In der Petersberger Straße in Fulda sind die Schadstoffwerte gesunken.
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In der Petersberger Straße in Fulda sind die Schadstoffwerte gesunken.

Geringes Verkehrsaufkommen 

Sorgt die Corona-Krise für bessere Luft in Fulda?

  • Walter Kreuzer
    vonWalter Kreuzer
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Das geringere Verkehrsaufkommen in den vergangenen Wochen hat deutliche Auswirkungen auf die Luftqualität. Diese hat sich verbessert und es wurden weniger klimaschädliche Treibhausgase ausgestoßen. Das belegen Messungen und Berechnungen des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG).

  • Während des Corona-Lockdowns ist der Straßenverkehr in Hessen im Mittel um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen.
  • Über alle verkehrsnahen Stationen – dazu zählt auch jene in der Petersberger Straße in Fulda – sanken die Stickstoffdioxid-Werte um etwa 45 Prozent.
  • Der Corona-Effekt sei aber nur von kurzer Dauer, sagen Experten.

Wiesbaden/Fulda - Der Lockdown wegen der Corona-Pandemie war im April erst wenige Wochen alt, schon wurde der Diesel in mancher Politikeräußerung von der Verursacherolle für die Luftverschmutzung freigesprochen. Gleichzeitig wurden die in einigen Städten geltenden Fahrverbote für die Selbstzünder in Frage gestellt.

Was war passiert? An einigen Messstellen war die Schadstoffkonzentration in der Außenluft trotz geringeren Verkehrsaufkommens gestiegen. „Im Extremfall kann eine niedrigere Freisetzung von Schadstoffen zu relativ hohen Konzentrationen in der Außenluft führen, wenn das Wetter ungünstig ist für eine Durchmischung und Abtransport der Schadstoffe“, bestätigt Professor Dr. Stefan Jacobi vom Dezernat Luftreinhaltung und Immissionen des HLNUG das Phänomen.

Wettereinfluss wurde aus Messwerten herausgerechnet

Er und seine Kollegen haben sich zunächst mit Kommentaren zurückgehalten: „In der Regel ist es sehr schwierig bis unmöglich, zu erkennen, wie sich das Verkehrsaufkommen konkret auf die Luftqualität auswirkt, wenn man nur einige Tage vor und nach der Reduzierung zum Vergleich heranzieht.“

Die Experten suchten und fanden einen Weg, den Wettereinfluss aus den Messwerten herauszurechnen. Und schließlich wurde ermittelt, wie oft eine bestimmte Konzentrationshöhe vorkommt, wenn man jeweils einen Zeitraum von sechseinhalb Wochen – das entspricht der Zeitspanne vom 23. März bis 10. Mai – vergleicht.

Wie wurde der Rückgang von Stickstoff abhängig vom Wetter berechnet?

Um die meteorologischen Einflüsse zu berücksichtigen, wurden nur die Tage für einen Vergleich herangezogen, an denen gleiche oder ähnliche Windströmungen wie ab dem Corona-Lockdown herrschten. Der Vergleichszeitraum bezog sich auf das vorhergehende halbe Jahr.

Wie wurde der Rückgang von Stickstoff unabhängig vom Wetter berechnet?

Für diese Auswertung wurde als „Corona-Zeitraum“ der 16. März bis 30. April betrachtet. Die Mittelwerte über diese circa sechseinhalb Wochen – genau 46 Tage – wurden verglichen mit allen Mittelwerten, die in den letzten fünf Jahren über ebenfalls sechseinhalb Wochen beobachtet wurden. Die Werte wurden sowohl für verkehrsnahe als auch für Stationen mit städtischem und ländlichen Hintergrund ermittelt.

Warum ist der „Corona-Effekt“ auf die Luftqualität nicht direkt ersichtlich?

Die Konzentration an NO₂ in der Außenluft hängt nicht nur von den Verkehrsemissionen ab, sondern wird auch vom Wetter bestimmt. Wind und Niederschlag oder auch trockenes Wetter beeinflussen, wie sich die Schadstoffe in der Atmosphäre verteilen. Bei hohen Windgeschwindigkeiten und viel Niederschlag werden am Boden ausgestoßene Schadstoffe gut in der Umgebung verteilt und auch aus der Atmosphäre wieder ausgetragen – die NO₂-Konzentrationen sind dann eher niedrig. Bei trockenem Wetter mit geringem Luftaustausch können sich Schadstoffe in der Nähe ihrer Quelle anreichern – die NO₂-Konzentrationen sind dann eher hoch.

Wie hat sich der Straßenverkehr durch die Corona-Maßnahmen verändert?

Das HLNUG misst in Hessen an drei Standorten in Limburg, Darmstadt und Frankfurt das Verkehrsaufkommen. Dieses ist ab dem 16. März Tag für Tag zurückgegangen. Mit Verschärfung des Kontaktverbots am 23. März gab es einen weiteren deutlichen Rückgang des Straßenverkehrs. Im Vergleich zu der Zeit vor dem Corona-Lockdown sind die Verkehrszahlen im Mittel um circa 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. Bis Anfang Juni haben sie wieder 85 bis 90 Prozent der Vor-Corona-Zeit erreicht.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Verglichen mit der Zeit vor dem Corona-Lockdown ist der Straßenverkehr in Hessen im Mittel um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. Dadurch wurden auch weniger Schadstoffe ausgestoßen.

Über alle verkehrsnahen Stationen – dazu zählt auch jene in der Petersberger Straße in Fulda – sanken die Stickstoffdioxid-Werte um etwa 45 Prozent. An manchen Stationen wurden noch nie so niedrige Werte gemessen, wie während der von Jacobi „Corona-Zeit“ genannten Periode im Frühjahr 2020.

Corona-Effekt nur von kurzer Dauer

„Diese Daten zeigen ganz klar: Weniger Verkehr führt zu weniger Abgasen, besonders beim Sticksotffdioxid. Dies ist aber kein Anlass, Maßnahmen der Luftreinhalteplanung infrage zu stellen, sondern gerade ein Beleg für deren Sinnhaftigkeit“, betont HLNUG-Präsident Professor Dr. Thomas Schmid in einer Presseerklärung.

Der Corona-Effekt sei nur von kurzer Dauer. Wenn sich der Straßenverkehr normalisiere, dann „kehren wir zu alten Immissionsbelastungen zurück. Corona hat uns gezeigt: Reduktion ist möglich – wenn wir müssen, können wir uns beschränken.“

In der Corona-Zeit: Messwerte signifikant niedriger

„Die Werte waren in der Coronazeit signifikant niedriger“, betont auch Jacobi. Im Mittel aller verkehrsnahen Stationen in Hessen wurden in diesem Frühjahr 30 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft gemessen. Jacobi: „Dieser Wert liegt elf Prozent niedriger als der niedrigste der anderen gemessen Mittelwerte.“

Aber auch an städtischen Hintergrundstationen und selbst an ländlichen Stationen seien in den vergangenen fünf Jahren selten geringere Mittelwerte für einen 46-Tage-Zeitraum ermittelt worden.

45 Prozent weniger Stickstoff in Petersberger Straße

Das, was das Landesamt für ganz Hessen ermittelt hat, gilt auch für Fulda. Jacobi gibt zu bedenken, dass „es für individuelle Stationen durchaus größere Unterschiede“ geben könnte. Der Rückgang mache sich „in der Petersberger Straße aber noch mehr bemerkbar“. Hier liegt er bei 45 Prozent.

Vor der Corona-Pandemie herrschte ein hohes Verkehrsaufkommen auf der Petersberger Straße in Fulda. (Archivfoto)

Wenngleich der Zeitraum „statistisch immer noch klein“ sei, wie Jacobi sagt, vertraut er den Ergebnissen: „Die Zahlen sind sehr robust, da an allen Stationen ein signifikanter Rückgang zu sehen ist. Andere Landesämter melden einen Rückgang in ähnlicher Größenordnung.“ Wie lange diese Verbesserung anhält, darüber will der Professor „noch keine Aussage treffen“.

Auch interessant: Forschen haben einen Zusammenhang zwischen Coronavirus-Infektionen und der schlechten Luftqualität gefunden.

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