogen. Offenbar ist in den Köpfen angekommen, dass Statistik nicht nur aus ein paar Excel-Tabellen besteht, sondern dass sich aus Daten wertvolle Erkenntnisse ziehen lassen. Ein wenig nervt es allerdings, wenn man immer wieder Leuten, die mal schnell „etwas selbst ausgerechnet“ haben, erklären muss, warum die Statistiker auf andere Werte kommen.

Expertin Katharina Schüller kritisiert Corona-Statistik - „Daten dürfen nicht politisch missbraucht werden“

In Deutschland hat sich die Inzidenz zum Maß aller Entscheidungen gemausert. Sie sagen, dass dieser Wert dazu gar nicht uneingeschränkt geeignet ist. Woran machen Sie das fest?
Sie ist abhängig von der Anzahl der Tests und der jeweiligen Teststrategie und ist somit nur schwer vergleichbar. Zudem misst sie das, was sie messen soll, nicht einmal richtig – von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. Denn Meldeverzüge werden bei der Berechnung nicht berücksichtigt. Für den R-Wert schätzt das Robert Koch-Institut die noch nicht gemeldeten Infektionen, bei der Inzidenz bleibt das aber aus.
Ist die Inzidenz dann ein Kompromiss? Also ein halbwegs brauchbarer Wert zur Bewertung der regionalen Lage, der sich der Bevölkerung aber zumindest inhaltlich recht gut vermitteln lässt?
Das sind für mich zwei Paar Stiefel. Meiner Ansicht nach sollten sich politische Entscheidungen auf möglichst aussagekräftige Daten stützen. Wie diese dann vermittelt werden, ist eine ganz andere Sache. Die Inzidenz ist ja quasi der Tacho in der Pandemie, der anzeigt, ob auf das Gas oder die Bremse getreten werden soll. Bloß ist dieser Tacho ziemlich ungenau. (Bleiben Sie mit dem Corona-News-Ticker für Hessen auf dem Laufenden.)
Was wäre die bessere Alternative?
Kein Wert alleine ist perfekt. In manchen Ländern wird ein Risk-of-outbreak-Wert berechnet. Dabei werden nicht nur die absoluten Fallzahlen, sondern zudem die Dynamik berücksichtigt. Es fließt also zusätzlich ein, an welcher Stelle einer exponentiellen Entwicklung man sich befindet. Das ermöglicht eine Risikoabwägung und Prognose, wie sich die Fallzahlen in den kommenden Tagen und Wochen entwickeln könnten.
Und die Inzidenzen sind dann für die Tonne?
Das nicht, aber es wäre sinnvoller, mit gewichteten Inzidenzen zu arbeiten, die Faktoren wie Erkrankte nach Altersgruppen oder den Schweregrad der Infektionsverläufe berücksichtigen.

Statistikerin Katharina Schüller: Kein Wert alleine ist in der Corona-Pandemie perfekt

Zur Person

Diplom-Statistikerin Katharina Schüller hat mehr als 17 Jahre Erfahrung im Bereich Advanced Analytics, Big Data und Künstliche Intelligenz sowie umfangreiche Projekterfahrung in zahlreichen Branchen gesammelt. In der Pandemie hat sie den Weg an die Öffentlichkeit gesucht, um auf das große Potential von Daten hinzuweisen, mit denen sich das Infektionsgeschehen besser verstehen und vorhersagen lässt.

Fallzahlen werden von den Kreisen gemeldet. Andere Daten zu den Patienten, die hilfreich sein könnten – wie Beruf, Wohnviertel, sozialer Hintergrund – werden vielerorts aber nicht erfasst. Was sollte sich da bis zur nächsten Pandemie ändern?
Nicht nur für die nächste Pandemie, das ist eine ganz grundsätzliche Frage: Welche Daten wollen wir erheben und wer soll dafür zuständig sein? Aus Daten können so viele wichtige Erkenntnisse gezogen werden, wir sollten sie generell viel gewissenhafter und umfassender erheben. In einer Pandemie interessieren mich unter anderem Daten zur Mobilität, die Positivquote der Tests oder die Virenkonzentration im Abwasser – ein Wert, der ohne Störfaktoren viel über die aktuelle Verbreitung von Infektionen aussagen könnte.
Ist der Datenschützer dann der natürliche Feind des Statistikers?
Nein, denn es lässt sich auch mit anonymisierten Daten viel machen. Der Datenschutz wird nur oft und gerne als Ausrede genutzt, um den Wunsch nach einer besseren Datenerfassung zurückzuweisen. Allerdings ist aus meiner Sicht die Frage wichtig, wer die Daten zur Verfügung gestellt bekommt. So bin ich mir nicht sicher, ob es so gut war, dass RKI und DIVI dermaßen früh ihre zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich gut aufgearbeiteten Daten öffentlich zur Verfügung gestellt haben. Open Data ist nicht überall die große Lösung für alles. Wenn Laien mit Zahlen hantieren, kann es schnell zu Fehlinterpretationen kommen. (Lesen Sie hier: Hitziger Streit um Intensivbetten-Statistik in Deutschland)

Video: Corona-Lage in Deutschland - RKI-Lagebericht vom 25. Mai

Dass zum Beispiel Migranten überdurchschnittlich oft vom Virus betroffen sind, wurde erst sehr spät und sehr zaghaft thematisiert. Ist bei solch sensiblen persönlichen Daten die Gefahr eines Missbrauchs nicht groß?
Dies ist ein typisches Beispiel für eine Scheinkorrelation. Nicht weil ein Mensch Migrant ist, liegt er mit dem Virus im Krankenhaus. Sondern weil überdurchschnittlich viele Migranten in bestimmten, die Virusverbreitung fördernden Verhältnissen leben, haben sie eine höhere Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Solche Erkenntnisse sind extrem wichtig, um Hotspots entgegenzuwirken. Aber Daten dürfen natürlich nicht politisch missbraucht werden, zum Beispiel um Vorbehalte gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen zu schüren. Deshalb bin ich der Meinung, dass Daten und deren Auswertung in die Hände von Experten gehören, bei denen die neutral aufbereiteten Daten im Vordergrund stehen und keine politischen Botschaften.

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