Die Krankenhäuser in Osthessen sind aktuell stärker belastet als in der ersten Corona-Welle. (Symbolfoto)
+
Die Krankenhäuser in Osthessen sind aktuell stärker belastet als in der ersten Corona-Welle. (Symbolfoto)

Kliniken in Osthessen

Zweite Corona-Welle trifft Krankenhäuser: Mehr Patienten als im Frühjahr - Experten erwarten weiteren Anstieg

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
    schließen

Nach Expertenschätzungen wird die Zahl der Corona-Patienten bundesweit in den nächsten Tagen weiter wachsen. Dabei sind einige Krankenhäuser in Osthessen schon jetzt stärker belastet als in der ersten Welle im Frühjahr.

Osthessen - „Die Situation ist angespannt“, sagt Dr. Thomas Menzel, Vorstandschef des Klinikums in Fulda. Die osthessischen Krankenhäuser leiden unter einer dreifachen Belastung: Die Zahl der Corona-Patienten aus der Region steigt kontinuierlich; weil Rhein-Main-Region schon länger unter noch höheren Infektionszahlen leidet als Osthessen, sind dort die Intensivstationen der Krankenhäuser zum Teil schon an die Kapazitätsgrenze gekommen: Intensivpatienten – mit und ohne Corona – werden aus dem Ballungsgebiet nach Osthessen verlegt. (In unserem Corona-Ticker für Hessen bleiben Sie über das Infektionsgeschehen informiert.)

Und schließlich haben die insgesamt hohen Corona-Infektionszahlen in der Gesellschaft die Folge, dass sich Pfleger und Ärzte in ihrer Freizeit anstecken oder sie zumindest zur Kontaktperson werden, sie in Quarantäne müssen und deshalb auf den Stationen ausfallen. Deshalb bitten die Klinikchefs die Bürger, alles dafür zu tun oder zu unterlassen, damit die Infektionszahlen nicht steigen.

Lesen Sie hier: Corona-Testcenter am Klinikum Fulda neu organisiert

Klinikum Fulda verfolgt Corona-Entwicklung mit Sorge: Zahl der Covid-19-Patienten steigt

Das Klinikum Fulda sieht die Entwicklung mit Sorge. Bundesweit ist die Zahl der Corona-Kranken auf Intensivstationen binnen zwei Wochen von 1839 auf 3436 Patienten angewachsen. Dass die Zahl der Neuinfektionen nicht mehr so stark steige, sei „definitiv keinen Grund zur Entwarnung“, warnt Klinikum-Chef Dr. Thomas Menzel.

Im Klinikum und den Häusern der Region steige die Zahl der Covid-Patienten, die auf den Normal- und Intensivstationen behandelt werden, kontinuierlich an. „Insbesondere die Intensivstationen sind ausgelastet, schließlich werden dort auch weiterhin Menschen mit anderen Erkrankungen behandelt“, sagt Menzel. Dabei seien die Zahlen aus dem Frühjahr schon deutlich überschritten. Aus dem Rhein-Main-Gebiet und aus Gelnhausen sind in den vergangenen Tagen weitere Patienten nach Osthessen verlegt worden, da sich die Situation dort deutlich verschärft hat. Aktuell werden mehr als 20 Covid-Patienten auf der Normalstation behandelt, 10 Patienten auf den Intensivstationen, davon werden sechs beatmet.

Personal-Ausfälle wegen Corona: Klinikum Fulda reduziert OP-Kapazität

„Die Situation ist angespannt. Hinzu kommt, dass Mitarbeiter im privaten Umfeld mit Covid-Erkrankten in Kontakt kommen, ohne die im Krankenhaus üblichen Schutzmaßnahmen“, berichtet Menzel. Diese Mitarbeiter müssen – wie alle anderen auch – zunächst in Quarantäne und fehlen dann auf den Stationen. Zudem seien in Einzelfällen Mitarbeiter des Klinikums positiv getestet worden. Auch hier gelten die Vorgaben zur Quarantäne.

„In Summe führen die Ausfälle dazu, dass die Personaldecke immer dünner wird und wir unser ‚Routineprogramm‘ deshalb leicht reduzieren mussten“, berichtet Menzel. „Derzeit haben wir unsere OP-Kapazität um etwa 20 Prozent reduziert. Alle erforderlichen Operationen werden aber wie gewohnt durchgeführt.“

Wie bewertet Menzel die Entwicklung?„Obwohl wir einen Lockdown-Light haben, vervielfältigt sich das Virus scheinbar unaufhaltsam. Das ist aber nicht überraschend, denn die Infektionen, die heute gemeldet werden, haben sich vor fünf bis zehn Tagen ereignet, – vor dem Lockdown. Das ist alles in allem eine alarmierende Entwicklung, aber sie war und ist absehbar.“

Bis eine Infektion zu Symptomen führt, und bis sie sich in einem von fünf Fällen wiederum zu einem „schweren Verlauf“ verschlechtern, vergehen einige Tage und Wochen. Bis eine Infektion zu einem Fall auf der Intensivstation wird, vergehen zwei bis vier Wochen, erläutert Dr. Menzel.

Corona in den Main-Kinzig-Kliniken: Pandemie trifft Krankenhaus Schlüchtern hart

Das Krankenhaus, das von der Corona-Pandemie derzeit am meisten getroffen ist, ist das Krankenhaus Schlüchtern, das zu den Main-Kinzig-Kliniken gehört. Hier sind seit vergangener Woche 29 Patienten und 17 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden, berichtet Dieter Bartsch, Geschäftsführer der Main-Kinzig-Kliniken.

Nachdem in der Vorwoche zwei zunächst negativ getestete Patienten bei routinemäßigen Wiederholungstests unerwartet coronapositiv waren, veranlasste die Klinikleitung bei allen Mitarbeitern und Patienten der betroffenen Bereiche eine Reihentestung. Alle planbaren OPs wurden abgesagt, alle betroffenen bereiche geschlossen. Die Patienten wurden auf Isolierstationen verlegt, das Personal nach Hause geschickt.

Dr. Siegfried Giernat, Leiter Gesundheitsamt Main-Kinzig-Kreis, erklärt sich die Infektion so: „Je größer das Infektionsgeschehen innerhalb der Gesellschaft ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass über Patienten, Besucher oder Mitarbeiter das Virus in Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen oder Reha-Kliniken eingetragen wird.“ In Gelnhausen läuft der Krankenhausbetrieb uneingeschränkt weiter.

Geschäftsführer der Main-Kinzig-Kliniken appelliert an Vernunft der Gesellschaft

Derzeit werden am Standort Gelnhausen 41 Corona-Patienten auf der Normalstation und vier auf der Intensivstation behandelt, in Schlüchtern werden sechs Corona-Patienten auf der Normalstation versorgt. Seit Anfang November haben die Kliniken fünf Corona-Patienten aufgenommen, deren Wohnort nicht im Main-Kinzig-Kreis liegt. Die Kliniken haben eine Belegungsstrategie erarbeitet. Demnach werden Covid-19-Patienten schwerpunktmäßig in Gelnhausen versorgt – auch intensivmedizinisch.

Von März bis Juni 2020 haben die Kliniken in Gelnhausen 34 Covid-Patienten entlassen können, 18 von ihnen waren intensiv behandelt worden. In Schlüchtern wurden im gleichen Zeitraum 32 Corona-Patienten behandelt, davon vier auf der Intensivstation, erläutert Bartsch.

Der Geschäftsführer mahnt:„Die angespannte Lage in den deutschen Kliniken macht deutlich, dass in unserer Gesellschaft jetzt unbedingt alles daran gesetzt werden muss, die Anzahl infizierter Patienten zu reduzieren. Jeder Einzelne kann seinen Teil dazu beitragen, die Durchhaltefähigkeit der Krankenhäuser zu sichern.“

Corona- und andere Notfallpatienten aus dem Rheim-Main-Gebiet landen im Herz-Jesu-Krankenhaus

Dem Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda macht zu schaffen, dass die Intensivstationen der Krankenhäuser im Rhein-Main-Gebiet wegen der Belastung durch Corona-Patienten keine weiteren Notfälle aufnehmen können und diese Fälle deshalb – insbesondere chirurgische Notfälle – ins HJK geschickt werden. Das berichtet Geschäftsführer Michael Sammet.

Derzeit behandelt das Haus 13 Corona-Patienten, davon einen intensiv. Aus dem Rhein-Main-Gebiet nahm das HJK zwei Covid-19-Patienten und zwei andere Notfallpatienten auf. Das ist ist deutlich mehr als in der ersten Welle: Zu Spitzenzeiten im Frühjahr waren es vier bis sechs Covid-19-Patienten, die zeitgleich stationär behandelt wurden.

Video: „Lage sehr ernst“ - Laut RKI keine Lockerungen in Sicht

Der OP-Betrieb wurde nicht reduziert. „Sollten die Infektionszahlen und die Zahl der schwererkrankten Patienten weiter steigen, werden wir den OP-Betrieb kurzfristig reduzieren müssen, um weitere intensivmedizinische Kapazitäten zu schaffen, kurzfristig weiteres Personal für die Versorgung akut und kritisch erkrankter Patienten einzusetzen und die Belastungen des Klinikpersonals zu begrenzen“, erklärt Sammet.

Einzelne Mitarbeiter haben sich im privaten Umfeld mit dem Coronavirus infiziert. Weil es nur wenige waren, hatte es bisher keinen Einfluss auf den Krankenhausbetrieb. Für die nächsten Wochen ist Sammet optimistisch – sofern die Zahl der Neuinfektionen nicht weiter die Dynamik der letzten Wochen beibehält.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema