Die DLRG warnt vor Gefahren beim Schwimmen. (Symbolfoto)
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Die DLRG warnt vor Gefahren beim Schwimmen. (Symbolfoto)

Sicherheitstipps für Kinder

Zu viele Nichtschwimmer: DLRG fürchtet durch Corona mehr Badeunfälle

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Offizielle Zahlen lassen vermuten, dass sich Deutschland zum Nichtschwimmerland entwickelt. 60 Prozent der Zehnjährigen gelten als keine sicheren Schwimmer. Nun mussten wegen Corona viele Schwimmkurse ausfallen. Immerhin: Die Zahl der Badeunfälle ist 2019 gesunken. 

  • In Deutschland gibt es immer mehr Nichtschwimmer.
  • Das Coronavirus befeuert diesen Trend, denn Schwimmkurse waren lange Zeit nicht möglich.
  • Die DLRG fürchtet deshalb, dass mehr Badeunfälle passieren.

Fulda - Laut eines Berichtes der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) hat es im vorigen Jahr bundesweit 417 Todesfälle gegeben. Das sind 87 weniger als 2018 – ein Rückgang von 17,3 Prozent. In Hessen sind 20 Personen in Gewässern umgekommen. Im Jahr davor waren es noch 36. Der Rückgang sei insbesondere auf das unterschiedliche Wetter in den beiden Jahren zurückzuführen, sagt ein Sprecher der DLRG. „Je mehr Tage wir mit hochsommerlichen Wetter haben, die zum Baden und Schwimmen einladen, desto höher fallen auch die Ertrinkungszahlen aus.“

Der Schein trügt allerdings: Die Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) befürchtet dieses Jahr eine Zunahme an Ertrinkungsfällen. Grund sind das schöne Wetter und die Lockerungen der Kontaktbeschränkungen, aber auch die Ferien, die viele dieses Jahr an Ostsee und Nordsee sowie anderen deutschen Gewässern verbringen. „Aufgrund der strengen Zugangsregeln in Freibädern weichen viele Menschen auf unbewachte Seen und Flüsse aus. Durch die Corona-Pandemie fand außerdem lange Zeit kein Schwimmunterricht statt, sodass viele Kinder nicht ausreichend geschult sind“, sagt Andreas Paatz, Bundesleiter der DRK-Wasserwacht. Er appelliert an die Eltern, auf ihre Kinder zu achten und unbewachte Gewässer zu meiden.

Keine Schwimmkurse wegen Corona: DLRG befürchtet mehr Badeunfälle

Besonders betroffen sind Kinder und junge Menschen. „Hier ist sicherlich die zurückgehende Schwimmfertigkeit bei den Kindern eine Ursache“, erklärt DLRG-Präsident Achim Haag. Und die Zahlen geben ihm recht: Inzwischen gelten 60 Prozent der Zehnjährigen (Umfrage von 2017) als keine sicheren Schwimmer. Hinzu kommt, dass Kinder oftmals lautlos ertrinken und nicht auf sich aufmerksam machen können.

Diese Tendenz bereitet auch Erik Bott, Vorsitzender der Wasserfreunde Fulda, Kopfzerbrechen. „Immer mehr Kinder können nicht schwimmen, und eine Besserung ist leider nicht in Sicht“, bedauert der Vorsitzende. Hinzu kommt die Corona-Pandemie, die für Schwimmvereine und Nichtschwimmer nachhaltige Folgen hat. Wie Bott erklärt, finden Schwimmkurse fast ausschließlich in Hallenbädern statt. Problem: Sie sind geschlossen. Zudem sei die Umsetzung der Auflagen für Schwimmkurse aktuell nur sehr schwer einzuhalten. „Wir können lediglich abwarten und hoffen, dass die Bäder bald wieder aufmachen und weitere Lockerungen kommen.“ Bott hofft, dass spätestens nach den Herbstferien wieder der Betrieb für Schwimmkurse aufgenommen werden kann.

Sicherheitstipps für Kinder im Wasser

Da Wasser auf fast alle Kinder eine enorme Anziehungskraft ausübt, sie aber noch nicht in der Lage sind, die gesamte Tragweite ihres Handelns zu überschauen, gibt die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) Sicherheitstipps für Kinder im Wasser.

• Der Erwerb des Seepferdchens ist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zum sicheren Schwimmer. Als sicherer Schwimmer gilt, wer das Jugendschwimmabzeichen in Bronze erworben hat.

Nichtschwimmer sollten immer in Armreichweite beaufsichtigt werden, auch beim Tragen von Auftriebshilfen wie Westen und Schwimmflügeln. Machen Sie Kinder möglichst früh mit dem Wasser vertraut: Kinder können schon ab fünf Jahren Schwimmen lernen, sollten aber bereits davor erste Kenntnisse und Fertigkeiten zum sicheren Verhalten am und im Wasser erfahren.

• Ertrinken ist auch in einer „Pfütze“ möglich. Am Wasser spielende Kinder sind immer durchgehend zu beaufsichtigen.

Kinder sind noch nicht in der Lage, die gesamte Tragweite ihres Handelns zu überschauen. Aus diesem Grund benötigen sie eine verantwortungsbewusste Aufsichtsperson.

• Beachte bitte die individuellen Voraussetzungen des Kindes (aktueller Entwicklungs- und Gesundheitszustand in psychischer wie auch physischer Hinsicht).

• Versuche vorausschauend Gefahrenpunkte und Gefahrenorte zu erkennen.

• Unabhängig davon, ob Kinder mit oder ohne Hilfsmittel ins Wasser gehen: Erziehungspersonen haben immer, auch bei vorhandener Badeaufsicht, die Pflicht zur aktiven und konsequenten Aufsicht.

Kinder müssen genau wissen, was erlaubt bzw. verboten ist. Sicherheit ist jedoch nicht allein durch Gebote und Verbote zu erreichen. Vor allem jüngere Kinder müssen häufiger an die wichtigsten Verhaltensregeln und Sicherheitsmaßnahmen erinnert werden, da einmalige Belehrungen vergessen werden.

Deutschlands Schwimmverbände schätzen, dass die Zahl der absolvierten Schwimmabzeichen dieses Jahr auf ein Fünftel sinken wird. Somit bleibt eine große Menge an Kindern, die schwimmen lernen wollte, Nichtschwimmer. Dass Covid-19 negative Folgen auf das Schwimmen-Lernen hat, bezweifelt Bott. „Ich glaube kaum, dass Kinder wegen der Pandemie nicht mehr schwimmen lernen wollen.“ Die Kurse der Wasserfreunde Fulda wurden im Zuge der Pandemie verschoben.

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Schwimmvereine und Grundschulen können Schwimmbäder nicht oft genug nutzen

Theoretisch könnten die jetzt ausgefallenen Schwimmkurse aufgefangen werden, ein Problem ist allerdings die Nutzung der Bäder. „Hätten wir mehr Badezeiten, könnten wir auch mehr Schwimmer ausbilden“, betont Bott. Der Faktor Schwimmbad spielt bei Grundschulen eine erhebliche Rolle, wie Sportlehrer Niklas Diel von der Diffenbachschule in Schlitz berichtet. „Wir müssen ins Hallenbad nach Lauterbach. Allein die Fahrtzeit kostet uns eine halbe Stunde.“

Generell habe der 27-Jährige beobachtet, dass immer weniger Grundschüler mit Vorkenntnissen den Schwimmkurs besuchen. Die Kinder werden in Nichtschwimmer, Schwimmer mit Vorkenntnissen und sichere Schwimmer eingeteilt. „Die Gruppe der Nichtschwimmer in der Grundschule wird immer größer“, bedauert Diel. Ein Problem: „Viele Eltern erachten das Erlernen von Schwimmen anscheinend nicht als wichtig.“ Zudem sei die Wartezeit bei einigen Schwimmkursen sehr lang.

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DLRG startet Kampagne „Sicheres Schwimmen“

Dass die Grundschüler in einem Schuljahr Schwimmunterricht zu sicheren Schwimmern ausgebildet werden, ist unwahrscheinlich. Schließlich gilt eine Person erst als sicherer Schwimmer, wenn sie das Jugendschwimmabzeichen in Bronze erworben hat. Eine zusätzliche Initiative der Eltern ist demnach wichtig. Hinzu kommt, dass immer mehr Grundschulen Schwierigkeiten haben, Schwimmen anbieten zu können.

Die DLRG hat die Aufklärungskampagne „Sicheres Schwimmen“ gestartet. Sie fordert Eltern, Lehrkräfte und Schwimmtrainer auf, ihren gesellschaftlichen Auftrag, den Kindern das Schwimmen zu lehren, ernst zu nehmen und diesen mit allen Mitteln nachzukommen.

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