Eine Frau fährt Bus und trägt dabei einen Mundschutz
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Die menschliche Psyche reagiert stark auf das Coronavirus.

Wie Menschen auf Bedrohung reagieren

Fuldaerin forscht an Corona-Auswirkungen auf Psyche der Menschen

  • vonMarius Scherf
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Covid-19 verändert die Gesellschaft – wie, das erforscht die gebürtige Fuldaerin Chiara Jutzi (24) an der Universität Salzburg. Im Interview spricht die Psychologin darüber, wie Menschen mit der Bedrohung umgehen.

Auf der einen Seite werden die Menschen in der Krise solidarischer und sind vermehrt hilfsbereit, auf der anderen Seite schotten wir uns ab, ziehen Grenzen selbst zwischen Bundesländern. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Corona ist eine reale psychologische Bedrohung für uns. Solche Bedrohungen haben spezifische neurophysiologische Auswirkungen. Studien zeigen, dass Gesellschaften unter Bedrohungen dazu geneigt sind, das politische System, in dem sie leben, eher zu befürworten. Das können wir aktuell gut beobachten: Die Zustimmung für viele Staats-chefs ist in der Krise gestiegen. Im Moment suchen Menschen nach Sicherheit. Das wird sich vermutlich auch auf die Wahl einer Partei auswirken. Gleichzeitig ist die Identifikation mit der eigenen Gruppe unter Bedrohung viel stärker. Studien zufolge nimmt der Nationalismus in solchen Krisen zu. Dem müssen wir uns bewusst sein und versuchen zu begreifen, dass wir trotzdem eine Lösung nur international, insbesondere auch als europäische Gemeinschaft finden können.
Das Virus spaltet inzwischen die Gesellschaft: Die einen wünschen sich schnellere Lockerungen, bei anderen dominiert die Angst. Welches Gefühl haben Sie ganz persönlich?
Mir bereitet die Zukunft der Europäischen Union Sorgen. Ich hoffe, dass keine nachhaltigen Einschränkungen in der Reisefreiheit und europäischen Solidarität bestehen bleiben.
Angst vor dem Virus hat sicher jeder. Warum ist das bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger ausgeprägt?
Das Gefühl der Angst selbst ist stets gleich, aber es gibt verschiedene Faktoren, die dieses auslösen: Kontrollverlust, Tod und Unsicherheit. Die Krise, in der wir uns momentan befinden, ist für Psychologen besonders interessant, weil alle Faktoren gleichzeitig als Ursache auftreten. Wir wissen noch wenig über das Virus, es ist schwer kontrollierbar und gefährlich. Wir fühlen uns durch Corona existenziell bedroht.
Es geht also um nichts weniger als das nackte Überleben?
Ja. Wir Menschen haben im Laufe der Evolution gelernt, auf Bedrohungen reagieren zu können, um das Überleben der eigenen Art zu sichern. Wir unterscheiden in unserem Modell zwischen nahen und fernen Abwehrstrategien, auf die der Mensch im Falle einer Bedrohung zurückgreift. Diese Abwehrstrategien werden während der Krise aktiviert.
Können Sie das anschaulich machen?
Nach unserem wissenschaftlichen Modell ist die nahe Strategie eine direkte, körperliche Reaktion: Unsere Aufmerksamkeit erhöht sich extrem. Wir verfolgen etwa das Nachrichtengeschehen aufmerksamer als sonst. Wenn wir keine direkten Lösungen für eine Bedrohung finden können, wenden wir uns fernen Abwehrstrategien zu. Das ist bei Corona der Fall: Wir selber haben keine Antwort auf diese neue Bedrohung, sie macht den Einzelnen machtlos.
Nicht einmal die Wissenschaft kennt Lösungen. So suchen wir Möglichkeiten, wie wir doch noch in der Krise handlungsfähig bleiben können. Hier sprechen wir Psychologen unter anderem in unserem Modell von fernen Abwehrstrategien. Diese führen aber auch nicht zur Lösung des Problems, sondern täuschen nur darüber hinweg.
Ist das der Grund, warum Hamsterkäufe stattfinden?
Ja, Hamsterkäufe sind nach diesem Verständnis Abwehrmechanismen, die uns zumindest das Gefühl geben, noch die Kontrolle über die Situation zu haben. Ich handele, also bin ich versorgt. Die fernen Abwehrstrategien führen nach unserem Modell auch dazu, dass wir uns auf uns bekannte Personen konzentrieren, uns mit unseresgleichen also stärker identifizieren. Die Familie oder die Gruppe verspricht uns Schutz. Im Positiven erklärt dies, warum wir gerade eine große Welle der Solidarität verspüren.
Und im Negativen?
Es erklärt aber auch, warum versucht wird, Corona in den Nationalstaaten zu bewältigen und nicht auf eine internationale, insbesondere europäische Lösung zu vertrauen. Auch führt eine Krise wie die aktuelle dazu, dass Menschen ausgegrenzt werden. Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, sind die, die in der Krise am meisten zu leiden haben.
Was macht die Corona-Pandemie für Sie als Forscherin so interessant?
Wir untersuchen, wie Menschen mit psychologischen Bedrohungen umgehen. Dabei interessieren wir uns vor allem für die individuelle Reaktion auf Bedrohungen, wie Terror, Klimawandel, aber auch Krankheiten. Durch unsere Studien versuchen wir, Prozesse auf individueller und gesellschaftlicher Ebene besser zu verstehen um daraus Lehren ziehen zu können. Außerdem wollen wir untersuchen, welche Strategien Menschen einsetzen, um mit der Unsicherheit in dieser Situation umzugehen. Nun wollen wir auch die langfristigen psychologischen Folgen des Coronavirus und der Isolation betrachten.
Wie finden Sie das heraus?
Eigentlich arbeiten wir mit neurowissenschaftlichen Methoden und versuchen, Erkenntnisse etwa mit Hilfe von EEG – am Kopf angebrachten Elektroden – zu gewinnen. Diese Arbeit findet nahe am Menschen statt – das geht momentan ja nicht. Jetzt versuchen wir mit Hilfe von Fragebögen zu verstehen, welche Erfahrungen, Gefühle und Wahrnehmungen unsere Einschätzung der Situation beeinflussen.
Die Psychologin Chiara Jutzi erklärt, welches Bedrohungsszenario durch Corona entsteht und wie wir Menschen darauf reagieren.

Chiara Jutzi

Chiara Jutzi ist Doktorandin für soziale Neurowissenschaften an der Universität in Salzburg, wo sie nach dem Abitur an der Fuldaer Winfriedschule Psychologie studierte.

Ihr Weg führte sie im Rahmen von diversen Austauschprogrammen bereits zur UN nach New York oder an das University College London.

Zurzeit hat es die 24-Jährige aufgrund des Coronavirus aber wieder nach Fulda verschlagen, wo sie nun unter anderem untersucht, wie Menschen auf die Bedrohung durch Corona reagieren.

Wenn sie selbst etwas hamstern würde, so sagt sie, wäre dies Kaffee.

Die Psychologin Chiara Jutzi erklärt, welches Bedrohungsszenario durch Corona entsteht und wie wir Menschen darauf reagieren.

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