Die Tätowiernadeln stehen seit dem 1. November still (Symbolfoto).
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Die Tätowiernadeln stehen seit dem 1. November still (Symbolfoto).

Angst vor Schuldenspirale

Corona: Tätowierer fühlen sich von Politik im Stich gelassen - Ladenbesitzer aus dem Kreis Fulda frustriert

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Seit dem 1. November stehen die Nadeln in den Tattoostudios still. Wann die Betreiber wieder ihre Arbeit aufnehmen dürfen, ist Zukunftsmalerei. Die Kassen sind leer, die Existenzen vielerorts bedroht. 

Hünfeld - Der Aufschrei unter den Tätowierern war groß, als sie bereits am 1. November ihre Türen für Kunden schließen mussten. „Wir wollen es verstehen, warum es ausgerechnet uns getroffen hat“, hadern die Tätowierer und Ladenbesitzer Dennis Weishahn (Silent Lines Skinart in Hünfeld) und Christoph „Hille“ Hillenbrand (Inklusion Tattoo in Steinbach). Natürlich sei das Infektionsgeschehen ernst, betonen sie und fügen an: „Warum aber durften Friseure bis zuletzt offen haben. Wo werden fairere Grenzen gezogen?“ Ein berechtigter Einwand, schließlich kann das Duo eine ideale Umsetzung der Hygienevorschriften vorweisen. „Das soll jedoch nicht falsch verstanden werden. Wir gönnen jedem sein Geschäft und seine Einnahmen“, fügen die beiden hinzu.

Tätowierer unter sich im Lockdown: Dennis Weishahn (links) und Christoph Hillenbrand.

„Im Prinzip sind wir ausgestattet wie ein Krankenhaus“, verdeutlicht Weishahn. Bereits vor Corona haben Tattoostudios einen großen Wert auf Hygiene gelegt. Das Desinfizieren der Arbeitsfläche und Arbeitsutensilien sowie die Verwendung von steril abgepacktem Einwegmaterial gehört seit Jahren genauso wie eine mehrtägige Schulung, in der Themen wie Hygiene behandelt werden, dazu. „Wir arbeiten an offenen Wunden. Da muss in unseren Studios alles steril sein“, erklärt Hillenbrand. Auch das Tragen einer Maske beim Tätowieren gehörte bereits vor Corona zumindest teilweise zum Alltag. (Lesen Sie hier: Corona in Hessen: Mehr als 9000 Menschen sind bereits geimpft, RKI meldet 129 weitere Todesfälle).

Corona-Krise: Die Tätowierer fühlen sich von der Politik im Stich gelassen

Aufgrund fehlender Lobbyarbeit und einem teils noch gesellschaftlichen Verruf sei das Handwerk der Tätowierer während der Corona-Krise hinten runter gefallen. Eine Debatte sei politisch kaum geführt worden. „Natürlich ist Politikern der Gang zum Friseur wichtiger als der zum Tätowierer“, äußert der Hünfelder. Hillenbrand ergänzt: „Viele wissen gar nicht, wie es bei uns abläuft. Es ist nicht mehr so wie vor 30 Jahren, dass jemand ohne Hygienemaßnahmen im Hinterhof tätowiert wird.“ Denn beide sind sich sicher: Das Ansteckungspotenzial sei schwindend gering. „Wir haben einen, maximal zwei Kunden am Tag. Auch die Nachverfolgung im Falle einer Infektion ist aufgrund ausgefüllter Einverständniserklärungen ein Kinderspiel.“

Eine Öffnung am 11. Januar halten Hillenbrand und Weishahn für unwahrscheinlich. „Die finanziellen Sorgen fangen beim Aufstehen an und hören beim Schlafengehen auf und kehren auch in der Nacht wieder“, verdeutlicht der Steinbacher die finanzielle Situation. „Ich bin froh, dass meine Partnerin ihren Job noch hat – sonst wäre bei meinem Laden schon lange das Licht ausgegangen.“ Auch Weishahn berichtet, dass er sich bereits Geld von seinen Eltern leihen musste und nun auf die Einkünfte seiner Freundin angewiesen ist.

Kauf von Gutscheinen: Kunden wollen Tätowierer unterstützen

Zwar können Tätowierer Novemberhilfen beantragen, die Auszahlung steht aber noch aus. Das Fazit: Seit zwei Monaten keine Einnahmen, sondern nur Ausgaben wie Miete, Steuern und Nebenkosten. Eine angebotene Hilfe der Bundesregierung: Kleinkredite bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau mit einem geringen Zinssatz. „Auch wenn wir kaum Zinsen zahlen müssen. Wer garantiert mir, dass im Sommer nicht der nächste Lockdown kommt und ich erneut einen Kredit aufnehmen muss“, sagt Hillenbrand. Die Angst vor einer Schuldenspirale sei enorm.

Hoffnung machen den Tätowierer ihre Kunden, die den Inhabern unter die Arme greifen möchten. So wurden bereits Spendenaktionen angeboten. Auch wollten Kunden Gutscheine kaufen, Tattoos im Vorfeld bezahlen oder das Wunschmotiv auf eine Leinwand gezeichnet haben. Angebote, die die zwei noch nicht angenommen haben. „Für nicht gemachte Arbeit nehme ich auch kein Geld. Und Gutscheine verschieben das finanzielle Problem leider nur“, entgegnet Weishahn. Dennoch sei es eine solidarische Bewegung, die den Tätowieren Mut macht.

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