Landrat Bernd Woide sagt im großen Interview zur Weihnachten: „Wir sollten Normalität wieder schätzen.“ 
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Landrat Bernd Woide sagt im großen Interview zur Weihnachten: „Wir sollten Normalität wieder schätzen.“ 

CDU-Politiker im Interview

Nach Corona-Weihnachten der Hessentag in Fulda im Mai? Landrat Woide kann sich Großveranstaltung nicht vorstellen

  • Eike Zenner
    vonEike Zenner
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„Corona schwingt immer mit“, sagt Fuldas Landrat Bernd Woide (CDU, 58) im großen Weihnachtsinterview mit unserer Zeitung. Woide spricht über die Situation in Pflegeheimen und im Gesundheitsamt sowie über den Hessentag im Mai. Er mahnt, das Alltägliche wieder stärker wertzuschätzen.

Herr Woide, wir wollen mit Ihnen über das Thema Weihnachten sprechen. Corona überlagert derzeit alles: Wie und mit welchen Gefühlen feiert der Landrat dieses Jahr Weihnachten?
Für viele Familien ist Weihnachten ja häufig ein Besuchsmarathon. Bei uns ist das nicht so, es gibt keine Großeltern oder Geschwister, die wir besuchen könnten. Die Familie Woide kann also ohne große Anstrengung coronakonform feiern.
Es wird im Hause Woide also ein normales Weihnachtsfest geben?
Ja, so normal wie möglich. Aber Corona schwingt natürlich immer und überall mit. 

Nach Corona-Weihnachten der Hessentag in Fulda? Landrat „fehlt Fantasie“ dafür

Gibt es etwas, das die Privatperson Bernd Woide dieses Weihnachten vermisst?
Ich gehe traditionell in die Christmesse auf dem Frauenberg. Das wird in diesem Jahr anders sein. Wir haben uns stattdessen zu einer Open-Air-Andacht angemeldet. 
Corona wird nicht verschwinden, weil Weihnachten ist. Liegt das Handy bei Ihnen auch an den Feiertagen immer auf dem Tisch?
Klar! In normalen Jahren passiert an Weihnachten und in der Zeit bis Neujahr relativ wenig. Das ist jetzt vollkommen anders. Der Krisenstab arbeitet weiter. Und als Landrat trägt man Verantwortung. Das kann man nicht ablegen, weil Weihnachten ist.
Die Situation in den Pflegeheimen ist bundesweit, aber auch in der Region, weiterhin extrem angespannt. Bedrückt Sie das? 
Ja, natürlich. Gerade an Weihnachten. Viele ältere Menschen brauchen Nähe, und diese Nähe müssen wir jetzt einschränken. Es ist der Auftrag des Staates, die Menschen zu schützen, die besonders anfällig für das Virus sind. Und auf der anderen Seite verstehe ich jeden, der sagt: ,Ich möchte meinen Sohn oder meine Tochter sehen.‘ 
Stellen Sie sich die Frage, ob Sie vor Ort genug getan haben und wer für die hohen Fallzahlen verantwortlich ist?
Es geht aus meiner Sicht hier nicht um das Thema Schuld. Wir reden immer über das Tragen von Masken und darüber, dass wir den Abstand halten müssen. Ich kann Menschen aber nicht auf 1,50 Meter Abstand pflegen. Ich muss sie anfassen und muss sie umbetten. Das ist die Besonderheit, aber auch die Schwierigkeit in der Pflege. Deutschlandweit sind Senioreneinrichtungen Hotspots. Wir tun, was wir können. Das Risiko wird sich aber leider nicht auf null bringen lassen. 
Hat das Coronavirus die Menschen auch im Kreis Fulda entzweit? Wie ist Ihr Eindruck?
Sicher nicht so extrem wie andernorts. Aber auch bei uns gibt es Menschen, die dem Gedankengut der sogenannten Querdenker nahestehen. Ich sage immer, es muss erlaubt sein, Kritik an staatlichen Maßnahmen zu üben. Es muss erlaubt sein zu sagen: ,Du, Woide, hast Fehler gemacht.‘ Ein Problem sehe ich dann, wenn Menschen behaupten, wir lebten in keiner Demokratie mehr. Das ist Quatsch! Ich habe mich zum Beispiel maßlos über die junge Frau aus Kassel aufgeregt, die sich mit Sophie Scholl verglichen hat. Das ist nicht nur Geschichtsklitterung, sondern objektiv falsch und eine groteske These. 
Wie bewerten Sie die Corona-Maßnahmen der großen Politik. Kam der harte Lockdown zu spät?
Einen der klügsten Sätze hat Gesundheitsminister Jens Spahn gesagt: ,Im Nachhinein werden wir uns viel verzeihen müssen.‘ Die Entwicklung im Herbst ist sicher nicht richtig eingeschätzt worden, aber ich mache niemandem einen Vorwurf. Es gibt den Bergmannsgrundsatz ,Vor der Hacke ist es dunkel‘. Die Situation ist für alle Beteiligten schwierig – und neu.
Eine durchaus weihnachtliche Antwort. Anderes Thema: Nutzen Sie eigentlich die Corona-Warn-App?
Ja, die habe ich auf dem Handy – und schaue regelmäßig rein.
Was passiert Weihnachten im Gesundheitsamt?
Natürlich werden wir Bereitschaftsdienste haben. Aber ich möchte den Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitsamt auch die Möglichkeit geben, einmal durchzuschnaufen. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort haben Familie. Das Gesundheitsamt läuft seit einem Dreivierteljahr unter Volllast. Ich habe höchsten Respekt vor allen, die in diesem Bereich tätig sind. 
Die Corona-Regeln sind für Weihnachten ein Stück weit gelockert worden, dennoch gibt es weiter strikte Vorgaben. Was passiert, wenn sich die Menschen nicht an die Regeln halten? Stehen dann die Ordnungsbehörden oder steht gar der Landrat vor der Tür?
Der Landrat sicher nicht (lacht)… Im Ernst: Wir leben in einer freien Gesellschaft. Die Wohnung ist zunächst einmal unverletzlich. Mein Appell richtet sich an die Eigenverantwortung des Einzelnen. Wir müssen in diesem Jahr gewisse Dinge anders machen – an Weihnachten und vor allem auch an Silvester. Aber sicher werden die Ordnungsbehörden auch mit Fingerspitzengefühl kontrollieren und unterscheiden, ob eine Familie mit Kindern an Weihnachten abends noch unterwegs ist oder eine Gruppe Jugendlicher mit vier Kisten Bier. 
Wie ist Ihre Einschätzung mit Blick auf Großveranstaltungen? Dieser Region steht ein Hessentag ins Haus, der im Mai stattfinden soll. 
Die Entscheidung obliegt dem Land und der Stadt Fulda. Meine persönliche Meinung als Bürger dieser Stadt ist: Mir fehlt die Fantasie, wie man in gerade einmal fünf Monaten einen Hessentag feiern will. Als Landkreis haben wir unsere Entscheidung getroffen und die Jubiläumsfeier ,200 Jahre Landkreis‘ verschoben. Ein solches Fest macht für uns derzeit keinen Sinn. Allein wenn ich an das Thema Hygienekonzept denke. Wer sollte das bei uns machen? Das Gesundheitsamt? Die schmeißen mich raus, wenn ich damit um die Ecke komme – berechtigterweise. 
Sie sind ein Politiker, der das Volk mag, der sich gerne unter das Volk mischt. Fehlt Ihnen das?
Ja, durchaus! Gerade die Kirmes fehlt mir sehr. Das ist seit Jahren traditionell meine Bürgersprechstunde. Die Termine vor Ort sind normalerweise ein wichtiger Bestandteil des Jobs als Landrat, der jetzt komplett wegfällt. 
Corona trifft auch die Kreisfinanzen. Etwas ketzerisch gefragt: Wie viel Geld muss der Kreis zurücklegen, damit er beim Klinikum einsteigen kann?
Wir befinden uns als Landkreis in Gesprächen mit der Stadt. Wir haben in der Vergangenheit nie gesagt, dass das Klinikum uns nichts angeht und werden das auch in Zukunft nicht tun. Das Grundproblem vieler Krankenhäuser ist die strukturelle Unterfinanzierung. Wenn wir – auch als Lehre aus der Coronakrise – zusätzliche Kapazitäten zur Daseinsvorsorge vorhalten wollen, dann müssen wir auch darüber nachdenken, wie Krankenhäuser anders zu finanzieren sind. Hier sind Bund und Land gefordert. Man muss aber ehrlich sein: Das geht nicht alles über Steuern. Da wird man auch über Themen wie die Krankenversicherungsbeiträge reden müssen. 
Zurück zum Ausgangspunkt unseres Interviews: Weihnachten. Was ist der Weihnachtswunsch des Fuldaer Landrats? 
Es gibt natürlich persönliche Wünsche. Zum Beispiel, dass es der Familie gut geht. Für die Region wünsche ich mir, dass es uns gelingt, Corona in den Griff zu bekommen, sodass wir Stück für Stück zur Normalität zurückkehren können. Ich wünsche mir, dass wir nächstes Jahr wieder auf einen Weihnachtsmarkt gehen und eine Bratwurst essen können. Und ich wünsche mir, dass wir die Dinge wertschätzen, die wir haben. Muss es Christmas-Shopping in New York sein? Oder ist es nicht vielleicht schon genug, in Fulda, Wüstensachsen oder Hosenfeld mit einem Glühwein in der Hand auf dem Weihnachtsmarkt zu stehen? Wir sollten unsere alltägliche Normalität wieder schätzen lernen.

Die Fragen stellten Michael Tillmann, Daniela Petersen und Eike Zenner.

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