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Menschen in Tann zeigen Solidarität - Flugblatt bei Mai-Markt großes Thema

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Von: Sabrina Mehler

Tolles Wetter, viele Stände, Menschen in Shopping- und Genießer-Laune: Der Sonntag war ein Tag, wie er kaum schöner hätte sein können. Trotzdem wurde der Mai-Markt in Tann in der Rhön im Landkreis Fulda vom Aufruhr um das Flugblatt dreier Kommunalpolitiker überschattet.

Tann - Hunderte Menschen schlängelten sich am Sonntag (8. Mai 2022) durch die Straße in dem Rhön-Städtchen, die von allerlei verschiedenen Ständen mit Deko, Nützlichem und Kulinarischem gesäumt war. Am Stand der Diakonie in Tann (Landkreis Fulda) gab es indes nur ein Thema.

Viele Menschen hatte es in der vergangenen Woche bestürzt: das Flugblatt, in dem Tann als „Sonderwelt“ bezeichnet wird, da die Präsenz des Diakoniezentrums allgegenwärtig sei (lesen Sie auch hier: „Die Aussagen sind grundfalsch“ - Tanner FDP distanziert sich von Behinderten-Flugblatt).

Fulda: Menschen in Tann zeigen Solidarität - Flugblatt beim Mai-Markt großes Thema

„Die Bürgerinnen und Bürger haben das Bedürfnis, darüber zu reden und mir und meiner Mannschaft zu signalisieren, dass wir hier gewollt sind, dass unsere Arbeit gut ist und dass sie enttäuscht von diesen Äußerungen sind“, erklärte Stefan Burkard, Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH.

Ihm zur Seite stand am Sonntag auch Bürgermeister Mario Dänner (parteilos), der immer wieder Rede und Antwort stand und seine Forderungen bekräftigte: „Die drei Personen müssen sich nicht nur entschuldigen, sondern auch von ihren Ämtern zurücktreten.“ (lesen Sie auch hier: Streit um Tanner Flugblatt reißt nicht ab - CDU und SPD fordern Rücktritt der Schreiber).

Die Portraits behinderter Menschen erhielten beim Mai-Markt in Tann viel Aufmerksamkeit.
Die Portraits behinderter Menschen erhielten beim Mai-Markt in Tann viel Aufmerksamkeit. © Sabrina Mehler

Alle Reaktionen, die er erhalte, seien positiv. „Viele fragen mich, was diese Personen erreichen wollten. Aber darauf hat keiner eine Antwort, auch ich nicht.“ Dänner unterstrich auch, wie sehr der traditionelle Stand der Diakonie auf dem Frühlingsmarkt begrüßt wird.

„Das ist ein Stand, den es schon immer gab und der ganz normal ist. Es ist traurig, dass man das betonen muss.“ Tatsächlich erhielten die Bewohner der Diakonie, die unter anderem bunte Vogelhäuschen, hübsches Geschirr, allerlei Dekoration sowie Kaffee und Kuchen anboten, viel Rückenwind.

„Wir haben uns bewusst dafür entschieden, hier bei der Diakonie ein Stück Kuchen zu essen“, erklärte etwa Mechthild Schmitt, die von der Flugblatt-Aktion „erstaunt war, um es milde auszudrücken“. Sie hoffe, dass man nun in Tann Schadensbegrenzung betreiben könne: „Ich bin dafür, dass alle drei zurücktreten.“

Fulda: Das Flugblatt-Thema war beim Mai-Markt in Tann allgegenwärtig

Ihr schloss sich Rita Koch an: „Behinderte Menschen gehören zu unserer Gesellschaft. Wer das nicht akzeptieren kann, der gehört nicht nach Tann.“ (lesen Sie auch hier: Druck auf Tanner Flugblatt-Autoren nimmt zu - FDP leitet Fraktionsausschlussverfahren ein).

Dass das Thema während des Marktes allgegenwärtig war, lag auch an den großflächigen Portraits von behinderten Menschen, die entlang der Marktstraße aufgestellt waren. Diese hatte der Fuldaer Fotograf Walter Rammler vor einigen Jahren für eine Ausstellung für die Diakonie fotografiert.

Er war am Sonntag ebenfalls vor Ort und bezeichnete die Plakate als „Stolperbilder“. „Wir wollen den Besuchern des Marktes zeigen: Das sind Menschen wie du und ich.“  Tina Werrbach, Mitarbeiterin der Diakonie, beschäftigte das Flugblatt am Sonntag ebenfalls noch, während sie die ausgestellten Bilder betrachtete.

Bewohner und Mitarbeiter der Tanner Diakonie mit ihrem Geschäftsführer Stefan Burkard (Sechster von links) erhielten beim Mai-Markt viel Rückendeckung und Solidarität – unter anderem von Bürgermeister Mario Dänner (links) und Walter Rammler (Fünfter von links).
Bewohner und Mitarbeiter der Tanner Diakonie mit ihrem Geschäftsführer Stefan Burkard (Sechster von links) erhielten beim Mai-Markt viel Rückendeckung und Solidarität – unter anderem von Bürgermeister Mario Dänner (links) und Walter Rammler (Fünfter von links). © Sabrina Mehler

„Die getätigten Aussagen sind für die Menschen, die in Tann mit einer Behinderung leben, diskriminierend. Und ich kann verstehen, dass diese nun enttäuscht sind.“ Während des Marktes ließen sich auch viele Kommunalpolitiker sehen: FDP-Kreisvorsitzender Mario Klotzsche war dort ebenso unterwegs, wie Grünen-Landtagsabgeordnete Silvia Brünnel.

Sie erklärte: „Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft bedarf es des Abbaus der Barrieren in den Köpfen.“ Es brauche ein gelebtes Miteinander, ohne Ausgrenzung. „Jeder Mensch, mit und ohne Behinderung, hat ein Recht auf ein gleichberechtigtes Leben in unserer Gesellschaft.“

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