Während der Corona-Pandemie melden sich immer mehr Menschen in Hessen bei der Telefonseelsorge. (Symbolbild)
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Während der Corona-Pandemie melden sich immer mehr Menschen in Hessen bei der Telefonseelsorge. (Symbolbild)

Höhere Nachfrage

Corona lässt Sorgen-Telefone klingeln: Diese zwei Themen bereiten besonders viel Kummer

Wo Kontakte pandemiebedingt nur eingeschränkt möglich, die Sorgen aber groß sind, gewinnen kontaktlose Beratungsangebote an Bedeutung. So bemerken Telefonseelsorger in Hessen eine höhere Nachfrage. Ihr Rat ist insbesondere bei diesen zwei Themen gefragt.

Frankfurt/Fulda - Dunkle Gedanken, Ängste und Einsamkeit: Die seelischen Folgen der Corona-Pandemie mit Lockdown und Kontaktbeschränkungen haben viele Menschen in Hessen in den vergangenen Monaten zum Telefon greifen lassen. Anbieter von Sorgen- und Beratungshotlines bemerken eine stärkere Nachfrage.

So auch in Fulda: Seit Beginn der Pandemie sei in der Region eine erhöhte Nachfrage durch Anrufende wahrzunehmen, berichtet Pfarrerin Dagmar Scheer von der TelefonSeelsorge in Fulda. Auch die Anzahl der Menschen, die zum ersten Mal den Kontakt zur Telefonseelsorge suchen, sei deutlich angestiegen. Gerade in den Phasen der Lockdowns seien die Anrufer dankbar für das Angebot gewesen, über die eigenen Probleme zu sprechen, da viele andere Einrichtungen geschlossen waren.

Hessen: Nachfrage bei Telefonseelsorge durch Corona gestiegen

„Wir als ‚Normalbürger‘ haben ja alle die Auswirkungen der Pandemiebeschränkungen an Leib und Seele gespürt: Dünnhäutigkeit, Gereiztheit oder depressive Verstimmungen und Belastungen, fehlende Beziehungspflege und präsentische Kontakte“, bemerkt Scheer. „Menschen, die ohnehin schon belastet und in schwierigen gesundheitlichen, sozialen und gesellschaftlichen Alltagssituationen gefangen sind, spüren und erfahren diese Einschränkungen um ein Vieles mehr.“

Auch andere Regionen in Hessen beobachteten einen pandemiebedingten Anstieg: „Wir führen das einerseits darauf zurück, dass es einen größeren Bedarf gab durch Einschränkungen, Ängste, durch soziale Isolation“, berichtet etwa Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der Telefonseelsorge Nordhessen. Einen weiteren Grund sehe man darin, dass das Angebot der Telefonseelsorge stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt sei.

Telefonseelsorge Fulda

Die TelefonSeelsorge in Fulda besteht seit 41 Jahren und ist rund um die Uhr für Menschen mit Fragen, Belastungen, Nöten und Problemen erreichbar. Immer eben auch dann – nachts und an Wochenenden – wenn sonst außer Polizei und Notdiensten keiner erreichbar ist. Die Nummer der Beratungshotline lautet (0800) 1110111 oder (0800) 1110222.

Viele hätten festgestellt: „Da gibt es ein Angebot, das genau passt für diese Zeit, wenn Menschen überwiegend zu Hause sein müssen und anonym anrufen können“, sagt Möhrer-Nolte. Wobei das Sorgentelefon auch schon früher gut nachgefragt gewesen sei, ebenso das digitale Ratgeber-Angebot per Mail oder im Chat. Im zweiten Quartal dieses Jahres seien fast 2200 Beratungsgespräche geführt worden.

Nach bundesweiten Daten des Netzwerkes „Telefonseelsorge“, zu dem nach eigenen Angaben mehr als 100 regionale Stellen in Deutschland gehören, gab es 2020 rund fünf Prozent mehr Anrufe (fast 1,28 Millionen) als 2019 sowie zehn Prozent mehr tatsächlich durchgeführte Gespräche (rund 1,03 Millionen). Der Anstieg bei den Mail-Kontakten betrage 28 und der bei den Chats über 70 Prozent.

Auffällig für die vergangenen Corona-Monate sei, dass die Anrufer häufiger den Themenbereich „depressive Stimmung“ als Grund für ihren Redebedarf nannten. „Also, dass Menschen sich sehr bedrückt, sehr überlastet fühlen und auch gerade jetzt in der Phase der Pandemie sehr erschöpft sind.“ Ein weiteres großes Thema sei die Einsamkeit. (Lesen Sie hier: Depressionen und Magersucht in Pandemiezeiten: 17-Jährige aus dem Kreis Fulda berichtet)

In Fulda sind es vor allem Themen wie Einsamkeit, Isolation, Ängste und depressive Verstimmungen, die die Menschen dazu bewegen, zum Telefonhörer zu greifen. „Sie suchen Kontakt, den ihnen ihr Alltag nicht oder kaum mehr bietet“, erklärt Pfarrerin Scheer. Vermehrt seien in den letzten Monaten auch „Probleme in Alltags- und Familienbeziehungen und emotionale Erschöpfung Gesprächsthemen, die sich in der besonderen Pandemiesituation für einzelne Anrufende als Belastung herauskristallisieren“.

Ähnliches kann Annette Isheim vom Leitungsteam der katholischen Telefonseelsorge Frankfurt mitteilen: „Es riefen auf jeden Fall viele Menschen an, die durch Quarantäne und Lockdown keinen beziehungsweise einen schwereren Zugang zu anderen Unterstützungsangeboten hatten.“ Zu der gestiegenen Nachfrage habe sicherlich auch beigetragen, dass kontaktlose und digitale Beratungsstrukturen bereits vorhanden waren.

Mehr Sorgen durch Corona: Diese zwei Themen bereiten besonders viel Kummer

Die Themen, wie Isheim weiter berichtet, berühren häufig das Zwischenmenschliche. „Also neben partnerschaftlichen insbesondere familiäre, freundschaftliche, nachbarschaftliche und kollegiale Beziehungen“. Diese Themen sowie die Aspekte Einsamkeit und Ängste hätten sich durch die Pandemie verstärkt oder verändert, da durch Corona neue Schwierigkeiten oder Konflikte hinzugekommen seien.

Auch die Telefonseelsorger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) registrieren zahlreiche Anrufer. „Viele Beratungsteams arbeiten inzwischen an ihrer Belastungsgrenze“, teilt EKHN-Sprecher Volker Rahn mit. Zu Beginn der Pandemie sei das noch anders gewesen. (Lesen Sie auch: Wichtiger Helfer bei der Seelsorge - Mops Hugo unterstützt Pfarrer Daniel Göller)

„Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 stockte die hessen-nassauische Kirche beispielsweise ihre telefonischen und digitalen Beratungsangebote wie ‚Pfarrer im Netz‘ massiv auf.“ Doch die Nachfrage sei überraschend weder bei der Telefon- noch der Online-Seelsorge oder den ambulanten Diensten in den ersten Wochen nennenswert in die Höhe geschnellt. „Es scheint, als ob sich die Menschen zu Beginn der Pandemie 2020 gut mit der Situation arrangieren konnten.“

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Mittlerweile aber habe sich das Bild gewandelt: „Je länger die Corona-Krise andauerte, desto mehr kriselte es offenbar auch seelisch. Mit zunehmender Dauer zeigt sich jetzt, dass Einsamkeit und Unruhe teils dramatisch anstiegen.“ Spätestens ab dem zweiten Lockdown suchten vermehrt Menschen Rat, die um ihre Existenz bangten, erklärt Rahn. „Ängste und Depressionen sind dabei häufige Themen der Seelsorge und Telefonseelsorge. Manche äußerten auch vermehrt Suizidgedanken.“

Und was raten die Telefonseelsorger den Menschen, die sich bei ihnen melden? „Das ist ganz individuell“, sagt Möhrer-Nolte aus Nordhessen. „Aber es ist schon ein wichtiger erster Schritt, aus der Einsamkeit, aus einer depressiven Stimmung rauszugehen, indem man nach außen tritt. Und das tun die Menschen ja, ob sie eine Mail schreiben, unseren Chat nutzen oder telefonieren.“ (dpa)

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