Ein Baby schläft
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Der Corona-Lockdown hat bundesweit keinen Babyboom ausgelöst.

Mehr Todesfälle als im Vorjahr

Kein Babyboom durch Corona: Bundesamt veröffentlicht Statistik - Entwicklung in Fulda gegen Trend

Wer nach dem ersten Corona-Lockdown einen Babyboom erwartet hatte, der wird enttäuscht: Die Zahl der Geburten ging laut Statistischem Bundesamt deutschlandweit sogar leicht zurück. Unterdessen stieg die Zahl der Todesfälle im vergangenen Jahr an.

Wiesbaden - Im Jahr 2020 kamen in Deutschland weniger Kinder auf die Welt, als 2019. Die Zahl sank um rund 5000 auf 773.000 Babys. Das entspricht einem Rückgang von 0,6 Prozent. „Das Geburtenniveau bleibt nahezu auf dem Level der Vorjahre“, sagt Martin Bujard, Experte für Geburtenentwicklung am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Und: „Wir haben immer noch über 100.000 mehr Neugeborene als im Jahr 2011. Damals war mit lediglich 663.000 Geburten ein Tiefpunkt erreicht worden.“ Deutschland liege im europäischen Mittelfeld, „nachdem wir viele Jahre bei den Geburten sehr weit hinten waren“.

Corona-Lockdown sorgt nicht für Babyboom: Weniger Geburten in Deutschland

Aus den Daten für das vergangene Jahr lässt sich noch nicht endgültig ableiten, wie groß der Einfluss der Corona-Pandemie auf die Geburtenrate war, doch der Blick auf die Zahlen zwischen Dezember 2020 bis Februar 2021 zeigt: Der erste Lockdown 2020 hat nicht dazu geführt, dass deutlich mehr Babys gezeugt wurden. „Zwar war die Zahl der Geburtenmeldungen um 0,8 Prozent höher als in den entsprechenden Vorkrisenmonaten Dezember 2019 bis Februar 2020“, berichtete das Amt. „Allerdings bewegt sich diese Veränderung im Bereich der üblichen Schwankungen monatlicher Geburtenzahlen.“

In Westdeutschland lag die Zahl der Geburten nach Angaben des Amtes 1,7 Prozent höher, in Ostdeutschland einschließlich Berlin 3,8 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum. „Corona kann die konkrete Kinderfrage schon massiv beeinflussen, dies kann aber individuell in unterschiedliche Richtungen gehen“, sagt Bujard. So könnten einerseits Sorgen oder Existenzängste dazu führen, dass ein Kinderwunsch verschoben werde. Andererseits könne gerade in der Corona-Zeit die Familie an Bedeutung gewinnen und der Kinderwunsch konkret werden.

Geburten in Osthessen

Klinikum Fulda: Während bundesweit die Geburtenzahlen leicht sinken, hatte das Klinikum Fulda im vergangenen Jahr so viele Geburten verzeichnet, wie noch nie: 1612 Kinder erblickten im Klinikum das Licht der Welt. „Wir verzeichnen im Klinikum Fulda in den letzten Jahren stetig steigende Geburtenzahlen. Nach unserer Einschätzung ist diese Entwicklung jedoch unabhängig von der Corona-Pandemie zu sehen“, erklärt die Klinik auf Nachfrage unserer Zeitung. Allerdings stellen die 126 Geburten im Dezember 2020 eine deutliche Steigerung im Vergleich zu Dezember 2019 (101 Geburten) dar. Ob sich der Trend der letzten Monate – ungeachtet der Pandemie – fortsetzt, lässt sich laut Dr. Thomas Hawighorst, Direktor der Frauenklinik, nicht vollständig abschätzen. „Wir freuen uns, wenn sich der Trend der vergangenen Jahre weiter fortsetzen würde“, heißt es von der Pressestelle des Klinikums.

Herz-Jesu-Krankenhaus: Auch im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda entwickelt sich die Geburtenrate gegen den Bundestrend. Bereits im ersten Quartal 2021 sind die Zahlen deutlich gestiegen, und mehr Kinder wurden geboren. „Unabhängig von Corona hatten wir bereits im vergangenen März 2020 die höchste Geburtenzahl mit 109 Geburten in einem Monat – ein neuer Rekord. Nun im März 2021 sind die Zahlen vergleichsweise rekordverdächtig mit 107 Kindern, die das Licht der Welt in unserem Krankenhaus erblickten“, erklärt die Pressestelle des Krankenhauses auf Nachfrage. Im Corona-Jahr 2020 wurden 1033 Kinder im Krankenhaus geboren.

Helios St. Elisabeth Hünfeld: „Die monatlichen Geburtenzahlen in unseren Kreißsälen bewegen sich im normalen Rahmen. Im Vergleich zum Jahr 2019 ist kein signifikanter Geburtenanstieg zu verzeichnen. Ein Babyboom aufgrund des Corona-Lockdowns ist aus unserer Sicht nicht erkennbar“, teilt Gudrun Käsmann, Sprecherin der Helios St. Elisabeth Klinik, in Hünfeld auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Im Hünfelder Krankenhaus waren im Jahr 2020 438 Kinder zur Welt gekommen. Deutlich mehr – 570 Geburten – waren für 2019 gemeldet.

Main-Kinzig-Kliniken: Die Zahlen der Main-Kinzig-Kliniken für die Zeiträume Dezember 2019 bis Februar 2020 und für Dezember 2020 bis Februar 2021 machen deutlich: Von einem Babyboom dank des ersten Corona-Lockdowns kann in Gelnhausen nicht die Rede sein. Während im ersten Zeitraum 379 Babys zur Welt kamen, folgten im Jahr darauf beinahe identische 380 Geburten.

Video: Sterblichkeit im Corona-Jahr 2020 um 5 Prozent gestiegen

Unterdessen nimmt die Differenz zwischen Todesfällen und Geburten weiter zu: So starben im vergangenen Jahr 212.000 Menschen mehr, als Kinder geboren wurden. 2019 lag dieses Geburtendefizit noch bei 161.000. Neu ist diese Entwicklung nicht: Dass es in Deutschland mehr Sterbefälle als Geburten gibt, ist ein langfristiger demografischer Trend, der seit 1972 anhält.

Insgesamt starben im letzten Jahr etwa 986.000 Menschen, das sind 46.000 Todesfälle mehr als 2019. „Das ist ein merklicher Anstieg, der noch einmal deutlich höher gewesen wäre, wenn Corona nicht eingedämmt worden wäre“, sagte Mortalitätsexperte Sebastian Klüsener vom BiB.

199219972003201120162020 (vorläufiges Ergebnis)
Sterbefälle885.000860.000854.000852.000911.000986.000
Geburten809.000812.000707.000663.000792.000773.000

Corona: 2020 drei Phasen der Übersterblichkeit

2020 gab es demnach drei Phasen der Übersterblichkeit: zur ersten Corona-Welle im Frühjahr, während einer Hitzewelle im Sommer sowie zur zweiten Corona-Welle zum Jahresende. Zudem habe es in den Phasen deutliche regionale Unterschiede gegeben. „Da wo die Pandemie stark um sich gegriffen hat, waren die Anstiege in der Sterblichkeit höher“, sagte der Experte. Zudem kämen geburtenstarke Jahrgänge der 1930er Jahre in ein Alter mit erhöhter Sterblichkeit. (dpa, akh; Quelle der Grafik: Destatis)

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