Schauspielerin Jessica Stukenberg (links) übergibt Susanne Schildbach ihr Geburtstagsgeschenk: ein Hut aus Klopapierrollen.
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Schauspielerin Jessica Stukenberg (links) übergibt Susanne Schildbach ihr Geburtstagsgeschenk: ein Hut aus Klopapierrollen.

Theater statt Pizza

Kultur-Lieferservice: Künstler suchen nach Alternativen 

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Lieferservices werden in Zeiten von Covid-19 vermehrt in Anspruch genommen, etwa beim Bestellen von Pizza. Einen „Lieferservice für Theater” bietet die freiberufliche Schauspielerin Jessica Stukenberg an, die auf Bestellung persönliche Vorstellungen vorführt.

Fulda-Gläserzell - „Bühne“ Katharinenschule Gläserzell: In der Mitte des Schulhofes steht Stukenberg verkleidet als „Claudia Krebs vom rollenden Kulturblitz“. Auf einmal Bewegung: Zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer kommen auf den Pausenhof. Unter ihnen ist Susanne Schildbach, die am heutigen Tag ihren 50. Geburtstag feiert. Der Elternbeirat ihrer Klasse hat die 58-jährige Schauspielerin engagiert, die in den folgenden 18 Minuten eine Performance gespickt mit persönlichen Details für die Lehrerin hinlegt.

Corona-Krise schrängt Künstler ein: Kulturlieferservice soll helfen

Der rollende Kulturblitz ist ein Projekt von der Deutschen Kulturstiftung in diesen schwierigen Zeiten. Unser Motto ist die aufsuchende Kulturarbeit“, beginnt die Mutter zweier Töchter ihren Auftritt. „Dank Google und WhatsApp haben wir genügend Daten über die Bevölkerung, damit wir schauen können, wen wir an welchem Tag besuchen können – und da ist heute die Wahl auf Sie gefallen“, scherzt sie.

„Ich bin gerührt, ein tolles Geschenk.“

Im Vorfeld hat sich Konrektorin Ulla Pfeifroth mit der Schauspielerin in Verbindung gesetzt und persönliche Daten wie den Werdegang, das Lieblingsfrühstück oder Hobbys an die Dozentin der Hochschule Fulda weitergetragen. Anhand dieser Informationen hat die Schauspielerin den Auftritt personalisiert. „Auch wenn man es mir unter der Maske nicht ansieht, ich bin gerührt. Ein tolles Geschenk“, sagt die überraschte Jubilarin.

Ein Klopapierhut für die Modeliebhaberin

„Uns kam auch zu Ohren, dass Sie eine Modeliebhaberin sind“, führt die Schauspielerin den Auftritt fort. „Daher hat die Deutsche Kulturstiftung tief in die Tasche gegriffen und ein ganz besonderes Geschenk für Sie.“ Aus einem Karton hebt Schildbach einen Hut aus Klopapierrollen hervor und kontert schlagfertig: „Das kann ich nicht annehmen. Der Hut ist viel zu wertvoll.“ Zuvor haben Inge und Kurt, Handpuppen aus einem Einweghandschuh und einer Klopapierrolle, spontan ein Gedicht vorgetragen. Grundlage war ein Film-, Buch- und Theatertitel sowie eine Liedzeile, die sich Schildbach aussuchte. Stukenberg dichtete aus diesen fünf Informationen ein Gedicht.

„Theater statt Pizza“: Ein Auftritt kostet nicht mehr als sechs Pizzen

„Die Überraschung ist definitiv gelungen. Das kleine Theaterstück war witzig und bringt in Zeiten von Corona gute Laune und Freude“, sagt Pfeifroth. Die Idee für solch individuelle Auftritte kam Stukenberg relativ schnell nach dem Lockdown. „Mir war bewusst, dass die Auftritte draußen stattfinden müssen. So kam mir die Idee, dass ich mit individuellen Performances im Freien Menschen erreichen kann“, erklärt die Schauspielerin. Sie selbst bezeichnet die Idee als einen „Glückwunsch-Lieferservice“ nach dem Motto „Theater statt Pizza“. „Auf Bestellung komme ich zum verabredeten Zeitpunkt“, sagt sie schmunzelnd. Ein Auftritt kostet nicht mehr als sechs Pizzen. Der „Glückwunsch-Lieferservice“ wird hauptsächlich von Privatpersonen als Geschenk gebucht.

„Natürlich ist die Situation belastend, aber es hilft nichts zu jammern“

Ihre Auftritte waren bisher sehr vielseitig. So war die Schauspielerin zum Beispiel als Botanikerin, Fee oder Museumswärterin unterwegs. Allein von diesen Performances könne die Künstlerin allerdings nicht leben. „Natürlich ist die Situation belastend, aber es hilft nichts zu jammern“, betont sie. Stukenberg arbeite in einem kreativen Beruf, in dem man flexibel sein müsse – auch in der Corona-Krise. „Optimismus ist der Rettungsschirm der Künstler. Wir müssen aus der Not eine Tugend machen“, betont sie. Mit dem „Glückwunsch-Lieferservice“ möchte Stukenberg verdeutlichen, dass Künstler trotz den Einschränkungen versuchen, die Menschen zu erreichen.

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