Virologen Aufsteiger des Jahres

Coronavirus macht Wissenschaftler berühmt - Der Hype um Christian Drosten und Co.

Corona hat Christian Drosten und viele weitere Wissenschaftler zu den Aufsteigern des Jahres 2020 gemacht. Manches deutet aber darauf hin, dass es sich um einen vorübergehenden Hype handelt. Experten erklären das Phänomen.

Die Corona-Krise hat Wissenschaftler wie den Charité-Virologen Christian Drosten schlagartig berühmt gemacht. Experten ordnen das Phänomen ein.

Aus der stillen Kammer mitten ins Rampenlicht
Wahrscheinlich gibt es demnächst irgendwann eine Fernsehserie mit einem Virologen als Helden. Ein schlaksiger Doktor, die Haare ein wenig struppig, das Gesicht übernächtigt, die Kleidung zerknittert. Wenn er von Reportern interviewt wird, wirkt er einen Tick ungeduldig, so als müsste er eigentlich schon wieder bei der Arbeit sein. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre rein zufällig. Virologe mit sieben Buchstaben – vor einem Jahr hätte man da passen müssen, jetzt ist es eigentlich zu einfach. Drosten, Christian Drosten, ist der Aufsteiger des Jahres, und in seinem Gefolge viele andere Virologen. Ihre Prominenz kommt so unvorhergesehen wie die ganze Pandemie. In der Corona-Krise sind sie die Superhelden, die das Monster niederringen müssen. (Lesen Sie hier: Virologe Christian Drosten widerlegt These von Anwalt Reiner Füllmich)
Drosten und #corona sind auf Twitter die Stars
Auch bei Twitter wurde Drosten im Corona-Jahr zum Star. Der Virologe hat in dem sozialen Netzwerk 2020 deutschlandweit das größte Wachstum an Followern verzeichnet, wie der Jahresrückblick des US-Unternehmens für Deutschland gerade erst zeigte. Und der Hashtag #corona belegte Platz eins der Liste am häufigsten verwendeter Schlagwörter bei Twitter.
Sind Virologen die heimlichen Herrscher?
Zuweilen wird gar von einer Herrschaft der Virologen gesprochen – schließlich behaupten Politiker mitunter, sie würden nur ausführen, was die Experten ihnen vorgäben. Der Soziologe Armin Nassehi von der Universität München glaubt das allerdings nicht: „Es gibt keine Herrschaft von Wissenschaftlern. Wissenschaftler stellen Forschungsergebnisse zur Verfügung, aber die Politik muss das in Entscheidungen umsetzen.“ Das geschehe nie eins zu eins, schon deshalb nicht, weil die Erkenntnisse und Empfehlungen der Wissenschaftler selten eindeutig seien. „Schon die einzelnen Virologen ziehen ja oft sehr unterschiedliche Schlüsse“, sagt Nassehi.

Corona macht Christian Drosten und Co. berühmt - Der Hype um die Wissenschaftler

Zehn Virologen, zwölf Meinungen?
Die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Katja Becker, würde sich wünschen, dass zumindest die Virologen öfter mit einer Stimme sprächen. „Wenn Sie zehn Virologen eine Frage stellen, erhalten Sie unter Umständen mehrere verschiedene Antworten.“ Das sei einerseits zwar verständlich, denn jeder habe seinen eigenen Erfahrungshorizont. Zielführender wäre aber gerade in der aktuellen Pandemiesituation, wenn die Wissenschaftler zunächst untereinander diskutieren und sich dann möglichst auf eine gemeinsame Linie einigen würden. „Das wird leider zu selten getan“, bedauert Becker.
Was interessiert das Geschwätz von gestern?
Manche Virologen haben während der Pandemie Meinungen geändert, andere treten – wie Hendrik Streeck – mit teils konträren Ansätzen ins Rampenlicht. „Was aber eben daran liegt, dass sie heute mehr wissen als damals. Aber für die Öffentlichkeit ist das schwer. Das Publikum denkt: Einmal sagen sie dies, einmal jenes.“ So kommen Hochachtung und Enttäuschung zusammen. Aber das sei unvermeidbar, meint Nassehi, „denn das gehört zur Arbeitsweise von Wissenschaft: permanente Selbstkorrektur und Weiterentwicklung.“
Ist doch egal, was der nette Typ erzählt...
Christian Drosten hält schon seit Anfang des Jahres die Pole-Position unter den Pandemie-Erklärern. Sein „Coronavirus-Update“ hatte allein bis zur Sommerpause mehr als 60 Millionen Abrufe und wurde mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Daraus dürfe man allerdings nicht schlussfolgern, dass Millionen Drosten-Hörer den Ehrgeiz hätten, das Corona-Thema wirklich zu durchdringen, schränkt der Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg ein. (Bleiben Sie mit unserem Corona-News-Ticker für Hessen auf dem Laufenden.)
„Aus der Nachrichtenforschung wissen wir, dass die Leute die Tagesschau nicht unbedingt einschalten, um sich zu informieren. Die meisten können kurz nach dem Ende der Sendung weniger als 20 Prozent der Meldungen wiedergeben.“ Das Nachrichtenschauen habe eher die Funktion eines Screenings: Ist noch alles in Ordnung? Viele Menschen mögen es auch, den Abend mit Marietta Slomka oder Ingo Zamperoni abzuschließen – sie sind für sie wie gute Nachbarn, die man zu kennen glaubt. Die Medienforschung bezeichnet das als „parasoziale Beziehung“. „Und das ist bei Herrn Drosten vermutlich ähnlich“, sagt Schwab.

Christian Drosten und Co. in der Corona-Krise: Erst gefeiert, dann verbrannt?

Das Coronavirus hat Wissenschaftler in diesem Jahr schlagartig berühmt gemacht.
Für immer die Gesichter der Krisenzeit?
Eine Kölner Medizinerin – die lieber nicht namentlich genannt werden will – ist wochenlang mit dem Drosten-Podcast eingeschlafen, weil sie seine Stimme so angenehm und beruhigend findet. Der Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar ist überzeugt: „Christian macht das super, aber er ist absolut nicht verständlich. Ich glaube eher, dass er für die meisten Menschen die Funktion eines Flugkapitäns hat: Der klingt auch bei Turbulenzen noch so, als ob er alles im Griff hat.“
Yogeshwar stellt fest, dass es immer wieder Phasen gegeben habe, in denen die Wissenschaft besonders gefragt gewesen sei – ein Beispiel dafür sei die Atomkatastrophe von Fukushima vor fast zehn Jahren. Damals wurde auch er als Experte durch die Talkshows gereicht: „Heute erinnert sich niemand mehr daran.“ Yogeshwar rechnet damit, dass die Menschen die Pandemie möglichst schnell verdrängen werden, wenn sie erst einmal überstanden ist. „Dann wird man bestimmte Namen und Gesichter mit dieser schlimmen Zeit assoziieren, und schlechte Zeiten will man vergessen.“ Der Medienprofi hat Christian Drosten deshalb schon im Frühjahr vorgewarnt. „Ich habe zu Christian gesagt: Jetzt wirst du gefeiert, am Ende wirst du verbrannt.“ (Von Christoph Driessen, dpa)

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