Erzieherin tröstet Kita-Kind.
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Erzieherinnen sind sich einig: Sich von den Kindern zu distanzieren, würde zu emotionalen und sozialen Defiziten führen.

Erzieherinnen aus der Region berichten

Hürden bei Abstandsregeln in Kitas: Trösten geht nicht auf Distanz

  • Nadine Buß
    vonNadine Buß
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Trösten, beim Anziehen oder dem Toilettengang helfen – in einer Kita Abstandsregeln einzuhalten, ist nahezu unmöglich. Wie die Notbetreuung mit Kindern derzeit aussieht und mit welchen Gefühlen Erzieher auf den eingeschränkten Regelbetrieb am 2. Juni blicken, darüber berichten Erzieherinnen aus Fulda und Schlüchtern.

  • Wochenlang waren Kitas in Hessen wegen des Coronavirus nur für Notbetreuung geöffnet.
  • Ab dem 2. Juni kommt es zu Lockerungen bei den Kindertagesstätten. Fuldaer Kitas nehmen den Betrieb wieder auf.
  • Unterdessen gibt es Hürden bei den Abstands- und Hygieneregeln, wie Erzieherinnen aus Fulda und Schlüchtern berichten.

Fulda/Schlüchtern - Aus den Augen von Kindern muss es merkwürdig gewesen sein: Von einem auf den anderen Tag steht die Welt Kopf. Sowohl für Kinder, die ohne die Spielkameraden in Kitas notbetreut werden, als auch für die, die den ganzen Tag mit Mama und Papa zu Hause verbringen.

Gisela Hofmann-Löffert, Leiterin des Evangelischen Kindergartens Mauerwiese in Schlüchtern.

Gisela Hofmann-Löffert, Leiterin des Evangelischen Kindergartens Mauerwiese in Schlüchtern, berichtet von drei Kindern, die zu Beginn in der Notbetreuung aufgenommen wurden – inzwischen sind es 17. „Sie kamen sich zunächst einsam und verlassen vor und haben oft den Kontakt zu den Erziehern gesucht.“

Mindestabstand in Kitas könnte zu emotionalen Defiziten führen

Schnell wurde klar: Sich von den Kleinen in solch einer Situation zu distanzieren, um den Corona-Mindestabstand zu gewährleisten, würde zu emotionalen und sozialen Defiziten führen.

Aus der Perspektive der Erzieher kam mit Beginn des Durcheinanders, das der Lockdown mit sich brachte, noch ein stetiger Begleiter hinzu: „Das mulmige Gefühl, dass sich Kinder oder Erzieher anstecken könnten“, so Hofmann-Löffert.

Erzieher: „Die einzige Berufsgruppe, die sich nicht schützen kann“

Ruth Mock, Leiterin der Kita St. Paulus in Fulda.

Auch Ruth Mock, Leiterin der Kita St. Paulus in Fulda, ging es so. „Wir sind die einzige Berufsgruppe, die sich absolut nicht schützen kann.“ Das obwohl der Hygiene-und Abstandsplan oberste Priorität hat und das Hygienekonzept stetig weiterentwickelt wird. „Auf das Händewaschen legen wir besonderen Wert – und zwar nachdem die Kinder gebracht werden, vor dem Frühstücken, nach dem Toilettengang und zu regelmäßigen weiteren festen Zeiten.“

Neben der pädagogischen Betreuung der Notgruppenkinder, die einen besonderen Aufwand der Erzieherinnen erfordert, werden laut Ruth Mock in Corona-Zeiten in unterschiedlichsten Bereichen zurzeit Aufgaben wahrgenommen, für die im Normalbetrieb kaum Zeit bleibt. Sie reichen unter anderem von der Weiterentwicklung und Überarbeitung des Qualitätsmanagements, interne Fortbildungen, dem Schreiben von Entwicklungsberichten, der Grundreinigung des Mobiliars und des Spielmaterials bis hin zur Kontaktpflege zu Eltern und Kindern.

Letzterer Punkt ist beiden Leiterinnen ein besonderes Anliegen: „Der Kontakt zu den Eltern und Kindern ist ganz wichtig. Wir haben draußen zum Beispiel einlaminierte Bilder mit Sprüchen wie ‚Wir denken an euch‘ aufgehängt und für die Kinder Bastelvideos gedreht“, so Ruth Mock. Viele Kinder konnten sich dadurch an die neue Situation gewöhnen und freuen sich darauf, dass es wieder los geht. Die Leiterin fügt an: „Darüber hinaus haben sich die Eltern sehr diszipliniert verhalten und waren ihren Kindern ein gutes Vorbild.“

Digitale Welt hilft in Corona-Zeiten

Auch das Team des Evangelischen Kindergartens Mauerwiese hat sich Besonderes für die Übergangszeit ausgedacht: „Wir haben einen Newsletter gestartet, der einmal wöchentlich verschickt wird und die Eltern mit Infos versorgt“, berichtet Gisela Hofmann-Löffert. „Außerdem steht vor dem Kindergarten eine Ideenkiste. Die Kinder können sich dort Bastelanregungen und Geschichten herausholen. Unsere Bezirkskantorin, die normalerweise den Kindergartenchor leitet, hat einen Videopodcast erstellt, in dem sie mit ihrem kleinen Freund Pete Lieder singt. Die digitale Welt hilft uns sehr weiter!“ – das weiß die Pädagogin zu schätzen.

Grundlegend hat die Pandemie laut Hofmann-Löffert zwei Seiten – und nicht alles ist schlecht: „Sie kann auch zur Zusammenführung der Familien führen“ und fügt an: „Außerdem sind Kinder spontan und nehmen eine Situation schnell an. Sicher beschäftigt es den einen oder anderen mehr. Aber oftmals zerbrechen sie sich nicht wie Erwachsene den Kopf, sondern leben im Hier und Jetzt.“ Den Leiterinnen ist daher ein besonders rücksichtsvoller und achtsamer Umgang miteinander wichtig. Und nicht zu vergessen: „Auch der Humor darf nicht verloren gehen“, hält Hofmann-Löffert fest.

Kitas beklagen Personalmangel

Den Tag der Wiederaufnahme des eingeschränkten Regelbetriebs sehen die beiden Erzieherinnen dennoch mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen. Auf die pädagogische Arbeit mit den Kindern freuen sie sich. Dennoch werde es schwierig sein, das Hygiene- und Abstandskonzept für noch mehr Kinder umzusetzen.

Hinzu komme das Problem des Personalmangels. „Wir verzeichnen ohnehin einen Erziehermangel. In Zeiten von Corona fallen zudem Erzieher weg, die einer Risikogruppe angehören oder alleinerziehend sind.“ Auch Hofmann-Löffert selbst arbeitet derzeit im Homeoffice. „Eine Kita im Homeoffice zu leiten, hätte man sich vorher nicht vorstellen können.“

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