Ökonom Christoph Schmidt sieht das Schlimmste der Coronakrise ausgestanden.
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Ökonom Christoph Schmidt sieht das Schlimmste der Corona-Krise ausgestanden.

Präsident des RWI

„Der stärkste Einbruch liegt hinter uns“ - Ökonom Christoph Schmidt macht in der Corona-Krise Hoffnung

Ökonom Christoph Schmidt sieht das Schlimmste der Corona-Krise ausgestanden. Im Interview mit unserer Zeitung spricht sich der 58-Jährige dafür aus, rasch einen Konsolidierungskurs bei den Staatsfinanzen einzuleiten.

Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie haben die Wirtschaft in diesem Jahr weltweit hart getroffen. Wie schätzen Sie diese Krise ein im Vergleich zu 2001 oder 2008, als die Dotcom-Blase beziehungsweise der US-Immobilienmarkt zusammengebrochen sind?
Die Schwere des realwirtschaftlichen Einbruchs in diesem Jahr ist am ehesten mit der Finanzkrise der Jahre 2008/2009 vergleichbar, denn das Platzen der Dotcom-Blase hatte nur geringe realwirtschaftliche Folgen. Aber zur Finanzkrise gibt es auch bedeutende Unterschiede: Damals hatte die Vermögenspreisblase zu Überkapazitäten vor allem im Bausektor geführt, die im konjunkturellen Abschwung abgebaut wurden. Dadurch hat sich die wirtschaftliche Erholung recht lange hingezogen. Aktuell gibt es keine solchen Überkapazitäten, die wirtschaftliche Erholung hängt daher vor allem vom Verlauf der Pandemie ab.
Glauben Sie, dass der wirtschaftliche Tiefpunkt schon hinter uns liegt?
Ja, der stärkste Einbruch der Wirtschaftsaktivität hat nach aktueller Einschätzung im April stattgefunden. Seitdem hat sich die deutsche Wirtschaft erholt, in einzelnen Wirtschaftszweigen sogar recht kräftig. Die Pandemie ist zwar noch nicht gebannt, so dass es auch im Winterhalbjahr noch Belastungen geben wird. Derzeit gibt es aber die Hoffnung, dass ein weitreichender Shutdown wie im Frühjahr nicht notwendig sein wird. Allerdings muss es dazu gelingen, die Zahl der Neuinfektionen schnell wieder zu senken.
Wie bewerten Sie die Maßnahmen der Politik gegen die Krise?
Im Großen und Ganzen halte ich die gesundheitspolitischen und wirtschaftspolitischen Maßnahmen für sinnvoll. Insbesondere der Shutdown im April mit den begleitenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie Kurzarbeit und Soforthilfen war aus meiner Sicht nötig. Das Konjunkturprogramm dagegen enthält einige Elemente, die nicht zielgenau genug sind.

Ökonom Christoph Schmidt im Interview: Das schlimmste der Coronakrise ausgestanden

Zur Person

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt (58) ist Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Von 2009 bis 2020 war er Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, von März 2013 bis Februar 2020 dessen Vorsitzender.

Seit Oktober 2019 ist er Mitglied, seit März 2020 Ko-Vorsitzender des Deutsch-Französischen Rates der Wirtschaftsexperten. Christoph Schmidt legte sein Abitur 1981 am Domgymnasium Fulda ab.

Bei welchen Maßnahmen stimmen Sie denn explizit nicht zu?
Die Senkung der Mehrwertsteuersätze ist nicht zielgenau genug. Auf seiten der Konsumenten dürften vor allem diejenigen profitieren, die keine Einkommenseinbußen zu verkraften oder zu befürchten haben. Sie können die Anschaffung langlebiger Konsumgüter in dieses Jahr vorziehen. Beschäftigte in Kurzarbeit werden dies wahrscheinlich nicht tun. Auf der Seite der Einzelhändler sieht dies ähnlich aus. Die Mehrwertsteuersenkung dürfte den Online-Handel, der schon in der Krise zu den Gewinnern gehörte, begünstigen. Beim stationären Handel in den Innenstädten, der massive Umsatzverluste hinnehmen musste, dürfte auch jetzt weniger ankommen.
Reichen die Hilfen des Staates insgesamt denn, um den Schaden für die Wirtschaft zu begrenzen?
Das Konjunkturprogramm ist eines der größten Hilfsprogramme, die wir in Deutschland bislang erlebt haben. Das Paket sieht Ausgaben bis in das Jahr 2024 vor, der Schwerpunkt liegt in diesem und im kommenden Jahr. Die gesamtwirtschaftlichen Effekte werden deutlich spürbar sein. Das heißt aber nicht, dass der Wirtschaft aller Schaden erspart werden kann. Eine Reihe von Unternehmen dürfte die Krise nicht überstehen. Dies wird vor allem dann geschehen, wenn beschränkende Maßnahmen bis in das nächste Frühjahr aufrechterhalten werden müssen, wonach es derzeit aussieht.
Ist die Gefahr einer Insolvenzwelle bei Unternehmen im kommenden Jahr also hoch?
Insgesamt dürfte die Zahl der Insolvenzen im Frühjahr deutlich ansteigen. Das ist in Rezessionen üblich. Nach Berechnungen der Bundesbank sind im ersten Quartal 6000 Insolvenzen zu erwarten. Das wäre aber eine vergleichsweise niedrige Zahl. In der Finanzkrise waren es über 10 000 Insolvenzen pro Quartal. Aber auch daraus dürften keine gesamtwirtschaftlichen Gefahren, zum Beispiel für den Bankensektor, entstehen.

Christoph Schmidt: Vor allem Betriebe von der Coronakrise betroffen, die massiv unter den Hygienemaßnahmen leiden

Eine Branche, die laut Christoph Schmidt besonders geschwächt aus der Pandemie hervorgehen wird, ist die Reisebranche. Sie leidet immer noch massiv unter den Hygienemaßnahmen.
Welche Branchen dürften aus ihrer Sicht besonders geschwächt aus der Pandemie hervorgehen?
Vor allem sind diejenigen Betriebe betroffen, die immer noch massiv unter den Hygienemaßnahmen leiden: Gaststätten, Hotels, Reiseveranstalter, Messebauer, Luftfahrtunternehmen. Zudem darf man nicht übersehen, dass viele Unternehmen, beispielsweise aus der Automobilbranche, inmitten eines Strukturwandels sind, der von der Corona-Krise überlagert wird. Dieser Strukturwandel wird sich fortsetzen und wird natürlich in einigen Bereichen mit Verlusten verbunden sein.
Aber es gibt auch Profiteure ...
Gewinner gibt es vereinzelt auch. So hat der Online-Handel starke Umsatzzuwächse erlebt, und auch die Hersteller von Fahrrädern und die Möbelbranche erlebten einen Auftrieb.
Wie lange wird es dauern, bis die deutsche Wirtschaft die Folgen dieser Pandemie überwunden hat?
Derzeit gehen wir davon aus, dass es im Winterhalbjahr zu einer deutlichen Verlangsamung der wirtschaftlichen Erholung kommt. Im Frühjahr sollte sich bei einer sinkenden Zahl von Neuinfektionen die wirtschaftliche Erholung dann wieder verstärken. In diesem Fall würde die deutsche Wirtschaft zur Jahreswende 2021/2022 das Vorkrisenniveau bei der Produktion wieder erreichen.

Schuldenstand steigt auf 70 Prozent an - Deutlich niedriger als in der Finanzkrise

Mit den Hilfen in der Krise häuft der Staat enorme neue Schulden an. Ist das ein Problem?
Die öffentlichen Haushalte haben nach der Finanzkrise in erheblichen Maße Schulden abgebaut und zuletzt das Maastricht-Kriterium wieder erfüllt. Dadurch sind Spielräume für eine Neuverschuldung entstanden, die in der jetzigen Krise genutzt wurden und werden. Wir erwarten, dass der Schuldenstand in diesem Jahr von 60 auf rund 70 Prozent ansteigt. Damit wäre er deutlich niedriger als in der Finanzkrise. Ein solches Schuldenniveau könnte im nächsten Aufschwung ohne gravierende Einschnitte wieder auf das Vorkrisenniveau zurückgeführt werden. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man mit Beginn der Erholung die Neuverschuldung deutlich reduziert und danach möglichst rasch zu einem Konsolidierungskurs übergeht.
Auch die EZB springt der Politik zu Hilfe und pumpt noch mehr Geld in den Markt. Lauern hier nicht auch Gefahren?
Eine reichliche Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität birgt das Risiko von Preissteigerungen. Das können die Preise von Konsumgütern, Immobilien oder anderen Vermögenswerten sein. Es ist schon bemerkenswert, dass an vielen Börsen die Aktienkurse sehr hohe Niveaus haben, obwohl ein Ende der Krise noch nicht absehbar ist. Es gibt keine klaren Signale von Übertreibungen, aber Risiken von Kurskorrekturen bestehen, wenn die Geldpolitik beginnt, die Liquidität wieder zu reduzieren.
Das Sparbuch hat für viele Verbraucher ausgedient, vor allem junge Menschen haben die Aktie als Alternative entdeckt. Wie sollten Anleger ihrer Meinung nach im kommenden Jahr investieren?
Konkrete Anlagetipps kann und möchte ich da nicht geben. Nur so viel: Angesichts großer Risiken in vielen Wirtschaftsbereichen sollte man die Anlagen möglichst streuen. Mein Rat an jeden wäre, sich im eigenen Interesse mit dieser Materie etwas näher zu beschäftigen.

Hinweis

Das Interview mit Christoph Schmidt ist in der Ausgabe vom 23. November in der Fuldaer Zeitung (Print) erschienen. Seine Aussagen - etwa zum Lockdown oder den Infektionszahlen - beziehen sich auf diesen Zeitpunkt.

Immobilien sind eine Alternative. Sehen Sie hier schon eine Blase?
Die Deutsche Bundesbank hat mehrfach darauf hingewiesen, dass in einigen Regionen, wie beispielsweise dem Großraum Berlin, die Immobilienpreise sehr stark gestiegen sind und das Risiko einer Überbewertung besteht. Auf eine Preisblase in ganz Deutschland, deren Korrektur gesamtwirtschaftlich spürbare Effekte hervorrufen würde, deutet unserer Einschätzung nach derzeit aber nichts hin.

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