Eine der Hauptaufgaben des Gesundheitsamtes ist aktuell die Nachverfolgung zur Quelle der Infektion. (Symbolbild)
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Eine der Hauptaufgaben des Gesundheitsamtes ist aktuell die Nachverfolgung zur Quelle der Infektion. (Symbolbild)

Lage im Griff

Coronavirus-Infektionsquelle auf der Spur - Nachverfolgungsteam des Fuldaer Gesundheitsamts meist erfolgreich

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
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Die Zahl der Coronavirus-Infizierten wächst stark – bundesweit und im Landkreis. In Fulda wurde am Mittwoch die Warnstufe Orange erreicht, am Freitag nun Warnstufe Rot. „Trotz des Anstiegs haben wir die Lage hier im Griff“, sagt Vize-Landrat Frederik Schmitt (CDU). Er warnt aber: „Die Situation kann aber schnell außer Kontrolle geraten.“

Fulda - Der Landkreis Fulda hat die Corona-Warnstufe Rot erreicht – das bedeutet mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Landrat Bernd Woide (CDU) hatte befürchtet, dass der Landkreis erst am Wochenende die Zahl 50 überschreitet – nun müsse der Kreis weitere Maßnahmen ergreifen, wie es in anderen Landkreisen bereits geschieht.

Um der Lage Herr zu bleiben hat das Fuldaer Gesundheitsamt zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Als wichtige Maßnahme im Kampf gegen das Coronavirus gilt das Nachverfolgen und Unterbrechen der Infektionsketten: Wenn die Gesundheitsämter von einer Corona-Infektion erfahren, versuchen sie, alle nahen Kontakte des Infizierten zu finden und zu isolieren, damit nicht weitere Infektionen hinzukommen.

Nachverfolgung von Corona-Infektionen beim Fuldaer Gesundheitsamt: Ansteckungen im Familienkreis häufig

Weiß der Landkreis Fulda, was genau die Infektionszahlen in Osthessen nach oben treibt? „In zwei Drittel der Fälle wissen wir, wo sich der Infizierte höchstwahrscheinlich angesteckt hat. Es gibt nicht den einen großen Faktor, etwa eine große Hochzeit oder eine Megafete“, erklärt Dr. Susanne Reinisch, Leiterin der „Besonderen Aufbau-Organisation (AO) Corona“ des Kreises.

Die meisten Infizierten haben sich im Familienkreis angesteckt, etwa bei einer Geburtstagsfeier, erklärt Reinisch. Am vergangenen Wochenende wurden 34 neue Fälle gemeldet: 20 davon waren enge Kontaktpersonen von bereits bekannten Infizierten, neun waren mit Grippe-Symptomen beim Arzt und wurden dann getestet.

Vor einigen Wochen wurden elf Fälle in einer Familie festgestellt. „Da war es besonders wichtig, dass wir die Infektionsketten unterbrechen konnten; eine unmittelbar bevorstehende Hochzeit wurde abgesagt – gerade noch rechtzeitig, denn die ersten Gäste waren bereits unterwegs“, berichtet Silvia Svoboda, Infektionsermittlerin in der AO.

Gesundheitsamt Fulda: Nachverfolgungsteam hat auch am Wochenende keine Pause

Zu den Aufgaben der Einheit gehört das Betreuen der Hotline (0661) 60066009 (wochentags von 7.30 bis 16.30 Uhr, freitags bis 15.30 Uhr), die Auswertung der Meldungen von Reiserückkehrern aus Risikogebieten (sie müssen zwingend in Quarantäne), die Genehmigung großer Veranstaltungen und die Anordnung von Quarantänen.

„Das Herzstück der Einheit ist der Bereich Nachverfolgung von Infektionsketten. 15 Personen arbeiten hier, zum Teil auch am Wochenende“, berichtet Vize-Landrat Schmitt. „Menschen im Umfeld von Neuinfizierten finden, bevor sie andere anstecken – das ist ganz wichtig.“

In der Regel morgens kommen die Ergebnisse der Labore: Wenn Bürger beim Arzt oder im Testcenter positiv getestet werden, müssen die Labore die Infektion an das Gesundheitsamt melden. Schon bei der Abgabe der Probe muss der Patient seine Adresse und eine Telefonnummer nennen.

Sofortige Quarantäne nach festgestellter Corona-Infektion

„Ich rufe dann die oder den Betroffenen an und teile ihm mit, dass er positiv getestet ist und sage ihm, dass er ab sofort unter häuslicher Quarantäne steht. Auch alle häuslichen Angehörigen stehen unter Quarantäne und müssen zum Test“, berichtet Svoboda.

Die Infizierten müssen sich von ihren Familienangehörigen separieren. Gemeinsame Mahlzeiten, schlafen in einem Zimmer – das ist nicht mehr möglich. Auch einkaufen ist untersagt. Es gibt Hilfsdienste, die das übernehmen.

„Dann fragen wir den Infizierten:Mit wem war er in den vergangenen Tagen in engem Kontakt? Ein Kategorie-1-Kontakt ist ein Mensch, mit dem der Infizierte 15 Minuten lang mit einem Abstand von weniger als 1,50 Meter zusammen war“, erläutert Svoboda. Alle Kategorie-1-Kontakte müssen zum Test und in Quarantäne. Nach sieben Tagen erfolgt ein zweiter Test.

Vize-Landrat Frederik Schmitt (Mitte) baut bei der Unterbrechung der Infektionsketten auf sein Team in der „Besonderen Aufbau-Organisation Corona“ im Georg-Stieler-Haus, darunter (von links) Birgit Sauer, Susanne Reinisch, Katharina Michel und Silvia Svoboda.

Lob für die Betroffenen: „Die allermeisten arbeiten sehr gut mit“

„Auch wenn beide Tests negativ sind, muss der Kategorie-1-Kontakt 14 Tage in Quarantäne bleiben – so lang kann die Inkubationszeit, also die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit, sein“, erläutert Schmitt.

Die Zahl der engen Kontaktpersonen ist ganz unterschiedlich:Im Schnitt sind es sieben Personen. Bei Schülern ist es oft eine ganze Schulklasse, die in Quarantäne muss – das kam aber selten vor. „Das Infektionsgeschehen in unseren Schulen war bisher überschaubar – auch wegen der guten Hygienekonzepte der Schulen. Es gab einzelne kranke Schüler, aber keine Ansteckungen in einer Schule“, berichtet Schmitt.

Bei der Ermittlung der Kontaktpersonen ist der Kreis darauf angewiesen, dass die Infizierten sagen, wer ihre Kontaktpersonen sind, auch wenn es schwierig ist, sich zu erinnern, mit wem man vor zwei Tagen in räumlich engem Kontakt stand. „In den allermeisten Fällen arbeiten die Betroffenen sehr gut mit, denn sie wollen ja ihre Familie und ihre Freunde schützen“, lobt Reinisch.

Nachverfolgung im Fuldaer Gesundheitsamt: Hohe Schlagzahl - ohne Hektik

In bisher zwei Fällen meldeten sich Bürger, weil sie eine Warnung ihrer Corona-App bekamen. „Das Problem ist, dass der Empfänger der App-Warnung nicht erfährt, welcher seiner Kontakt infiziert ist“, erläutert die Ärztin.

Schon bisher hatte ihre AO viel zu tun: Sie hat 9100 nahe und weniger nahe Kontaktpersonen ermittelt und 6000 Menschen in häusliche Quarantäne geschickt. 410 Menschen befinden sich aktuell in dieser Quarantäne.

Trotz der hohen Schlagzahl in der AO: In den Büros herrschte keine Hektik, sondern konzentrierte Ruhe – und viel Vorsicht. Die Mitarbeiter tragen ständig einen Mund-Nasen-Schutz.

Wie sich die Lage in den nächsten Tagen entwickelt?„Jetzt kommt es entscheidend auf die Disziplin bei den grundlegenden Verhaltensregeln an: Abstand, Hygiene, Masken, Lüften – und unnötige Kontakte vermeiden“, sagt Schmitt.

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