Lutz Helmig ist Chirurg und Unternehmer. Der Grebenhainer ist Gründer der Helios Kliniken und hat damit eine Revolution in der Organisation von Kliniken in Deutschland durchgesetzt.
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Lutz Helmig ist Chirurg und Unternehmer. Der Grebenhainer ist Gründer der Helios Kliniken und hat damit eine Revolution in der Organisation von Kliniken in Deutschland durchgesetzt.

Aufzüge seien Hotspots

Dr. Lutz Helmig zu Corona-Maßnahmen: „Masken im Freien zu tragen, ist unnötig“

  • Volker Feuerstein
    vonVolker Feuerstein
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Masken für Schulkinder, Hände desinfizieren und Frischluftdüsen im Flieger ein- oder ausschalten? Es gibt viele Fragen, die das Leben mit Corona mit sich bringt. Zu den Forschern, die neue Erkenntnisse zusammenfügen, gehört Dr. Lutz Helmig (75). Wir sprachen mit ihm über den aktuellen Wissensstand.

Viren können mutieren, werden auch harmloser, Sars-CoV-2 bleibt bis jetzt virulent. Was ist der Grund dafür?
Die Sars-CoV-2-Viren sind circa 30 Prozent größer als die auch zur Coronagruppe gehörenden Influenzaviren. Ihre RNA ist sehr viel länger und generiert Reparaturproteine. Duplikationsfehler kann dieses Virus mit Bordmitteln bekämpfen. Das könnte einen Teil seiner längerdauernden Virulenz ausmachen.
In welchen Situationen sehen Sie die größte Infektionsgefahr?
Wahrscheinlich ist, dass aus dem Nasen-Rachenbereich abgehustete oder hinaus genieste Viren-Aerosole nur gering infizieren, da sie im Schleim eingebettet sind. In dieser Hülle fliegen sie beim Niesen oder Husten weiter als die kleinen Atem-Aerosolteilchen, sinken wegen des hohen Gewichts dieser Tröpfchen aber schnell zu Boden. Bei einer Coronainfektion sind hustende und niesende Erkrankte nicht so gefährlich wie die still Atmenden.
NameLutz Mario Helmig
BerufUnternehmer, Chirurg
Geburtstag26. Januar 1946
BücherGesundheit und Freiheit: Entwurf einer Gesundheitswirtschaft für freie Bürger
Wieso sind die Krankheitsverläufe so unterschiedlich?
Es wird vermutet, dass Menschen schon beim ersten Nasen-Rachenkontakt eine Immunabwehr aufbauen, die dann beim späteren Luftkontakt der Viren mit den tiefer im Bronchialbaum gelegenen Pneumozyten das Andocken und die Vermehrung mindert. Zur eigentlichen Krankheit Covid-19 kommt es erst, wenn eine hinreichende Zahl menschlicher Zellen in den Lungenalveolen oder im Nasen-Rachenraum infiziert ist. Ob es dazu kommt oder nicht, hängt neben der Zahl der infizierten Zellen von der Immunabwehr ab, die mit zunehmendem Alter schwächer wird. Allerdings haben ältere Menschen oft schon Infektionen mit anderen, eher harmloseren Coronaviren gehabt, was die Immunabwehr stärkt.
Dennoch sind ihre Krankheitsverläufe meist schwerer?
Der Schweregrad der Infektion ist in der Tat überwiegend altersabhängig. Von den Patienten, die stationär aufgenommen wurden, verstarben in Deutschland unabhängig von der Behandlungsart circa 20 Prozent. Das Risiko für Krankenhauspatienten unter 50 Jahren lag in der Helios-Studie unter 1 Prozent, von den 50- bis 59-Jährigen verstarben 2,5 Prozent, von den 60- bis 69-Jährigen 8,7 Prozent, von den 70- bis 79-Jährigen 22,2 Prozent – und von den über 79-Jährigen 30,1 Prozent. Männer sind etwas häufiger als Frauen betroffen. 
Wie viele der Infizierten erkranken überhaupt an Corona?
Das ist nicht gesichert. Es darf vermutet werden, dass das Erkrankungsrisiko mit dem Sterberisiko korreliert. Wenn sich in einem schlecht belüfteten Raum 100 Menschen aufhalten und in der Luft stehen Virus-befrachtete Atem-Aerosole, infizieren sich alle, aber erkranken werden nur 1 Prozent der Jungen, aber 30 Prozent der Alten.
Wie verläuft die Infektion bei Erwachsenen?
Die Krankheitsverläufe bei Erwachsenen können sehr verschieden sein, aber die folgenden Symptome treten häufig auf: Die Infektion geschieht sieben bis zehn Tage vor den ersten Krankheitszeichen. Diese sind drei bis fünf Tage Fieber über 38 Grad, heftige Kopfschmerzen, Verlust des Geruchs-, seltener auch des Geschmackssinns. Appetitlosigkeit, Durchfall, Luftnot beim Treppensteigen und allgemeine Abgeschlagenheit gehen mit dieser hochfiebrigen Phase einher. Das Fieber klingt dann zwei bis drei weitere Tage langsam ab. Es kann zu einem erneuten Fieberschub zehn bis zwölf Tage nach Krankheitsbeginn kommen. 
Wie soll man sich bei einer Infektion verhalten?
Solange man in Ruhe genügend Luft bekommt, ist der Gang zum Arzt oder Krankenhaus für den Patienten und seine Angehörigen nutzlos. Er sollte in seiner häuslichen Umgebung bleiben, in seinem Schlafzimmer verharren, den Kontakt mit den Angehörigen meiden, reichlich trinken und sich vom Hausarzt telefonisch beraten lassen. Mehr kann bei diesem Verlauf im Krankenhaus für ihn auch nicht getan werden. 
Sollen Schulkinder während des Unterrichts Masken tragen?
Bei den Sechs- bis Zehnjährigen spricht einiges dafür, dass darauf verzichtet werden kann. Bei den Älteren gelten dieselben Vorsichtsmaßnahmen wie für Erwachsene. Das Maskentragen ist für die Lehrer wichtig, insbesondere nach den Ferien. Das gleiche gilt für die Fahrer der Schulbusse. 
Es gibt noch keine Impfung, wie sieht es mit Medikamenten aus?
In der Behandlung der Covid-19 Erkrankung hat es Fortschritte gegeben, die sich nicht in der Frage der Beatmungsart erschöpfen. Stichworte sind Dexamethason, antivirale Medikamente wie Remdesvir, antibakterielle Abdeckung mit Makroliden und zur Thromboseprophylaxe Heparin.

Lesen Sie hier: Was sagt Deutschlands Top-Virologe Hendrik Streeck zu einem möglichen Impfstoff in der Corona-Krise? Hier lesen Sie, wie der Leiter der Heinsberg-Studie mit Verschwörungstheorien aufräumt . Außerdem: Sucharit Bhadki fordert Aufhebung der Corona-Maßnahmen.

Wird es bald einen Impfstoff geben?
Bezüglich einer schnellen Entwicklung eines Impfstoffes und seiner umfassenden Wirkung sollten wir keine Euphorie aufbauen, egal wieviel Geld und Geist man investiert. Gegen Influenza haben wir auch noch keinen zuverlässigen Impfschutz. Der Influenzaverlauf wird wohl nur dann abgeschwächt, wenn die Impfungen über mehrere Jahre hintereinander durchgeführt wurden. Das könnte bei Corona ähnlich sein. 
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu erkranken?
Die Wahrscheinlichkeit, an dieser Infektion zu erkranken, ist exponentiell altersabhängig. Sie liegt vermutlich für unter 50-Jährige unter 1 Prozent, bei über 80-Jährigen über 30 Prozent. Das Tragen von Masken im Freien ist unnötig, dort muss auch kein Abstand eingehalten werden, falls man nicht gerade in Menschenmengen gerät. Singen, Grölen und Feiern im Kreis einander unbekannten Menschen sollte man aus Eigeninteresse weiterhin meiden. Großveranstaltungen sollten nach heutigem Kenntnisstand weiterhin untersagt bleiben. 
Wie kann man in geschlossenen Räumen das Infektionsrisiko mindern? 
In geschlossenen Räumen müssen Lüftungen im Hinblick auf Atem-Aerosole zum Teil neu konzipiert werden. Atem-Aerosole sind mit 37 Grad wärmer als die Umgebungsluft und streben daher eher nach oben als nach unten. Klimaanlagen sollten die Luft von unten zuführen und nach oben absaugen. Die zugeführte Luft muss mit Hepa-Filtern oder anderen effektiven Systemen gereinigt sein. Wo die Effektivität der Raumlüftungen nicht nachgewiesen ist, müssen in Innenräumen weiterhin Masken getragen werden.
Wie ist die Situation in Flugzeugen? 
Wahrscheinlich müssen auch die Flugzeugbelüftungen umkonstruiert werden. Die Frischluftzufuhr sollte von unten nach oben erfolgen, also genau umgekehrt wie derzeit. Da dies so schnell nicht möglich sein wird, sollten die Airlines die Frischluftdüsen mit Klebebändern auf „offen“ fixieren und den Passagieren raten, wegen der heftigen Luft eine Kopfbedeckung zu tragen. Unter dieser Luftdusche von oben dürften Aerosole nur eine geringe Verbreitung erfahren. Bei hoher Passagierlast ohne freie Sitze sollten dennoch Masken getragen werden.
Sollte man noch Aufzüge benutzen?
Aufzüge sind „Hotspots“ in Corona-Zeiten. In ihnen steht die Luft, weshalb man eine Maske tragen sollte, selbst wenn man darin alleine steht. Denn die Aerosole werden zu gering hinausgespült. Man sollte die Aufzüge so programmieren, dass die Türen beim Stillstand offenstehen. Das verzögert die Verfügbarkeit, fördert aber den Luftaustausch und senkt das Risiko.
Wie groß ist die Infektionsgefahr durch Händeschütteln?
Das Virus kann – anders als Bakterien – nach neueren Untersuchungen über Handkontakte nicht übertragen werden. Das braucht aber nicht weiter erforscht werden, da der Verzicht auf den Begrüßungshandschlag und das Bussi-Bussi-Gehabe als globale Anpassung zu begrüßen ist. Das Armanstoßen ist ein Rückfall in die Steinzeit. Die allen Menschen verständliche Bekanntmachung ist die leicht angedeutete Verbeugung. 
Desinfizieren der Hände ist also überflüssig?
Über das Waschen mit Seife hinaus ist das Desinfizieren der Hände wegen Corona kostentreibend und unnötig. Gleiches gilt für die Desinfektion von Oberflächen, auch sie ist im Hinblick auf Coronaviren überflüssig. Wie generell in der Hygiene ist die makroskopische Sauberkeit ohne feuchte Ecken entscheidend. Viren haften an den Oberflächen dank der van der Waal’schen Kräfte, man wird sie mit einer Berührung kaum dazu bringen können, als Aerosol in die Luft zu steigen. Denn Aerosole halten sich nicht auf Oberflächen, sie trocknen aus. Und nackte Viren haben keine Flügel. 

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