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Keine Touristen wegen behinderter Menschen? Harsche Kritik an Flugblatt-Aktion in Tann

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Von: Hartmut Zimmermann

Beim 25-Jährigen der Tanner Diakonie im Jahr 2016 wurde die Innenstadt zum Wohnzimmer mit Kaffeetafel. Aktuell scheinen manche die Gegenwart behinderter Menschen als ein Problem zu sehen.
Beim 25-Jährigen der Tanner Diakonie im Jahr 2016 wurde die Innenstadt zum Wohnzimmer mit Kaffeetafel. Aktuell scheinen manche die Gegenwart behinderter Menschen als ein Problem zu sehen. © Archiv Fuldaer Zeitung

Per Flugblatt haben sich drei Personen aus Tanns Kommunalpolitik zu Wort gemeldet. Sie schreiben, die Kernstadt entwickle sich aufgrund der Präsenz von Klienten der Tanner Diakonie zu einer „Sonderwelt“. Das könnten und wollten viele Touristen nicht aushalten.

Tann - Unterzeichnet ist das zweiseitige Flugblatt von Andrea Willing, Klaus Dänner und Brunhilde Fischer. Die drei vereint ihre Tätigkeit in der Kommunalpolitik: Willing führt die Stadtverordnetenfraktion der FDP, Dänner und Fischer sind für diese Partei Mitglieder des Magistrats. Allerdings betont Willing im Gespräch mit der Redaktion, dass dies eine Personen- und keine Partei-Initiative sei.

In dem Flugblatt formulieren die drei, dass selbst langjährige Gäste dem Rhöner Luftkurort Tann (Kreis Fulda) den Rücken kehrten, „weil gerade im Marktplatzbereich eine Konzentration von Touristen und des Diakoniezentrums vorliegt und Berührungspunkte unausweichlich sind. Das mit dem Krankheitsbild der Menschen mit geistigen und seelischen Behinderungen einhergehende Verhalten wie mangelnde Distanz können und möchten viele Touristen nicht aushalten.“

Rhön: Flugblatt-Aktion - Schrecken Behinderte in Tann Touristen ab?

Zudem verweisen sie darauf, dass die Tanner Diakonie als gemeinnützige Einrichtung keine Gewerbesteuer zahle und wecken den Anschein, als habe Tann von der Arbeit der Einrichtung keine materiellen Vorteile. (Lesen Sie auch: Zähes Ringen über Jahre - Elf-Apostel-Haus wird nun endlich saniert)

Am Montag war das Flugblatt in der Tanner Kernstadt verteilt worden – auch im Rathaus kam es an. Damit hatte der am Abend turnusgemäß tagende Magistrat ein zusätzliches Thema. Das Ergebnis ist eine Stellungnahme, in dem sich Bürgermeister Mario Dänner (parteilos) als Sprecher des Gremiums von dem Text klar distanziert.

Mitautorin Willing: „Flugblatt nicht gegen Behinderte gerichtet“

Wie sich die beiden Mitunterzeichner in der Sitzung positionierten, ist nicht bekannt: Magistratssitzungen sind vertraulich. Auch die Tanner Diakonie reagiert mit einer offiziellen Stellungnahme. Aus beiden Texten zitieren wir.

Mit-Autorin Andrea Willing unterstreicht im Telefonat mit der Redaktion, das Flugblatt enthalte Sachdarstellungen. Es sei nicht gegen Behinderte gerichtet. Sie selbst, so betont Willing, setze sich seit acht Jahren mit einem inklusiven Walking-Angebot für ein gutes Miteinander mit behinderten Menschen ein.

Flugblattaktion in Tann: Stimmen Bürgermeister und Co.

„Dies ist keine Initiative der FDP Tann“, unterstreicht Willing. „Es ist ein Schreiben von drei Menschen, die sich für ihre Heimatstadt engagieren. Wir haben es nicht verfasst, um Politik zu machen, sondern um einen Sachverhalt darzustellen.“

Es befremde sie, dass es nun offenbar Stellungnahmen dazu gebe, die die Flugblatt-Verfassenden aufgrund ihrer Position zur Präsenz der Diakonie-Klienten in der Innenstadt „in eine Ecke stellten“. Offenbar dürfe man manches nicht mehr sagen, ohne gleich in eine Schublade gesteckt zu werden.

Sie habe Lob dafür erhalten, weil sie diesen Sachverhalt ausgesprochen habe. Und sie wisse nicht nur von anderen, sondern auch aus eigenem Erleben, dass Tann-Touristen aufgrund der hohen Präsenz von Menschen mit Behinderung nicht mehr in die Stadt kommen wollten.

Dänner: „Sind stolz, eine solche Einrichtung in Tann vorhalten zu können“

„Der Magistrat und auch ich als Bürgermeister distanzieren sich deutlich von diesem Schreiben“, heißt es in einer Stellungnahme von Bürgermeister Mario Dänner aus dem Rathaus. „Weder Inhalt noch viele der dargestellten Fakten entsprechen der Realität.“ Die Tanner Diakonie gehöre mit ihren Klienten seit Jahrzehnten zu Tann und man sei stolz, eine solche Einrichtung in Tann vorhalten zu können.

Fälschlicherweise suggerierten die Flugblatt-Autoren zudem, dass die Tanner Diakonie nicht zur Wertschöpfung der Stadt beitrage. Schon durch die Präsenz der Klienten wachse die Summe der Gelder, die Tann über die Steuerumlagen und Schlüsselzuweisungen erhalte. Bei der Umsetzung des Dorferneuerungsprogramms IKEK werde man sich weiter intensiv und transparent für eine Wiederbelebung der Tanner Geschäftszeile bemühen. (Lesen Sie hier: Tann wartet auf die Millionen - Corona bremst beim IKEK)

Statement von Stefan Burkard: Das sagt die Tanner Diakonie

„Ich werde das Niveau des Papiers nicht bewerten“, schreibt Stefan Burkard, Geschäftsführer der Tanner Diakonie, in einer offiziellen Reaktion. Das Papier bedürfe in vielen Punkten der Richtigstellung. Es werde generell politisch angestrebt, dass Menschen mit Beeinträchtigungen ein normales Leben führten. Dazu gehöre auch, dass sie in kleinen, dezentralen und mitten im Ort eingebundenen Wohnungen lebten.

„Diese Entwicklung hat die Tanner Diakonie schon sehr früh gepflegt, deshalb wird es auch nicht zum Bau von Großeinrichtungen durch uns kommen“, sagt Burkard. Deshalb sei es auch richtig, dass die Menschen mit Behinderung auch im Tanner Stadtbild präsent seien, wenn sie es wollten. „Uns liegen keine Kenntnisse vor, dass langjährige Gäste Tann den Rücken kehren, weil Menschen mit Beeinträchtigung eine Belästigung darstellen“, betont Burkard.

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