Mikrofon vor leerem Publikum
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Kunst und Kultur – mal abgesehen von Museen – liegen brach.

Es bleibt auf Null

Lokale Künstler und Veranstalter fühlen sich von Politik im Stich gelassen

  • Anne Baun
    vonAnne Baun
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Die strengen Corona-Regeln werden nach und nach gelockert. Doch Kunst und Kultur – mal abgesehen von Museen – liegen weiterhin brach.

Lokale Künstler und Veranstalter fühlen sich von der Politik allein gelassen. Eine Umfrage in der Region:

Gerrit Schwendner, Zauberer

Unsere Absagerate liegt bei 100 Prozent. Bis zum Herbst sind alle Zaubershows gestrichen, ebenso sämtliche Events. Das ist natürlich in den gerade herrschenden Maßnahmen begründet, die natürlich richtig sind, aber eben auch in der Angst der Menschen. Viele Vorgaben sind auch unklar. Wann genau ist es eine Großveranstaltung? Ab 100, 200 oder 500 Personen? Wir von Gerrit Entertainment versuchen jetzt gerade, etwas für unsere Zukunft zu tun. Wir proben, entwickeln neue Shows, pflegen unser Equipment. Desweiteren versuchen wir, uns mit einem Online-Shop ein zweites Standbein zu schaffen, verkaufen dort zum Beispiel Mund-Nasen-Masken. Leider hat die Politik derzeit den Fokus nicht auf solch kleinen Unternehmen. 

Andreas Wahler, Puppenspieler

Ja, die Coronakrise hat auch mich voll erwischt. Da ich seit März keine Einnahmen aus meiner Tätigkeit als Puppenspieler und als Maskenfrau Theofine habe, muss ich mich von einigen liebgewonnenen Dingen trennen. Angefangen hat es damit, dass ich den Großteil meiner Zauberutensilien an einen Second-Hand Zauberhändler verkauft habe. Versucht habe ich Theofineauftritte für Privatfeiern digital zu „vermarkten“. Einem Kind konnte ich digital zum Geburtstag gratulieren. So richtig Fuß fassen konnte ich mit den digitalen Angeboten nicht. Ich sehe ein Licht am Ende meines persönlichen Coronatunnels, denn ich habe gerade einen Auftrag von der Stadt Fulda und dem Landkreis Fulda erhalten. Ich werde Zehn Video-Clips mit der Solopuppe Wuschel von jeweils rund fünf Minuten produzieren. Diese Clips werden dann den Kindern Zuhause zum Anschauen angeboten. Der erste Clip ist ab jetzt über die Homepages von Stadt und Landkreis Fulda abrufbar. 

Kaspar & Gaya, Clown-Duo

Kunst und Kultur scheinen im Moment ganz vergessen. Die Wirtschaft hat eben immer Vorrang. Ein Kollege von uns sagte neulich: Bevor ich jetzt anfange, alles ins Internet zu stellen, verrecke ich lieber hustend in der Ecke. Das ist zwar drastisch, aber wir empfinden das ähnlich. Die Darstellung muss live sein, der Künstler ist das Kunstwerk. Und das kann man nicht digitalisieren. Wenn uns die Gesellschaft keinen Raum dafür gibt, dann lieber gar nicht. Unser Fest „Der Wald lacht“ würden wir im Sommer auf jeden Fall veranstalten. Eventuell müssen wir es bis dahin auf 99 Zuschauer pro Abend beschränken. Aber Kultur zu machen, das kann uns doch eigentlich niemand verbieten. Oder?

Dieter Sinsel, Vogelsberger Hof

Der 13. März war der Tag, an dem alles über uns zusammengebrochen ist. Uns sind 15 Veranstaltungen weggebrochen, und 25 Absagen gab es auch noch für unsere Event-Gastronomie. Unsere Küche hat uns jetzt erstmal gerettet. Meine Frau und ich stehen jeden Tag zwölf Stunden in der Küche für unseren Abholservice. Da generieren gerade einmal 20 Prozent des eigentlichen Umsatzes. In unserem Biergarten steht eine mobile Zapfsäule, wo die Kunden mit ihren Gefäßen kommen und Bier abfüllen können, natürlich mit den dazugehörigen Hygienestandards. Man muss jetzt im Moment einfach innovativ sein. Bei uns sprudeln die Ideen gerade. Und dann müssen wir natürlich sehen, wie es im Herbst weitergeht. Ehrlich gesagt, habe ich da kein gutes Gefühl.

Michael Kling, Alte Piesel

Als Selbstständiger muss man immer damit rechnen, dass nicht alles glatt läuft. Aber nun ist es uns von Staatsseite verboten zu arbeiten. Und wir haben absolut keine Planungssicherheit. Was ist in zwei, drei Monaten? Vermutlich können wir frühestens im Herbst unter strengen Auflagen wieder die ersten Indoor-Konzerte veranstalten. Und auch das Open Air bei antonius steht auf der Kippe. Denn nach wie vor ist unklar, was genau unter Großveranstaltung fällt. Doch es gibt auch Positives zu berichten. Als Gastronom erfahre ich derzeit sehr viel Wertschätzung. Man merkt: Den Leuten fehlt was. Im Moment planen wir Live- Streams von Discos und einem Konzert mit Andreas Kümmert. Da besteht aber noch Klärungsbedarf.

Roland Keidel, Music On Top

Nach dem Konzert in 2019 mit 3000 Besuchern hatten wir die Vorbereitungen für 2020 schon in trockenen Tüchern, besonders die Verträge mit den beiden Tribute-Bands Kain Adams und Bosstime. Den Start des Vorverkaufes können wir mit Blick auf den Konzerttermin 15. August auch auf Juni verschieben. Daher haben wir auch noch etwas Zeit bis zu einer Entscheidung. Die Lage in Sachen Corona entwickelt sich ja sehr dynamisch. Und die Hoffnung auf ein eventuell doch noch im August mögliches Open-Air-Highlight stirbt ja bekanntlich zuletzt. Wir würden unseren Besuchern sehr gerne wieder „Sounderlebnisse mit atemberaubendem Weitblick“ bieten, wie die Fuldaer Zeitung am 12. August 2019 titulierte.

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